Familien-Advent-Tag

Was Familien brauchen

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Nikolaus-Weihnachtsmann-Vergleich
Nachweis

Fotos: Ruth Weinhold-Heße

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Im Familiengottesdienst erklärt der Nikolaus den Unterschied zwischen ihm und dem Weihnachtsmann. Ein Bild, das mit einem Beamer an der Wand erscheint, macht es anschaulich.

Ehrenamtliche aus Borna und Umgebung wollten wissen, was sich Familien nach den Corona-Lockdowns von der Kirche wünschen. Aus einer Umfrage ist ein Angebot geworden, bei dem sich Eltern und Kinder willkommen fühlen.

In der Kirche St. Joseph in Borna herrscht am zweiten Adventssonntag einiger Trubel: Der Nikolaus erscheint im Gottesdienst und erklärt, was genau der Unterschied zwischen dem heiligen Nikolaus und dem Weihnachtsmann ist. Dann ruft er alle Kinder nach vorn und zieht aus seinem Sack Geschenke, darunter einen Schoko-Nikolaus und eine Nikolaus-Plätzchen-Ausstechform. Im Anschluss sind Eltern und Kinder noch eingeladen, zum Familien-Advent-Tag zu bleiben. Im Kellergeschoß der Gemeinde wird eine Tafel mit mitgebrachten Leckereien bestückt. Gemeinsam essen, kickern, basteln, Weihnachtslieder singen und erzählen  – das können Kinder, ihre Eltern und auch einige Großeltern. 

Wir wollen für Familien und mit Familien etwas anbieten

Seit Mai lädt die Kirchgemeinde unter „#NeuStartFamilie 2023“ zu besonders familienfreundlichen Formaten ein: Neben Familiengottesdiensten oder einer ökumenischen Martinsandacht sind das auch Mitbringbuffets oder Verweil-Cafés und eben Zeit zum Austausch. Philipp Ramm-Kokot kommt aus Neukieritzsch und hat einen dreijährigen Sohn. Er engagiert sich ehrenamtlich für diese Familienarbeit in der Gemeinde. Denn Vieles sei auf ältere Gemeindemitglieder ausgerichtet und Angebote für Kinder seit der Corona-Zeit eingeschlafen. Durch die Gründung der Groß­pfarrei 2020 wurden außerdem hauptamtliche Stellen abgebaut. Auf einem Gemeindezukunftstag, wurde deshalb überlegt, wie die Umstrukturierung der Pfarrei ehrenamtlich aufgefangen werden kann. Einer Gruppe waren Familien besonders wichtig. Philipp Ramm-Kokot sagt: „Wir wollen vor Ort Familien mobilisieren, weil wir für sie und mit ihnen etwas tun möchten.“
Erster Schritt dafür war, genau zu fragen, was sich Familien eigentlich wünschen. 2022 entwickelte die Gruppe einen wissenschaftlich begleiteten Fragebogen, der an alle katholischen Haushalte, in denen Kinder leben, verschickt wurde. Anna-Sophie Kupper studiert Soziale Arbeit in Leipzig und hat die Umfrage für ihr Studium entwickelt, weil sie sich für ein aktives Kinder-, Jugend- und Familienleben in der Gemeinde einsetzt. „Ich habe mir die Frage gestellt: Was brauchen die Familien für Unterstützung, um ihren Glauben zuhause weiterzugeben?“ Ein Drittel der versendeten Fragebögen kam beantwortet zurück. Die Ergebnisse zeigen ein gutes Bild von dem, wie Familien heute aussehen und was sie brauchen: Zum Beispiel sind rund die Hälfte der Familien rein katholisch, aber bei einem Drittel der Familien ist nur ein Elternteil katholisch, der andere ohne Konfession. Zehn Prozent der Eltern sind alleinerziehend. Gefragt wurde auch nach der christlichen Bindung im Alltag und welche Angebote Eltern in der Gemeinde für wichtig erachten. Ein großer Teil der Familien wünscht sich vor allem Raum, um in Kontakt mit anderen katholischen Familien zu kommen. Wöchentliche Angebote für Kinder waren nicht so häufig gewünscht, wie Angebote  zu besonderen Anlässen. 
 

Kinder-Bastel-Aktion
Die Kinder können Lebkuchenhäuser basteln während Eltern Zeit haben fürs Gespräch.

„Wir müssen uns klar sein: Kirche ist nur ein Randangebot am Sonntag neben Fußball oder Freiwilliger Feuerwehr“, sagt Ramm-Kokot. Da aber Vernetzung ein großer Wunsch war, gerade auch von neu zugezogenen Familien, wurde im März ein Willkommenstag in der Gemeinde für Familien angeboten. Dazu lud eine Postkarte ein, die wieder in den Briefkästen der katholischen Familien landete. Neben Familiengottesdienst, gemeinsamem Mittagessen und einem kleinen Programm, gehörte auch Kinderbetreuung zu dem Willkommenstag, sodass sich die Eltern in Ruhe austauschen konnten. Rund 40 Eltern beteiligten sich daran, neue Ideen zu sammeln, manche wollten sich einbringen und die Reihe „#NeuStartFamilie2023“ war geboren. „Wir machen nur das, was wir schaffen“, betont Philipp Ramm-Kokot und schraubt damit zu hohe Erwartungen herunter. „Unser Ziel ist aber, den Glauben und auch die Selbstverantwortung in der Gemeinde zu stärken.“
Johannes Kupper hat drei Kinder und ist vor vier Jahren aus Braunschweig wieder in seine alte Heimat zurückgezogen und hatte durch die Lockdowns zunächst wenig Kontakt. „Ich habe die Angebote deshalb dankend angenommen“, erzählt er. „Das Sich-Vernetzen hat gut gefruchtet. Und dass ich meine ganze Familie motivieren kann, mit in den Gottesdienst zu kommen, klappt besser bei solchen besonderen Familien-Aktionen.“ Er wünschte sich außerdem ein gemeinsames Familienwochenende. Dafür war er auch bereit, eine geeignete Unterkunft zu suchen und die Fahrt im September 2024 mitzuorganisieren.
Claudia Kullmann hat vier Kinder und freut sich, jetzt mit den Menschen wieder mehr Kontakt zu haben, die sie selbst in ihrer Kindheit und Jugend in der Gemeinde kennnengelernt hat. Die Angebote für Familien findet sie wichtig, denn sie nehmen die Bedürfnisse der Kinder mehr in den Blick und es dürfe auch mal laut werden. „Wir erziehen unsere Kinder im Glauben, deshalb hatte ich mir die regelmäßige Frohe Herrgottsstunde gewünscht, aber das fanden nicht alle so wichtig.“
Cäcilia Reiprich ist vor acht Jahren aus Leipzig in die Region gezogen und kommt jeden Sonntag in den Gottesdienst. Ihre Kinder treffen hier nicht immer auf andere katholische Kinder, wie sie es sich wünscht. „Kirche wandelt sich und ist nicht mehr so, wie sie war als ich Kind war“, sagt sie. „Aber ich vertraue darauf, dass der Heilige Geist trotzdem wirkt.“ 

Ruth Weinhold-Heße