Interview mit Gemeindeleiter der Pfarrgemeinschaft Artland Dominik Blum

Wie man Kirchen familienfreundlich gestalten kann

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Mann mit rotem Laufrad auf der Schulter
Nachweis

Foto: privat

Familienpastoral ist die Sorge für ein gutes Leben für Familien, sagt Dominik Blum. Er ist Gemeindeleiter einer Pfarrei – und kennt die Chancen und Grenzen von Angeboten für Eltern und Kinder.

Hätten Sie in Ihrem Pfarrverbund in Quakenbrück gerne eine Kinder- oder Familienkirche wie die in Herne?

Ja, ich fände das total toll. Zu unserer Pfarreiengemeinschaft gehören vier Kirchen und ich hätte sofort eine im Kopf, die von der Größe eine schöne Familienkirche sein könnte. Aber sie ist im kleinsten Dorf unseres Verbundes – da würde niemand hinkommen. Unsere große Hauptkirche brauche ich für andere Gelegenheiten. Und das alles kostet natürlich auch etwas.

Wie versuchen Sie stattdessen, Ihre Kirchen familienfreundlich zu gestalten?

Wir haben in all unseren Kirchen einen eigenen Platz für Kinder und Familien. In unserer größten Kirche ist das eine Kinderecke mit Teppichen, Sitzgelegenheiten für Eltern, Spielzeug. Das haben mittlerweile ja viele Kirchen. Aber Familienpastoral ist mehr, als nur eine Spielecke einzurichten.

Nämlich was?

Familienpastoral ist für mich die Sorge um das gute Leben von Familien – und wie wir als Kirche dabei helfen können.

Das klingt eher wie eine Beschreibung für die pastorale Arbeit insgesamt.

Stimmt. Aber ich möchte den Begriff nicht so eng ziehen. Oft meinen wir mit Familienpastoral nur Kinderliturgie und Krabbelgottesdienste und wir denken ausschließlich an Familien mit kleinen Kindern. Aber wenn eine Mutter stirbt und ich mich als Seelsorger um die erwachsenen Kinder kümmere, dann ist auch das eine Form von Familienpastoral.

Was ist Familienpastoral noch?

Es bedeutet für mich, dort hinzuschauen, wo die Menschen sind, die Kontakt zu unseren Kirchengemeinden haben. Also etwa in die Kitas. Aber dann mit einem weiten Blick, der sich nicht nur auf die Kinder fokussiert. Sondern diakonisch, sozial und pastoral.

Das heißt?

Die Region rund um Quakenbrück ist ländlich und eher strukturschwach. Viele Menschen haben finanziell keine großen Möglichkeiten oder leben in Armut.
Ich erlebe immer wieder in unseren drei Kitas, dass Familien keinen vernünftigen Kinderwagen haben oder Mütter zu Hause im Sessel schlafen, weil die Kinder sich das einzige Bett teilen. Ich kann die Leute nicht zum Gottesdienst einladen, wenn die nicht mal ein Bett zum Schlafen haben. Da sehe ich ganz klar meine Priorität.

Wie helfen Sie diesen Leuten?

Wir versuchen, großzügige Lösungen zu finden, wenn es finanziell bei einer Familie eng ist. Wir versuchen, etwa das Kita-Essen möglichst günstig zu halten oder notfalls zu sponsern. Für Schulkinder haben wir ein Nachhilfeangebot geschaffen. Wir haben kompetente Leute in der Gemeinde, die das ehrenamtlich anbieten. So können wir Familien helfen, die nicht 25 Euro pro Stunde für Mathenachhilfe zahlen können.

Was bieten Sie noch?

Im Sommer haben wir drei große Zeltlager. Da können alle Kinder mitfahren – auch die, die keinen Cent aufbringen können. Und natürlich haben wir unsere Gottesdienste.

Blick auf Altar, hängendes buntes Kreuz, gebastelte Gegestände und Blumen vor dem Altar
Foto: Pfarrei St. Dionysius Herne

Inwiefern können die Gottesdienste Familien helfen?

Indem wir sagen: Euer Wert, euer Ansehen bei Gott und den Menschen ist nicht von eurem Einkommen, von eurem Status oder von der Frage, welches Auto ihr fahrt, abhängig. Das ist doch unsere Kernbotschaft: Ihr seid Gottes geliebte Kinder. Ihr seid alle herzlich willkommen – und ihr müsst nichts mitbringen. Das ist auch ein Beitrag, der entlastet und zu einem guten Leben beiträgt.

