Anstoß 21/2026
Schlange stehen
katholische Polizeiseelsorgerin in Mecklenburg-Vorpommern
Eine Bekannte fiel mir auf. Als ich sie fragte, wofür sie denn anstehe, meinte sie: „Das wissen wir nicht. Aber es wird schon etwas Gutes geben.“ Ich war hin- und hergerissen: Einerseits bewunderte ich das Durchhaltevermögen der Menge. Andererseits sah ich mich selbst nicht in einer solchen Schlange stehen, wenn gar nicht klar war, wofür ich anstehe.
Menschen, die in einer Menge auf etwas warten, gibt es auch in den Bibelgeschichten. Da stehen sie zwar nicht vor einem Discounter. Aber sie umringen Jesus, um ihm beispielsweise zuzuhören. Sie harren geduldig aus, um ihn in Jerusalem einziehen zu sehen und zu bejubeln. Kurz vor seinem Tod konnten einige es nicht erwarten, bis er endlich gekreuzigt wurde. Vielleicht, so denke ich mir, wussten einige unter den Wartenden gar nicht so recht, „was es denn heute gab“. Sie waren zufällig vor Ort. Oder, weil sie neugierig waren. Andere folgten Jesus ganz bewusst.
Ich frage mich, ob mir immer klar ist, wem ich folge. In welche Reihe der Wartenden ich mich sozusagen einreihe. Bis ich hoffentlich das erreiche, sehe oder erfahre, was ich mir ersehne. Das Gefühl, in der falschen Reihe zu stehen, kenne ich. Spätestens, wenn ich dicht an die Quelle meiner Motivation herangekommen bin, wird es mir bewusst: War es das Warten wirklich wert? Vieles stimmt nicht so zufrieden, wie ich erhofft habe. Dann blicke ich auf andere Menschen und denke: Die wissen, worauf es im Leben ankommt. Sie warten geduldig in der richtigen Schlange. Und rücken langsam dem entgegen, wofür es sich lohnt, zu warten.
Eines habe ich bisher gelernt: Am schlauesten ist es, sich in die Menge einzureihen, die nicht nach Materiellem sucht. Deshalb hatte Jesus vermutlich auch so viele Anhänger. Weil er etwas im Angebot hatte, das einzigartig war: die frohe Botschaft. Für alle. Unabhängig davon, woher man kam, wieviel Geld man hatte und wie lange man schon wegen seiner Sehnsucht in der Menge stand und wartete.