Verhaltensweisen hinterfragen und „Demokratie-Muskeln“ stärken

Acht Tipps, um Frieden wieder neu zu lernen

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Friedenstaube
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Grafik: Imago/Dreamstime

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„Die weißen Tauben sind müde" ist Thema für Gesprächsabende über Frieden in der Katholischen Landvolkhochschule Oesede.

Ein Lied aus den 1980er Jahren erlebt gerade eine Renaissance. In krisengeschüttelten Zeiten ist der Songtitel für Bildungsreferentin Judith Soegtrop-Wendt die Grundlage, Verhaltensweisen neu zu lernen, die dem Frieden dienen.

 

Die weißen Tauben sind müde. 
Sie fliegen lange schon nicht mehr. 
Sie haben viel zu schwere Flügel.
Und ihre Schnäbel sind längst leer. 
Jedoch die Falken fliegen weiter. 
Sie sind so stark wie nie vorher.
Und ihre Flügel werden breiter. 
Und täglich kommen immer mehr. 
Nur weiße Tauben fliegen nicht mehr.
 

Dieser Song von Hans Hartz stammt aus dem Jahr 1982 und damit aus einer Zeit der Friedensbewegung und Kriegsangst. Das Lied erlebt gerade einen Relaunch, in der Popkultur ebenso wie beim Lebensgefühl vieler Menschen.

„Die weißen Tauben sind müde.“ Bewusst hat Judith Soegtrop-Wendt, Bildungsreferentin der am Stadtrand von Osnabrück gelegenen Katholischen Landvolkhochschule Oesede, den Songtitel für Gesprächsabende zum Thema Frieden gewählt. Sie betont: „Ich merke, wie bedrohlich die aktuelle Zeit auf uns wirkt.“ Mit der Frage „Müssen wir Frieden wieder neu lernen?“ möchte sie Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Abenden ermutigen, ihre eigenen Verhaltensweisen stärker zu hinterfragen und aufmerksam wahrzunehmen, was andere Menschen verunsichert, wie Sprache Haltung beeinflusst und wo Begegnungen fehlen.

Frieden zu lernen, das bedeutet für Judith Soegtrop-Wendt auch, Konflikte nicht grundsätzlich zu vermeiden, sondern sie auf eine Weise auszutragen, dass der Kontakt der Parteien zueinander erhalten bleibt. Acht Tipps, wie gesellschaftlicher und innerer Frieden wieder gelingen kann.

1. Ängste ernst nehmen und zuhören

Kriegs- und Zukunftsängste sollten nicht verharmlost werden. Viele, gerade auch junge Menschen erleben die aktuelle Zeit als belastend. Ihnen zu sagen, dass frühere Generationen ebenfalls schwierige Zeiten durchgemacht hätten, nimmt ihre Sorgen nicht automatisch ernst. Frieden beginnt auch damit, zuzuhören und Ängste erst einmal als berechtigt wahrzunehmen.

2. Eine respektvolle Sprache einüben

Sprache ist Ausdruck unserer Haltung und beeinflusst, wie wir andere Menschen sehen. Wenn Menschen pauschal abgewertet oder als Bedrohung dargestellt werden, kann sich diese Haltung verfestigen.  „Wenn die Sprache auf der schiefen Bahn ist, dann kommt das Handeln auf die schiefe Bahn“, sagt Judith Soegtrop-Wendt. Eine bewusste, respektvolle Sprache ist deshalb ein wichtiger Beitrag zum Frieden. Worte können Konflikte verschärfen – oder dazu beitragen, dass ein Gespräch möglich bleibt.

3. Zuhören, ohne sofort zu urteilen

Frieden setzt nicht voraus, dass alle derselben Meinung sind. Wichtig ist die Fähigkeit, auszuhalten, dass es nicht nur die eine Wahrheit gibt. Diese Toleranz hilft, Meinungsverschiedenheiten nicht sofort als Bedrohung zu empfinden. Auch wenn politische Ansichten fremd oder problematisch erscheinen, kann es hilfreich sein, zunächst nach den Beweggründen zu fragen: „Warum denkst du so?“ Zuhören bedeutet nicht, jede Meinung zu akzeptieren. Es schafft jedoch die Möglichkeit, den anderen Menschen zu verstehen und im Gespräch zu bleiben, anstatt ihn sofort auszugrenzen.

