Erinnerung an Bischof Leo Nowak

Gemeinsame Ziele – seit 75 Jahren

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Willi Kraning (links) und Magdeburgs Altbischof Leo Nowak werden vom Magdeburger Bischof Gerhard Feige (rechts) geehrt
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Foto: Bistum Magdeburg

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Kein Jubiläum ohne einander: Altbischof Leo Nowak und Domkapitular Willi Kraning beim 90. (Foto oben) und 97. Geburtstag Leo Nowaks (Foto am Ende) und mit anderen Weihejubilaren im Jahr 2021 im Hohen Dom zu Paderborn (Foto in der Mitte). Am 10. Mai hätte Altbischof Leo Nowak gemeinsam mit Willi Kraning sein 70. Priesterjubiläum gefeiert.

Den verstorbenen Altbischof Leo Nowak und seinen Weihebruder, Domkapitular Willi Kraning, verband eine langjährige Freundschaft. Gemeinsam suchten sie neue pastorale Wege und sprachen noch am Sterbebett miteinander. Willi Kraning erinnert sich an einen Bischof, der voller Hoffnung durchs Leben ging.

Wir kennen uns seit 75 Jahren, vom ersten Tag des Theologiestudiums in Paderborn an. Leo Nowak kam aus Magdeburg – einer von uns fragte „Wo liegt das? In Polen?“ – so weit weg von unseren Vorstellungen und Erfahrungen lag die „Ostzone“. So hieß die untergegangene DDR im westdeutschen Jargon. Ich kam aus dem Ruhrgebiet.

Für uns beide war Paderborn ein unbekanntes Terrain, vor allem wegen der katholischen Luft, die uns nicht so gefiel. Im Herbst 1952 mussten wir uns trennen. Die DDR-Regierung hatte die Errichtung einer katholischen Hochschule für die Ausbildung junger Männer zu Priestern genehmigt. Sie wurde in Erfurt errichtet und alle, die im Gebiet der DDR geboren waren oder dort Verwandte hatten, konnten und sollten jetzt dort studieren. Leo Nowak ging nach Erfurt, ich nach München. Im September 1955 trafen wir uns auf der Huysburg im Priesterseminar wieder. Beide waren wir schon zu Diakonen geweiht, Leo Nowak in Magdeburg, ich in Paderborn. Nach unserer gemeinsamen Priesterweihe am 10. Mai 1956 in Magdeburg waren wir dienstlich denkbar weit auseinander. Leo Nowak begann den priesterlichen Dienst in Seehausen, ganz im Norden des Kommissariats Magdeburg. Ich hatte meine erste Stelle in Zeitz, ganz im Süden. Ein Jahr später entwickelte Leo Nowak eine erste außerordentliche pastorale, seelsorgliche Aktivität: In den zerstreut liegenden Dörfern im Gebiet der Altmärkischen Wische sollten wir Mission halten. Er holte seine fünf Kursgenossen zu einer „missionarischen Woche“ in die Altmark. Das Thema lautete „Jesus Christus – der Weg zum Leben“. An jedem Nachmittag und Abend waren wir in sechs Dörfern unterwegs zu Vortrag, Gespräch, Gottesdienst und Beichte.

Willi Kraning (links) und Bischof Leo Nowak (rechts) zusammen mit anderen WeihekollegenAußerordentliche pastorale Aktivitäten prägten das Leben des verstorbenen Bischofs. Die Gründung von Familienkreisen und die Jugendlager im Sommer in Mecklenburg prägten seine Seelsorge als Vikar. Als Referent in der Erwachsenenseelsorge war es vor allem „marriage encounter“ – eine Anleitung für die bewusste Kommunikation zwischen Paaren. Leo Nowak wollte so helfen, dass Beziehungen lebendig bleiben. Angestiftet hatten ihn die vielen Seelsorge-Erfahrungen mit gefährdeten Ehen. „Die beste Methode, Streiten zu lernen, ist die Ehe“, hat er mir einmal gesagt. Streit ist notwendig. Da entwickelt sich Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit. Keiner gibt sich auf. Notwendig ist der Brückenbau. Gestritten wird, um die beste Lösung zu finden, nicht, um sich durchzusetzen. Das kann man lernen. Ich kenne eine Reihe von Paaren, die ihr lebendiges Zusammensein der „marriage encounter“-Bewegung verdanken.

