Freiheitsserie
Die Lieder der Freiheit
Foto: imago/Avalon/Simon Fowler; United Archives/Arthur Grimm; Everett Collection; BRIGANI-ART
„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, sang Reinhard Mey 1974 zum ersten Mal. Fast schwerelos kommen die Zeilen von „Über den Wolken“ daher, die Mey in scheinbar völliger Gelassenheit singt – davon, dem Alltag, seinen Aufgaben und Problemen zu entfliehen. „Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen. Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“ Keine Eile schwingt in den Strophen mit. Ruhig folgen die Worte dem langsamen Takt des friedlich klingenden Chansons. Der allerdings nicht überall friedlich aufgenommen wurde. In der DDR durfte Mey nicht auftreten: Sein Lied bestärkte den Freiheitsgedanken zu sehr. Die Sehnsucht nach Freiheit – nichts, was ein autoritäres Regime fördern wollte.
Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen.
Apropos Unterdrückung: 1963 versammelten sich rund 250.000 Menschen in Washington, um gegen die Rassendiskriminierung zu protestieren. Martin Luther King hielt dort seine berühmte Rede „I Have a Dream“. Auch mehrere Musikerinnen und Musiker traten auf, darunter Joan Baez. Sie sang den Gospel „Oh, Freedom“. Text und Melodie haben ihre Wurzeln im religiösen Spiritual, das ursprünglich von versklavten Afroamerikanern in den USA gesungen wurde: „Before I’d be a slave, I’d be buried in my grave. And go home to my Lord and be saved.“ Sinngemäß heißt das: lieber sterben als in Sklaverei leben. Freiheit erscheint im Lied nicht nur als Ziel, sondern als Voraussetzung menschlicher Würde. Es ist ein Ruf nach Menschenrechten.
Auch Marius Müller-Westernhagen sang von der „Freiheit“ – zumindest beklagte er, dass sie nicht da sei. In der 1987 erschienenen Rockballade sang Müller-Westernhagen: „Freiheit, Freiheit – ist die einzige, die fehlt.“ Und das, obwohl selbst Kapelle, Papst und Nachbar schon da gewesen seien. Zwei Jahre später fiel die Berliner Mauer und das Lied wurde zur Hymne. Eng verknüpft mit dem Ende der DDR-Diktatur. Die Freiheit in der Musik, hier ein politisches Symbol.
Nicht politisch, aber gesellschaftlich aufgeladen war die Freiheit, von der Queen 1984 in „I Want to Break Free“ sangen. Im Musikvideo tanzten und posierten Freddie Mercury und seine Bandkollegen in Frauenkleidern. Der Text (übersetzt: „Ich will ausbrechen“) erzählt auf den ersten Blick vom Wunsch, einer ungesunden Beziehung zu entkommen. Doch das Video macht klar: Es geht um mehr. Um den Ausbruch aus gesellschaftlichen Normen. Darum, sich von Zuschreibungen zu lösen. Etwa von der Vorstellung, wie sich ein Mann oder eine Frau zu kleiden habe. Jeder, ob mit Mercury-Schnauzbart oder ohne, sollte ein Kleid tragen können. Sich darin schön fühlen dürfen – und normal. Die Musik war auch hier Spiegelbild der Gesellschaft – die 80er Jahre waren Jahre der Reformen, des Ausbrechens aus dem, was bisher als normal galt.
Nicht normal, sondern etwas absurd war auch das: Der Auftritt von David Hasselhoff in der Silvesternacht 1989 in Berlin. Denn er sang „Looking for Freedom“ (1988) und steht dabei auf der Berliner Mauer. Live übertragen vom ZDF. Hasselhoff, der eigentlich für seine Rolle in der Serie „Knight-Rider“ bekannt war, wurde plötzlich zum Popstar der Deutschen Wende. Schließlich lieferte er mit dem kuriosen Auftritt den Soundtrack zu einem historischen Moment. Die Freiheit in der Musik – auch hier ein absolut politisches Symbol.
All diese Lieder handeln von Freiheit. Und doch meinen sie etwas anderes. Mal ist sie persönliche Flucht aus dem Alltag wie bei Reinhard Mey. Mal politischer Ausruf wie bei Joan Baez und Marius Müller-Westernhagen. Mal Spiegel gesellschaftlicher Umbrüche wie bei Queen und David Hasselhoff. Das zeigt vielleicht: Freiheit ist keine feste Größe – sie ist ein Produkt der Zeit, in der sie entsteht, und der Menschen, die sie fordern, verteidigen, besingen.