Soegtrop Wendt
Judith Soegtrop-Wendt ist Bildungsreferentin der KLVHS Oesede. Foto: privat

4. Bewusster Umgang mit digitalen Medien und KI

Unsere digitale Welt beeinflusst, wie wir denken. Die Algorithmen der sozialen Netzwerke halten Menschen in der eigenen Bubble, spielen das vor, was sie sehen wollen und was dazu passt. „Das beeinflusst natürlich, dass ich mit anderen Meinungen immer schlechter umgehen kann“, erklärt die Bildungsreferentin und warnt davor, dass immer mehr Menschen nicht mehr darin geschult darin sind, andere Meinungen auszuhalten. „KI nimmt uns das Denken ab“, warnt sie vor den Risiken digitaler Erschöpfung und dem Verlust grundlegender menschlicher Eigenschaften wie Verbundenheit und Sinnsuche durch Künstliche Intelligenz.

5. Demokratiemuskeln stärken

Judith Soegtrop-Wendt bringt gerne „Demokratiemuskeln“ ins Spiel, mit denen Menschen zentrale demokratische Grundfertigkeiten trainieren können. Zum Beispiel den Meinungsmuskel, der in Diskussionen gestärkt wird. „Ich sage in Seminaren immer: Jetzt diskutiert doch mal mit mir. Viele Menschen machen sich diese Mühe leider nicht mehr“, erzählt Soegtrop-Wendt. Den Streitmuskel sollte man ebenso trainieren wie den Neugiermuskel, der andere Meinungen als spannende Bereicherung statt als Bedrohung erlebt. Der Mutmuskel kann helfen, einfach mal „Nein“ zu sagen: „Das sehe ich anders. Nein.“ Und der Aktivismusmuskel treibt an, etwas auf die Beine zu stellen, was gesellschaftlich wichtig ist.

6. Grenzen setzen, ohne den Menschen abzuwerten

Friedfertigkeit bedeutet nicht, Intoleranz oder Menschenfeindlichkeit hinzunehmen. Es ist notwendig, klar zu widersprechen und gegebenenfalls ein Gespräch zu beenden. Sätze wie „Das sehe ich anders“, „Hier gehe ich nicht mit“ oder „Ich kann dieses Gespräch jetzt nicht weiterführen“ helfen, Grenzen zu setzen. Gleichzeitig kann die persönliche Beziehung bestehen bleiben: Man kann eine Haltung ablehnen und den Menschen dennoch respektieren.

7. Begegnung ermöglichen

Das Fundament der Demokratie ist Gemeinschaft. „Wir dürfen nicht aufhören, Menschen zusammenzubringen“, betont Judith Soegtrop-Wendt. Vorurteile entstehen häufig dort, wo Menschen kaum Kontakt zu anderen Lebenswelten haben. Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religionen und Generationen schaffen neue Erfahrungen und bauen Berührungsängste ab. Gesprächskreise, Bildungsangebote, Cafés, Chöre und gemeinsame Projekte können Räume schaffen, in denen Menschen einander wirklich kennenlernen. Auch in der Kirchengemeinde.

8. Gemeinsam Verantwortung übernehmen

Frieden braucht Menschen, die sich einbringen und einander den Rücken stärken. Dazu gehören ehrenamtliches Engagement, lokale Aktionen und der Mut, eigene Ideen umzusetzen. Besonders wichtig ist der Austausch zwischen den Generationen: Ältere Menschen können Jüngeren Zuversicht vermitteln, während junge Menschen neue Impulse einbringen und die Älteren damit ermutigen können. Frieden wird so zu einer gemeinsamen Aufgabe für alle und nicht zu einem abstrakten Ziel, das zu erreichen sich Einzelne ohnehin nicht zutrauen.

Astrid Fleute