Was uns diese Woche bewegt

Ein Ja zur Verletzlichkeit

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Mein erster Eindruck als Berufseinsteigerin vor über 30 Jahren: Viele Journalisten betreiben Raubbau mit ihrer Gesundheit. Sie hetzen von Termin zu Termin – auch an den Wochenenden, rauchen Kette und haben oft ein Alkoholproblem. Nach dem Motto: „Nur die Harten kommen in den Garten.“ Gott sei Dank hat sich das geändert. Solche Typen finden sich in den Redaktionen kaum noch. 

Stressig ist das Mediengeschäft geblieben. Online und Social Media machen es noch schneller. Der Druck, zu liefern, wird immer größer. Hinzu kommen ein schärferer gesellschaftlicher Umgangston und eine Nachrichtenlage, die auch uns Medienleuten zu schaffen macht. Ein Kollege hat mir mal erzählt, dass er abends privat fast gar nicht mehr telefoniert, weil ihn die vielen Gespräche und Telefonate tagsüber so erschöpfen, dass er einfach nur noch seine Ruhe haben will.

Wer resilient ist, kann Wege aus belastenden Situationen finden und mit einem positiven Selbstbild durchs Leben gehen. Nur: Wie gelingt das? Kann man Resilienz lernen? Es gibt jedenfalls keine To-do-Listen für mehr Widerstandskraft. Resilienz ist kein Optimierungskonzept und erst recht keine Ritterrüstung, die ich anlegen kann, um Alltagsstress an mir abprallen zu lassen. Das hat mir ein Workshop „Resilienz für Medienschaffende“ deutlich vor Augen geführt. 

Der Referent, Christoph Hutter, Leiter der Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatungsstelle im Bistum Osnabrück, konfrontierte uns gleich zu Beginn mit einem überraschenden Satz: Ohne ein Ja zur Verletzlichkeit gibt es keine Resilienz. 

Allerdings hat unsere Gesellschaft mit ihren vielen Versprechungen und Verheißungen ein Problem mit der Verletzlichkeit. Der moderne Mensch zahlt einen Preis für technische Innovation, sozialen Aufstieg und Beschleunigung des Lebenstempos. Er leidet an der Krankheit, nicht leiden zu können. Schwäche gilt als Versagen.

Bei Resilienz geht es um die Kunst, sich selbst im Blick zu behalten und sich zu regulieren. Dafür ist es wichtig, sich Verletzlichkeit einzugestehen, Fehler zuzulassen – und sich Grenzen zu setzen in einer Arbeitswelt, in der erwartet wird, dass wir funktionieren, in einer Gesellschaft, in der uns die Narzissten dieser Welt vor sich hertreiben. Es klingt paradox, aber erst aus der Erkenntnis, dass wir verletzlich sind, können wir am Ende Stärke ziehen. Manchmal erkennen wir erst im Nachhinein, in welchen Situationen wir resilient waren.

Ich muss gestehen, dass ich kurz überlegt habe, ob ich mir diesen Workshop zeitlich überhaupt leisten kann – bei der ganzen Arbeit, die auf meinem Schreibtisch liegt. Gut, dass ich mich für diese wohltuende Auszeit entschieden habe. Sie gibt mir neuen Schwung für die anstrengenden „letzten Meter“ bis Weihnachten.
 

Anja Sabel