Iran-Krieg

Von Krieg, Dilemma und Frieden

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Ein Mann lächelt in die Kamera und gestikuliert mit den Händen.
Nachweis

Foto: Matthias Schatz

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Christian Braun in der Bibliothek des Instituts für Theologie und Frieden in Hamburg.

Interview mit dem katholischen Friedensforscher Christian Braun über die Legitimität des Angriffs der USA und Israels auf das Mullah-Regime im Iran aus kirchlicher Sicht.

Christian Braun leitet das Institut für Theologie und Frieden (IThF) und das Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften (Zebis) in Hamburg. Der gebürtige Saarländer promovierte an der Universität Durham im Vereinigten Königreich über Aspekte des „gerechten Krieges“ mit einer politikwissenschaftlichen Dissertation und war anschließend an der britischen Militärakademie in Sandhurst, am King's College in London und an der Radboud Universität im niederländischen Nijmegen tätig (siehe Neue Kirchenzeitung Nr. 23/2025).

Von katholischer Seite ist der Angriff auf den Iran kritisiert worden. Welche Kriterien liegend dem zugrunde?

Man muss unterscheiden zwischen der völkerrechtlichen und der ethischen Bewertung. Aus beiden Perspektiven ist dieser Krieg nicht legitim. Vom Heiligen Stuhl wird stark die völkerrechtliche Perspektive eingenommen. Denn es gibt in der katholischen Lehre die Betonung des Völkerrechts. Also Frieden durch Recht. Und das ist natürlich auch ein ethisches Argument. Dahinter steht der Wunsch, dass man einen weltweiten Frieden durch eine regelbasierte Ordnung herstellen kann. Da wird es dann kritisch, wenn Staaten wie Israel und die USA diese regelbasierte Ordnung aushöhlen, indem sie das Völkerrecht brechen.

Und wie sieht es aus der Perspektive der katholischen Ethik aus?

Aus dieser Perspektive gibt es sechs Kriterien, die eine mögliche Gewaltanwendung rechtfertigbar machen: legitime Autorität, gerechter Grund, gerechte Absicht, Verhältnismäßigkeit, letzter Ausweg und Chance auf Erfolg. Alle sechs müssen erfüllt sein. Ein gerechter Grund ist aus katholischer Lehre heraus nur die Selbstverteidigung und unter strikten Bedingungen möglicherweise die „Responsibility to Protect“, also die internationale Schutzverantwortung.

Und inwiefern ist die in diesem Fall nicht gegeben?

Israel und die USA haben vor allem angeführt, dass es ein Präventivkrieg ist. Da ist die etablierte Lehrmeinung sehr klar. Sie unterscheidet zwischen einem präemptiven und einem präventiven Krieg. Präemptiv ist Teil der Selbstverteidigung, präventiv nicht.

Worin besteht der Unterschied?

Präemptiv bedeutet, dass man einem unmittelbar bevorstehenden Angriff zuvorkommt. Es muss eine überragende Notwendigkeit zur Selbstverteidigung geben, die keine Wahl der Mittel und keine Zeit zur weiteren Überlegung lässt. Nach allem, was wir wissen, stand der Iran nicht unmittelbar davor, Atomwaffen zu besitzen. Es gab sehr wohl ein Atomprogramm. Das haben aber die USA und Israel nach eigener Aussage im vergangenen Jahr zum großen Teil zerstört. Daher ist das kein präemptiver Schlag, sondern ein präventiver. Der Iran wurde angegriffen, weil er möglicherweise irgendwann in der Zukunft Atomwaffen haben könnte. Ein anderes nicht erfülltes Kriterium ist die Chance auf Erfolg. Denn es ist völlig unklar, was man überhaupt erreichen möchte. Es scheint mir kein Ziel zugeben, was nach der Anwendung militärischer Gewalt kommen soll.

