Anstoß 20/2026
Wuteritis
Senderbeauftragter der katholischen Kirche beim Mitteldeutschen Rundfunk
Zuerst verliert man den Sinn für Zwischentöne. Man hört nicht mehr genau zu und sieht nicht mehr richtig hin. Dafür wird das, worauf man hört, immer lauter und greller. Die Sätze werden kürzer und die Information knapper. Immer häufiger wird dann aus normalen Gesprächen Streit, später Hass und Wut.
Dafür wird die eigene Meinung immer unumstößlicher und entwickelt sich kaum weiter. Wenn der andere nicht meiner Meinung ist, soll er es bleiben lassen. Diskussionen, eigentlich das A und O der Meinungsbildung, finden kaum noch statt.
Es ist sehr schwer, sich gegen diesen Virus zu wehren. Er wird vor allem durch das Internet verbreitet. In kurzen Posts, die emotional aufgeladen sind, meist Halbwahrheiten und Lügen enthalten und technisch häufig nicht schlecht, ja professionell, gemacht sind. Hoher Aufregungsfaktor und wenig Wahrheitsgehalt.
„Unbedingt teilen“, steht unter vielen solcher Posts.
Und das Teilen ist dabei wie Niesen ohne die Hand vor das Gesicht zu halten. Und wie jeder Virus hat er Auswirkungen auf unser Zusammenleben.
Aus einer Gesellschaft, die miteinander um die Wahrheit ringt, wird mehr und mehr ein Ort, an dem sich nur noch Standpunkte gegenseitig um die Ohren gehauen werden. Es gibt die Freunde, die auf meiner Seite stehen – die Feinde sind auf der anderen.
Aber es gibt ein probates Mittel gegen die Wuteritis. Sich einfach mal in die Position der anderen versetzen. Langsam versuchen, wieder zuzuhören und auch mal sich selbst und seine Meinung infrage stellen. Nicht immer muss man ja Recht haben. Manchmal haben es auch die andern und manchmal findet sich die Wahrheit gemeinsam in der Mitte. Das ist anstrengend, aber das war es schon immer. Nur durch gemeinsamen Austausch, durch konstruktiven Streit, entwickeln wir uns weiter. Unser Kopf ist rund, damit das Denken auch mal die Richtung wechseln kann.
Ich wünsche Ihnen ein gutes Immunsystem.