Vandalismus

Angriffe auf Kirchen: Eine neue Dramatik

Image
Umgeworfene Kirchenbänke, Glasscherben und Zigarettenstummel in einer Kirche.
Nachweis

Foto: kna/Harald Opitz

Caption

Müll, Glasscherben und Zigarettenstummel: Auch so sieht Vandalismus in Kirchen aus. Doch es geht noch schlimmer, das weiß man nicht nur in Berlin oder Breisach. 

Angriffe auf Kirchen sind in Deutschland keine Seltenheit. Die Vorfälle werden schlimmer. Woran liegt das und was macht das mit den Menschen? Zwei Gemeinden berichten, wie sie mit dem Vandalismus umgehen.

Sie wollten seine Kirche anzünden. „An zwei Stellen haben Täter Holz aufgestapelt und Brandbeschleuniger darüber gekippt“, sagt Josef Wieneke, Pfarrer der Gemeinde St. Matthias in Berlin-Schöneberg. Ein Schock sei das gewesen, als Polizei und Feuerwehr ihn mitten in der Nacht in seiner Wohnung neben der Kirche wachklingelten. „Ich war dankbar, dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit vorbeikamen“, sagt Wieneke, „und das Feuer bemerkt haben.“

Schmierereien an der Fassade kennt man in St. Matthias schon länger. „Aber dass jemand ein Feuer legt“, sagt Wieneke, „das ist ein anderes Ausmaß. Das ist kein Kleinjungen-Streich mehr.“ Die Übergriffe würden heftiger. Erst kürzlich gab er einem Journalisten in der Kirche ein Interview zum Thema Vandalismus, da stahl jemand ein paar Meter von ihm entfernt die Krone einer Statue. Wieneke sagt: „Ich wurde in der Kirche auch schon angegriffen und angespuckt.“ Der Respekt vor der Kirche und ihren Mitarbeitern sinke.

Diebesgut war zu schwer: Täter ließen es zurück

Am anderen Ende Deutschlands steht das Breisacher Münster. Eine Touristenattraktion direkt am Rhein. Seit 25 Jahren sitzt Martin Hau im Stiftungsrat, er ist Vorsitzender der ländlichen Gemeinde. „Darum bekomme ich seit Jahren mit, wenn im Münster randaliert wird“, sagt er. „Ungefähr fünfmal im Jahr passiert das.“ Täter werfen Kerzenständer um, treiben „Unsinn an Opferkerzen“, beschmieren sie. Auch der Versuch, die Spendenkasse zu stehlen, ist ihm in Erinnerung geblieben: „Die war ihnen dann aber zu schwer.“ Auf halbem Weg durch die Kirche haben die Täter sie stehen lassen.

„Ungefähr fünfmal im Jahr passiert das.“

Berlin und Breisach – keine Einzelfälle. Bundesweit werden Kirchen zum Tatort. Laut Polizeistatistik waren sie 2024 ganze 111 Mal Opfer von Straftaten. Das klingt wenig, doch gegenüber 2023 bedeutet das einen Anstieg von 20 Prozent. Und: In diese Statistik werden nur jene Fälle aufgenommen, die politisch motiviert sind. Das wird häufig kritisiert – denn somit fallen alle anderen Fälle durch das Raster.

Etwa solche, die jüngst das Bistum Passau trafen: Unbekannte urinierten in der Kirche St. Severin ins Weihwasserbecken, Kerzen wurden von ihren Ständern geworfen. Auch im Bistum Trier: Dort schlug man einer 450 Jahre alten Statue den Kopf ab. Solche Vorfälle landen in der allgemeinen Kriminalstatistik unter Sachbeschädigung – da sie nicht als politisch motiviert eingestuft werden. Eine Gesamtübersicht der tatsächlichen Vandalismen in Kirchen – schwer herauszufinden.

Breisacher Münster, strahlend blauer Himmel.
Eigentlich ein ruhiger Ort: Das Stephansmünster in Breisach am Rhein. Doch zuletzt gab es hier mehrere Einbruchsversuche und Fälle von Vandalismus. Foto: Privat.

In Weihwasserbecken uriniert und Statuen geköpft

Gesicherte Zahlen gibt es nur für wenige Bundesländer. In Baden-Württemberg zum Beispiel wurden 2024 vom Landeskriminalamt etwa 734 Straftaten in und an Kirchen registriert. In NRW verzeichneten die zuständigen Stellen 413 und in Bayern 231 einschlägige Fälle. Die Deutsche Bischofskonferenz spricht von einer „quantitativ leichten Zunahme der schon zuvor massiven Häufigkeit von Vandalismusdelikten in und an Kirchen“.

Tür
Hier scheitert ein Einbruchversuch in das Breisacher Münster. Das Brecheisen konnten die Diebe wohl nicht mehr rechtzeitig aus der Tür ziehen. Foto: Martin Hau

Martin Hau hatte sich an die „kleineren Vorfälle“ in Breisach gewöhnt, sagt er. „Fast schon gleichgültig“ hätten sie ihn gemacht. Neu sei „die Dramatik“ der Angriffe. Vor allem bei der Beschädigung von Gegenständen, die für die Gemeinde vielleicht keinen riesigen finanziellen, aber doch einen hohen ideellen Wert haben: „Als die Osterkerze mutwillig zerstört wurde, hat mich das echt getroffen.“

Auch ein Einbruchsversuch hat Hau schockiert. Unbekannte versuchten, nachts in die Kirche einzudringen, kamen jedoch nur bis zum Turm. „Wir haben die Tür dann notdürftig repariert, aber in der nächsten Nacht sind sie wiedergekommen“, sagt Hau. Zum Glück sei es nur beim Einbruchsversuch geblieben. Die „besondere Dreistigkeit“ der Täter aber habe ihn empört.