Sind Ihre Gottesdienste gut besucht?

Nicht besser als in anderen Gemeinden. An Palmsonntag war ich überrascht, wie voll der Gottesdienst war. Es war schönes Wetter, es war die Woche vor Ostern, da hatten noch alle Zeit ohne großes Familienprogramm. Aber das sind Ausnahmen. Wir müssen akzeptieren: Egal, wie gut unsere Familienpastoral ist – wir werden damit die Kirchen nicht mehr dauerhaft füllen.

Was kann eine gute Familienpastoral dann leisten?

Dafür sorgen, dass das Leben von Familien ein bisschen erfüllter ist. Wir sprechen in der Kirche so oft von einem Leben in Fülle – und ich habe den Eindruck, dass wir alle dem hinterherlaufen. Was Fülle konkret heißt, ist sicher für Familien sehr unterschiedlich. Manche haben nicht das Nötigste zum Leben. Für andere kann Fülle bedeuten, nicht noch mehr zu besitzen, sondern etwas intensiver, ruhiger, friedlicher zu leben. Dazu kann Familienpastoral einen Beitrag leisten.

Haben Sie das Gefühl, Sie sind mit diesem Ansatz erfolgreich?

Ja, in manchen Bereichen schon. Bei uns im Landkreis gibt es mittlerweile ausreichend Kita-Plätze für alle Kinder. Aber unsere Einrichtungen sind immer voll, sie haben sogar Wartelisten. Das ist für mich ein Erfolg. Die Leute wissen, dass ihre Kinder bei uns gut aufgehoben sind, und sie schätzen, dass sie etwas über Riten und Gebräuche auch religiöser Art kennenlernen.

Wo hakt es?

Manchmal feiern wir einen Gottesdienst oder eine schöne Taufe. Ich denke dann, dass es wirklich eine runde Sache war, und bin ganz zufrieden. Doch sechs Wochen später treten die Eltern aus der Kirche aus. Da frage ich mich: Wie kommt das jetzt? War meine Arbeit doch schlecht? Ist das ein Misserfolg? Denn so fühlt es sich für mich an.

Und dann?

Manchmal kann ich mit den Leuten noch mal sprechen. Die sagen mir dann, ihre Entscheidung habe nichts mit dem einen Fest oder dem einen Gottesdienst zu tun. Das sei schön gewesen, aber so richtig würden Kirche und Glaube dann doch nicht zu ihrem Leben passen.

Wie können die Kirche und der Glaube dann überhaupt noch punkten?

Wir müssen die Lebenswirklichkeit der Familien kennen. Wir müssen wissen, was sie bewegt und belastet, was für sie ansteht. Und das ist in den seltensten Fällen die Feier von Taufe, Erstkommunion oder Firmung. Wir haben lange geglaubt, dass Religion für Familien selbstverständlich ist und sie sich natürlich die Sakramente wünschen. Aber von der Erstkommunion sind die meisten Familien bei uns Lichtjahre entfernt.

Was können Sie also tun?

Einer der schönsten Sätze von Papst Franziskus lautet: „Verkünde immer das Evangelium, notfalls auch mit Worten.“ Das versuchen wir mit unseren Angeboten. Aber wir müssen noch viel näher ran an die Menschen, raus aus unserer Blase. Wir müssen uns trauen, sie anzusprechen und müssen wissen, was in unserer Stadt los ist.

Wie kann das gelingen?

Nur eine kleine Idee: Jede Sitzung des Pfarrgemeinderates beginnen wir bei uns mit der Frage: Was habt ihr seit der letzten Sitzung in der Stadt beobachtet? Mir fällt in den vergangenen Monaten auf, dass immer mehr Menschen Flaschen sammeln. Wir reden also darüber, dass Armut, vor allem Altersarmut, hier gravierend zunimmt. Dafür muss ich aufmerksam sein – und im nächsten Schritt überlegen, was wir als Gemeinde tun können. Diese Haltung, Lebensthemen zu erkennen und aufzugreifen, muss weiter wachsen.

Interview Kerstin Ostendorf