Der Angriffskrieg wird aber auch damit gerechtfertigt, dass im Iran ein Regime herrscht, das seine Bevölkerung unterdrückt und im Januar schätzungsweise 30 000 Menschen regelrecht ermordet habe.

Das ist ein sehr wichtiger Punkt, der zu einem weiteren möglichen gerechten Kriegsgrund führt: die internationale Schutzverantwortung, oder humanitäre Intervention. Wenn ein Regime offensichtlich in großem Maßstab das Volk knechtet und unterjocht, kann es möglicherweise gerechtfertigt sein, dass die internationale Gemeinschaft Gewaltmittel einsetzt, um diese Unterdrückung zu beenden. Das wurde erstmals 2011 in Libyen angewendet und ging auch durch den UN-Sicherheitsrat. Und das ist eben der Punkt: Völkerrechtlich legitim wäre das nur, wenn der UN-Sicherheitsrat dem zustimmen würde.

Dann würden die USA bezüglich des Iran wohl argumentieren, dass dann China oder Russland ein Veto einlegen würden und uns die Hände gebunden wären.

Da kommt dann die ethische Überlegung wieder ins Spiel. Aus katholischer Sicht soll eine Entscheidung die Staaten zusammenbringen und nicht spalten. Sonst nähmen sich viele Länder das Recht heraus, jeglichen Angriff damit zu rechtfertigen, er sei eine humanitäre Intervention. So hat es beispielsweise Putin gemacht, als er argumentierte, er müsse im Osten der Ukraine intervenieren, weil dort die russischsprachige Bevölkerung unterdrückt werde. Die ethische Überlegung ist: Wehret den Anfängen! Dazu gibt es ein sehr aussagekräftiges Zitat aus der Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus: „So entscheidet man sich dann leicht zum Krieg unter allen möglichen angeblich humanitären, defensiven oder präventiven Vorwänden, einschließlich der Manipulation von Informationen. In der Tat gaben in den letzten Jahrzehnten alle Kriege vor, gerechtfertigt zu sein.“

Was bedeutet das generell und speziell in diesem Fall?

Man muss sich sehr gut überlegen, ob man etablierte Regeln des Völkerrechts beiseite lässt, auch wenn es auf den ersten Blick gerechtfertigt erscheint. Man muss immer auch die Konsequenzen bedenken. Deshalb hat sich auch jetzt der Heilige Stuhl sehr skeptisch und ablehnend geäußert über diese Intervention. Es zeigen sich leider auch immer wieder Dilemmata, wo man aus ethischer Sicht nur verlieren kann. So teils auch hier. Denn aus christlicher Sicht wäre es natürlich zu begrüßen, wenn es im Iran einen Wandel und eine neue Regierung gäbe, die dem iranischen Volk die Freiheit ermöglichte.

Im Falle des Krieges in der Ukraine werden die Dinge von katholischer Seite anders gesehen.

Hier ist die legitime Selbstverteidigung absolut gegeben. Völkerrechtlich gesehen ist das einer der klarsten Fälle, die man sich überhaupt vorstellen kann. Aus ethischer und völkerrechtlicher Sicht wäre es sogar legitim gewesen, wenn die Ukraine in den Tagen vor der Invasion die Panzer auf der russischen Seite angegriffen hätte. Da stand der Angriff unmittelbar bevor, es gab eine überragende Notwendigkeit, es gab keine Wahl der Mittel und keine Zeit zur weiteren Überlegung.

Aber wie sieht man denn dabei das ethische Kriterium der Chance auf Erfolg? Viele haben nach dem russischen Angriff damit gerechnet, dass die Ukraine in kurzer Zeit besiegt sein wird.