Darum ging die Gemeinde mit den jüngsten Vorfällen an die Öffentlichkeit. In der Hoffnung, dass sich Zeugen melden – und um den Gläubigen zu zeigen, was alles passiert. „Viele waren erstaunt, als ich ihnen gesagt habe, dass die Einbrüche nur ein Teil einer ganzen Reihe von Vorfällen sind“, sagt Hau. Gefasst wurden die Täter nicht. Aber die öffentliche Debatte hat Folgen. Das Team der Ehrenamtlichen, die im Breisacher Münster Präsenz zeigen, ist angewachsen. Eigentlich beantworten die 20 Freiwilligen den Besuchern der Kirche Fragen und führen sie herum. Inzwischen sind sie ein Teil der Gewaltprävention. Der Effekt sei deutlich spürbar, sagt Hau: „Wenn jemand da ist, passiert nichts. Ohne das Team gäbe es mehr Vandalismus.“

Sorgen macht Hau sich trotzdem. Denn Unbekannte haben versucht, die Kirche der Nachbargemeinde anzuzünden, für die er auch zuständig ist. Nur weil zufällig jemand in die Kirche kam, konnte Schlimmeres verhindert werden. In Breisach will man nun weitere Schutzmaßnahmen ergreifen: Das Präsenzteam ist zu festen Zeiten in der Kirche, die Kameraüberwachung wird ausgebaut.

Die Kirche zu schließen, wäre für Hau und die Gemeinde aber keine Option. „Andere lassen die Kirche einfach zu“, sagt er. „Das wollen wir nicht.“ Auch Pfarrer Wieneke im Osten der Republik will seine Kirche nicht schließen. In der Hauptstadt setzen sie – ähnlich wie auf dem Land – vor allem auf Präsenz. Wieneke sagt: „Das ist das beste und bewährteste Mittel der Gewaltprävention.“ Zudem installierten sie ein Gitter, sodass die Besucher zwar in die Kirche, jedoch nicht in den Altarraum kommen. Mehr Beleuchtung gibt es auch.

Warum Kirchen angegriffen werden? Das sagt der Experte

Wieneke sieht hinter den Taten vor allem eine politische Motivation. Er berichtet, an den Fassaden seiner Kirche stehe immer wieder „Nieder mit der Kirche, nieder mit dem Patriarchat“ oder „My Body, my Choice“ – ein Slogan von Abtreibungsbefürwortern. Hau dagegen glaubt, dass vielen Menschen das Verständnis für sakrale Räume fehle – ihr emotionaler und spiritueller Wert verliere sich. Er sagt: „Früher war das nicht so.“

Der Religionssoziologe Detle Pollack sieht als Ursache des Vandalismus vor allem „antikirchliche und antireligiöse Tendenzen, die in Deutschland seit den 2010er Jahren deutlich zugenommen haben“. Sie hätten mit den Missbrauchsfällen und dem kirchlichen Umgang damit zu tun, sagt er. Und mit der Art, wie sie medial diskutiert würden. Pollack sagt aber auch: „Es gab immer eine breite Mehrheit, die das Christentum als Fundament unserer Kultur ansah.“ Die gebe es nach wie vor.

Darum müssten Kirchen offenbleiben – trotz aller Vorfälle, findet der Berliner Pfarrer Wieneke. „Kirchen sind zum Beten da“, sagt er. Auch er bete. Für die Täter und dafür, dass der Schaden sich in Grenzen hält, sollte wieder etwas passieren.

Lisa Discher

KOMMENTAR

Ein Hoch auf die Bewacher

Porträtfoto von Lisa Discher
Lisa Discher, Volontärin Zentralredaktion

Das muss man sich einmal vorstellen: Da gibt es Menschen, die ihre Kirche bewachen. Ehrenamtlich, in ihrer Freizeit. Damit niemand etwas stiehlt oder zerstört oder das Gotteshaus gar als Toilette benutzt.

Dieses Engagement verdient großes Lob – so bitter es ist, dass es gebraucht wird. Es ist ein Dienst an der Gemeinschaft und an der Geschichte. Vielleicht denken die Ehrenamtlichen daran, wie lange ihre Kirche schon da steht. Seit wie vielen Jahrzehnten oder
Jahrhunderten. Sie wollen, dass sie bleibt. Und dass die Täter, die ein oder mehrere Male gewütet haben, nicht wiederkommen. Die Ehrenamtlichen bleiben ihrer Kirche treu, gerade in schwierigen Zeiten. Als gläubige Gemeindemitglieder sind sie selbst direkt von der Gewalt betroffen. Schließlich sind sie es, die dort nicht mehr in Ruhe beten können, wenn die Bänke der Kirche angezündet worden sind oder einer Heiligenstatue der Kopf abgeschlagen worden ist.

Mit ihrem Dienst tun die Kirchenbewacher Gutes. Sie schützen das Gebäude, das ihnen so viel bedeutet, und kommen mit den Menschen, die die Kirche besuchen, ins Gespräch. Sie stützen die Kirche, die ihnen und anderen eine Stütze ist. Vor allem aber sorgen sie dafür, dass die Kirchen weiterhin offenbleiben können. Das ist wichtig, auch wenn viele Menschen mit der Institution mittlerweile wenig anfangen können.

Denn Kirchen sind besondere Orte. Sie bieten Abkühlung an heißen Sommertagen, Ruhe in der Alltagshektik – und natürlich: einen Raum für Besinnung und Gebet. Deshalb, ihr Ehrenamtlichen: Dankeschön!