Anstoß 07/2026
Kirche ist für alle da
Bunt gekleidet war er und mit mehreren Taschen behängt. Kurze Zeit später saß ich bei meiner Familie in der Kirchenbank. Hinten stand der freundliche Herr von vorhin. Während die zukünftigen Erstkommunionkinder einzogen, klatschte der Mann und dirigierte zur Musik. Um ihn herum erstaunte Gesichter. Wer war das? Was wollte er hier? Auch ich runzelte die Stirn. Dass er mir die Tür aufgehalten hatte, fand ich sehr nett. Aber sein Verhalten während des Gottesdienstes irritierte mich.
Der unbekannte Gast, der sich nicht in die Gottesdienstgemeinschaft einzufügen schien, war der heimliche Star der Messe. Den ganzen Gottesdienst lang lief er hin und her, inspizierte kurz den Altarraum und dirigierte jedes Lied. Beim anschließenden Kirchenkaffee wurde ich gefragt, ob der neue Besucher wohl aus Gehlsdorf käme - bei uns in Rostock ein Synonym für die dort gelegenen Fachklinik für Psychiatrie. Ich zuckte mit den Schultern.
Zu Hause war der unbekannte Gast weiter Thema. Was der Mann denn wohl in der Kirche gewollt hätte? Warum er so komisch gewesen sei? Das war eine gute Gelegenheit, um daran zu erinnern: Kirche ist für alle da. Unsere Gottesdienste sind öffentlich und jeder sollte sich willkommen fühlen. Ein Bibelvers bringt das auf den Punkt: „Die Gastfreundschaft vergesst nicht! Denn dadurch haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.“ (Hebräerbrief 13,2)
Diese Haltung, davon bin ich überzeug, ist ein wesentlicher Kern unseres Glaubens. Es braucht die Offenheit für alle - gerade für die, die vielleicht woanders schwerer ihren Platz finden. Sei es im Gottesdienst. Oder bei anderen Formaten unserer Pfarrgemeinde. Ich bin jedenfalls gespannt, ob ich den neuen Gast jetzt häufiger sehe.