Einige Friedensethiker sagen, wenn die Chance auf Erfolg anscheinend nicht gegeben ist, müsse man unterscheiden zwischen einem „war of necessity“, einem notwendigen Krieg, und einem „war of choice“, einem selbst gewählten Krieg. Diese Diskussion kommt auch im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg auf. Die New York Times schrieb beispielsweise, Trump habe sich für einen „war of choice“ entschieden. Aber für die Ukraine ist der Krieg ein „war of necessity“. Wenn die Ukraine den Krieg nicht führte, dann gäbe es die Ukraine nicht mehr. Folglich solle man das Kriterium der Chance auf Erfolg in einem „war of necessity“ lockerer interpretieren oder sogar beiseite lassen. Bei einem „war of choice“ sollte es hingegen eine noch stärkere Bedeutung haben, weil man sich nicht leichtfertig in ein militärisches Abenteuer stürzen sollte, dessen Ende man gar nicht bedacht hat.

Was den Iran-Krieg angeht, gibt es Beschwerden von US-Soldaten, sie würden mit einer Rhetorik des Heiligen Krieges in den Kampf geschickt.

Ja, das ist gerade aus christlicher Sicht sehr besorgniserregend. US-„Kriegsminister“ Pete Hegseth präsentiert sich als christlicher Nationalist.  Er hat auch das Kreuz der Kreuzfahrer auf der Brust tätowiert. Das deutet ebenso darauf hin, dass der Krieg von Teilen der US-Seite aus als eine Art Kreuzzug gegen die Muslime gesehen wird und man sich allgemein darin gefällt, Rechtfertigungen zu verwenden, die in diese christlich-nationalistische Ecke gehen.

Aber der Begriff Kreuzzug ist in der Vergangenheit in den USA häufig für einen Krieg verwendet worden. George W. Bush sprach im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg beispielsweise auch von einem "Crusade".

Man muss dabei unterscheiden zwischen der metaphorischen Anwendung des Begriffs "Kreuzzug" und der praktischen Anwendung durch Hegseth. Bush ging es darum, in einem übrigens ebenfalls illegitimen Krieg, die Freiheit zu verbreiten und nicht darum, dass es ein Kreuzzug gegen die Muslime sei. Hegseth sagt aber, für diesen Krieg gebe es keine "rules of engagement", also Reglementierungen militärischer Gewalt. Und damit geht es in gewisser Weise zurück ins Mittelalter. Damals gab es die Regeln des gerechten Kriegs für einen Krieg, wenn christliche Herrscher gegeneinander kämpften. Es gab aber keine Regeln für den Heiligen Krieg, wenn Christen gegen die Ungläubigen kämpften. Das hat bei Hegseths Rhetorik also die Konnotation: gegen die Muslime ist alles erlaubt; wir können machen, was wir wollen, da gilt das Völkerrecht nicht.

Inwiefern zielt dies auch auf Wähler Trumps in Kreisen fundamentalistischer Christen ab?

Im Blick auf die fundamentalistischen Christen in Amerika gab es auch immer die Argumentation, bevor der Herr zurückkommen kann, muss der Boden bereitet sein. Deshalb müssen wir auch die Muslime aus dem Heiligen Land entfernen. Das taucht auch in diesen rechtsradikalen christlichen Kreisen auf.  Das ist aus christlicher Perspektive sehr besorgniserregend.

Wie steht es da um die katholische Kirche in den USA, die sie ja auch sehr gut kennen?

Die katholische Kirche in den USA ist stark polarisiert. Es gibt einen Teil der Bischofskonferenz, der sehr konservativ ist. Nicht so sehr mit Blick auf Krieg und Frieden, aber mit Blick auf das II. Vatikanische Konzil – wie man beispielsweise mit der Alten Messe umgehen soll. Und dann gibt es progressive Strömungen. Der Erzbischof von Chicago hat sehr stark Videos in sozialen Medien kritisiert, in denen Kriegshandlungen im Iran mit Gladiator-Musik unterlegt worden waren.

Welche Rolle spielt dabei der Papst, der ja auch US-Amerikaner ist?

