Brücke zwischen Lebenden und Verstorbenen

Erinnerungsstücke: Mehr als alter Kram

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Altes Buch
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Fotos: istockphoto/rootstocks 

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Was in diesem alten Buch wohl drinsteht?

Ob ein Kreuz oder eine Marienfigur, ein Brief oder eine Strickjacke – Erinnerungsstücke können wertvoll sein. Sie bauen Brücken zwischen Lebenden und Verstorbenen, helfen in der Trauer und sind vielen Menschen noch nach Jahrzehnten heilig

„Wirf das Zeug doch weg“, muss mancher hören, der Erinnerungsstücke aufbewahrt – an das eigene Leben, an verstorbene Angehörige oder Freunde. Der Psychotherapeut und Theologe Roland Kachler hält solche Dinge dagegen für wichtig. „Erinnerungsstücke sind Beziehungsbrücken zwischen Lebenden und Verstorbenen“, sagt er. Man könne sie in die Hand nehmen, anschauen, anfassen. „Und so können sie uns sehr konkret hineinleiten in die Erinnerung.“

In der Trauerarbeit, sagt er, fordere er die Menschen ausdrücklich dazu auf, „Erinnerungsstücke zu sichern und zu sammeln“. Dazu gehören Gegenstände, Fotos, aber auch E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten. „Ich lade ein, solche Dinge mitzubringen in unsere Sitzungen, um darüber ins Gespräch zu kommen.“ Wenn Kinder trauern, wird eine schöne Kiste mit wichtigen Dingen gepackt. „Das zeigt: Hier sind die Erinnerungen an Mama oder Papa gut aufbewahrt“, sagt Kachler.

„Eine gute Emotion ist heilsam“

Erinnerungsgegenstände können sehr verschieden sein: weltlich wie die Lieblingsstrickjacke, ein alter Brief, eine spezielle Keksdose, ein Werkzeug – oder religiös wie ein Kreuz, eine Marienfigur, ein Gebetbuch. „Sie stehen stellvertretend für die Person, an die wir uns erinnern wollen“, sagt Kachler. 

Roland Kachler
Roland Kachler. Foto: privat

In der Regel stehen sie für eine positive Seite: das Werkzeug vielleicht dafür, wie gern jemand zusammen mit dem Vater im Hobbykeller gebastelt hat; die Keksdose für die liebevoll-sorgende Mutter; das Kreuz für den Glauben, der die Familie immer verbunden hat. „Die schwierigen Seiten unserer Lieben werden in der Erinnerung oft zurückgestellt“, sagt Kachler. Einerseits sei es gesund, dass das Gute bleibt. Andererseits sollten die schlechten Seiten nicht verdrängt werden. „Letztlich geht es um die Qualität unserer Beziehung, um die Frage, welche emotionale Beziehung ein Gegenstand abruft. Und da ist eine gute Emotion natürlich heilsam.“

In der Trauerarbeit, sagt Kachler, seien Erinnerungsstücke „Übergangsobjekte, die helfen, den Verstorbenen in unser Inneres zu nehmen“. Oft sei das mit Ritualen verbunden: einem Spaziergang, dem Entzünden einer Kerze, einem Gebet. So könne der Gegenstand Bedeutung verlieren und die innere Beziehung wachsen und „zu einem inneren Teil unserer Person“ werden.

In gewisser Weise erinnert dies an Reliquien, die in der Kirche verehrt werden. „Auch sie sind symbolische Stellvertreter“, sagt Kachler. „Ein Stück vom Kreuz Jesu oder ein Überbleibsel eines Heiligen sollen uns an sie erinnern und gleichzeitig den Übergang schaffen in unser Inneres.“ Wenn die Reliquien angeschaut oder verehrt werden, vergegenwärtigen wir die Erinnerung an sie und an ihr Vorbild. „Das gibt uns emotionale Energie“, sagt der Psychologe.

Problematisch können Erinnerungsstücke werden, wenn sie zum Selbstzweck werden. „Wenn sich jemand auch nach Monaten oder gar Jahren von nichts trennen kann, dann zeigt das einen Stillstand in der Entwicklung in seinem Trauerprozess“, sagt Kachler. Auch die Trauer solle schließlich „mit der Zeit abfließen“. Sich an äußere Objekte zu klammern, sei dann „ein Symptom, dass die Trauerarbeit stagniert“.

Doch natürlich sind Erinnerungsgegenstände nicht nur in der akuten Trauerphase wichtig. Viele begleiten uns noch Jahre und Jahrzehnte und sind uns lieb und wertvoll. Aber je älter Menschen werden, desto belastender kann die Frage sein: Was wird nach meinem Tod mit diesem Brief, diesem Kreuz, das mir so heilig ist? Kommt das alles auf den Müll?

„Ich muss meinen Segen geben“

Der Therapeut Kachler sagt: „Es ist unsere Aufgabe, uns selbst darum zu kümmern, was aus diesen Gegenständen wird, wenn wir nicht mehr sind.“ Sie den eigenen Kindern oder Enkeln aufzudrücken, hält er nicht für den richtigen Weg. „Wir müssen akzeptieren, dass nicht alles, was mir wichtig und heilig ist, meinen Kindern oder Enkeln wichtig und heilig ist. Ihr Leben geht auf andere Weise weiter. Dazu muss ich meinen Segen geben.“

Er hält es für wichtig, sich zu gegebener Zeit „bewusst und würdig von diesen Dingen zu verabschieden“. Man kann sie weitergeben, wenn sie jemand haben will; man kann sie vergraben oder verbrennen, ins Meer oder einen Fluss werfen. „Ja, man kann sie sogar ganz bewusst dem Müll übergeben, wenn man das als Abschiedsritual vollzieht“, sagt der Psychotherapeut und Theologe Kachler. „Das ist zwar schmerzlich, aber es ist ein bewusster Abschluss.“ Schließlich bleibe das, was mit den Dingen verbunden ist, immer ein Teil von uns, „den wir mit uns nehmen, vielleicht über unseren eigenen Tod hinaus“. 

Susanne Haverkamp

Zur Person

Roland Kachler hat lange eine Psychologische Beratungsstelle geleitet. Inzwischen hat er eine eigene Praxis in Remseck in Baden-Württemberg. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Trauerarbeit und Trauertherapie. 

Buchtipp

Roland Kachler hat mehrere Bücher verfasst, etwa "Meine Trauer wird dich finden. Ein neuer Ansatz in der Trauerarbeit", Herder Verlag, 192 Seiten, 18 Euro.