„Die Hoffnung war seine Triebfeder“

1999 schlug ich dem nun verstorbenen Bischof eine gemeinsame Suche des ganzen Bistums nach dem richtigen pastoralen Weg vor. Er war sofort Feuer und Flamme und fand auch den richtigen Namen dafür: PZG – Pastorales Zukunftsgespräch. Von allen Ergebnissen war der theologische Grundlagentext für ihn der wichtigste. Er trägt den Titel „Der Hoffnung Raum geben“. Aus diesem Dokument hat er folgenden Satz am häufigsten zitiert: „Wir wagen den Aufbruch. Wir wollen eine Kirche sein, die sich nicht selbst genügt, sondern die allen Menschen Anteil an der Hoffnung gibt, die uns in Jesus Christus geschenkt ist. Seine Botschaft verheißt den Menschen ‚das Leben in Fülle‘, auch dann, wenn die eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.“ Die Hoffnung, die das Evangelium schenkt, hat sein Leben geprägt. Diese Hoffnung war seine Triebfeder, seine Unruhe und sein Vertrauen. „Was bringt uns das Evangelium mehr als andere Botschaften?“ Für Leo Nowak war es die Hoffnung und die Barmherzigkeit. „Letztlich ist es Jesus Christus selbst, der zum Aufbruch ruft. Nicht wir erneuern unsere Kirche, sondern er selbst tut es. Im Hören auf ihn geben wir dem Wirken Gottes Raum.“ So hat er geschrieben.

Sein bischöfliches Leitwort hat er aus dem Epheserbrief (1,10) gewählt: „Alles in Christus erneuern“ Das prägte sein Denken und Handeln. Ich erinnere mich an eine Predigt, in der er den Mitbrüdern erklärte, wie wir oft von verschiedenen Orten her auf die gleiche Sache schauen. Wir entdecken Verschiedenes. Und jeder hat Recht. Jeder und Jede hat seine und ihre eigene „Wahrheit“. Damit müssen wir leben. „Sowohl – als auch“ ist der Wirklichkeit näher als „entweder – oder“. Er konnte noch einen Spagat machen, wo ich schon aufgegeben hatte.

Bischof Leo Nowak erhält einen Blumenstrauß zu seinem 97. Geburtstag„Die Leute warten darauf“

Unsere Gespräche, vor allem in den letzten Monaten, hatten zunehmend diese Stichworte: loslassen – vertrauen – hoffen. Loslassen muss eingeübt werden. Das ist schwer. Menschen loslassen, Aufgaben loslassen, Urlaubspläne und Bewegungsmöglichkeiten loslassen, sich zuletzt einlassen auf die Verheißungen Gottes. Leo Nowak hat fröhlich gelebt. Einladend, offen und dialogbereit ging er der Zukunft entgegen.

Wenige Stunden vor seinem Tod – durch die Narkose war er noch nicht Herr seiner Sinne – verlangte er von mir immer wieder, dass ich ihm seine letzte Predigt bringen solle: „Sie ist fertig, bring sie mir. Die Leute warten darauf.“ Uns die Botschaft der Hoffnung zu bringen, war sein Verlangen, war sein Beruf. Sein gelebter Glaube steht in dem Satz des pastoralen Zukunftsgespräches „Christi Botschaft verheißt den Menschen das Leben in Fülle, auch dann, wenn die eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.“

Dank sei Gott, dass ich ihn als Freund hatte.

// Willi Kraning