J.D. Vance hat Leo zu den Feierlichkeiten anlässlich des 250jährigen Bestehens der USA eingeladen. Aber der Papst fährt dann nicht in die USA, sondern auf die italienische Insel Lampedusa, auf der viele Flüchtlinge ankommen. Das ist bestimmt kein Zufall, sondern ein politisches Zeichen gerade auch im Blick auf die US-Einwanderungspolitik. Aber der Papst ist kein Politiker, er wird Trump nicht direkt kritisieren. Allgemein kann man feststellen, dass er sich mit Blick auf Krieg und Frieden aus meiner Sicht „professioneller“ verhält als Franziskus. Es hat bislang von ihm keine ad hoc Interviews zu diesen Fragen gegeben, wie sie Franziskus teilweise in widersprüchlicher Form gab. Er lässt vielmehr die „Profis“ ran wie Kardinal Parolin, den Kardinal-Staatssekretär. Der hat auch gesagt, der Präventiv-Krieg gegen den Iran sei hochproblematisch. Der Papst spricht im Allgemeinen, verurteilt Krieg als solchen. Aber er begibt sich nicht mehr in diese Untiefen, wo es sehr komplex wird.

Interview: Matthias Schatz

Institute fusionieren – und Christian Braun wird ausgezeichnet

Christian Braun (39) ist dabei, das Institut für Theologie und Frieden (IThF) und das Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften (Zebis) zu einer neuen Denkfabrik zusammenzuführen, die sich stärker als ihre beiden Vorläufer zu aktuellen Fragen äußert. Sie wird „Institut für Frieden und Militärethik“ (IFME) heißen. Träger wird weiterhin die Katholische Soldatenseelsorge in Berlin sein.

„Der Name fasst genau die katholische Friedenslehre zusammen“, sagt Braun. „Der Frieden kommt zuerst, denn er ist immer das Ziel. Es geht nie um die Rechtfertigung des Krieges, sondern darum, wie man einen gerechten Frieden erreicht.“ Gleichzeitig akzeptiere die katholische Lehre aber auch, dass es unter Bedauern Fälle gebe, bei denen die Anwendung von militärischer Gewalt rechtfertigbar sei. „Das bringt uns dann zur Militärethik. Auch wenn Gewalt rechtfertigbar erscheint, muss sie reguliert werden.“

Die Zahl der Mitarbeiter soll um vier erhöht werden. Neben einer Stelle für Kommunikation soll es Positionen geben, die sich um Fragen der Künstlichen Intelligenz beim Militär, neue Bildungsangebote für die Bundeswehr und eine hauseigene Publikation kümmern. Zudem wird ein Fellowship-Programm für Gastwissenschaftler eingeführt, das nach Pater Franz Reinisch benannt werden soll. „Reinisch war der einzige katholischen Priester, der den Fahneneid auf Hitler verweigert hatte“, berichtet Braun. Deswegen sei er von den Nazis hingerichtet worden. „Ich habe den Namen gewählt, weil das für das Konzept der Inneren Führung bei der Bundeswehr relevant ist, das die Gewissensfreiheit des Soldaten als Staatsbürger in Uniform betont.“

Ende März wird Christian Braun zudem von der Sektion „Internationale Ethik“ der International Studies Association (ISA) mit dem Preis als „Emerging Scholar“, also als „Jungwissenschaftler“ ausgezeichnet. Die Ehrung erfolgt auf der jährlichen Tagung dieser größten Vereinigung von Politikwissenschaftlern in Columbus im US-Bundesstaat Ohio. „Das ist eine große Ehre und soll eine Anerkennung für meine interdisziplinäre Arbeit sein“, sagt Braun. Er sehe dies zudem als große Chance, das neue Institut bekannt zu machen, da dort viele führende Wissenschaftler zusammenkämen. Allerdings: Einige namhafte Leute würden aus Protest gegen die Trump-Administration nicht teilnehmen. Autor: atz