Erfahrungen in Rheiner Frauenhaus
Erzieherin verarbeitet häusliche Gewalt in Gedichten
Foto: Petra Diek-Münchow
Häusliche Gewalt thematisiert Claudia Schmidtfrerick bei Poetry Slams.
„Unschlagbar“ heißt das Gedicht, das Claudia Schmidtfrerick über ihre Erfahrungen im Rheiner Frauenhaus geschrieben hat. Über drei Seiten lang ist der Text, der betroffen und oft wütend, am Ende aber auch Hoffnung macht. Da ist von Kindern die Rede, die zusammenzucken, „wenn sich der Haustürschlüssel dreht“, weil Papa nach Hause kommt. Die am Morgen Blut auf dem Boden sehen und sich abends schützend vor ihre Mutter werfen. Und von Frauen, für die Vergewaltigung in der Ehe normal ist – und die es trotz aller fiesen Drohungen, trotz der leeren Versprechungen, trotz der Angst schaffen und tatsächlich gehen. „Es wäre eine Lüge zu sagen, dass die Arbeit leicht wäre“, sagt Schmidtfrerick an einer Stelle. Und findet doch die Momente, die sie niemals missen will, wenn sie erlebt, wie die Kinder im Frauenhaus irgendwann wieder lauthals lachen.
Dass Zuhörerinnen und Zuhörer nach diesen intensiven Zeilen zuweilen kurz schweigen und dann begeistert applaudieren, hat Schmidtfrerick bei verschiedenen Auftritten oft erlebt. Zum Beispiel bei Poetry-Slams, einem Dichterwettstreit, die sie ein ums andere Mal auch gewonnen hat. Aber als „Slammerin“ sieht sie sich so gar nicht. „Auf Kommando schreiben, das kann ich nicht“, sagt sie mit einem großen herzlichen Lächeln. Sie will damit eher Öffentlichkeit schaffen für das Thema häusliche Gewalt. „Das ist meine Motivation. Und wenn mir das gelingt, ist das super.“
1000 Arten von Gewalt
Denn im Frauenhaus der Diakonie West in Rheine sieht die 50-Jährige Tag für Tag, was Frauen in den eigenen vier Wänden oft über Jahrzehnte erleiden müssen: die von ihren Partnern beleidigt, gedemütigt, herabgewürdigt, geschlagen, getreten, verprügelt, missbraucht werden. „Das ist seit 25 Jahren mein tägliches Brot“, sagt Claudia Schmidtfrerick. Noch immer erschüttern sie die „1000 Arten von Gewalt“, aber sie hat mit „professioneller Nähe“, wie sie es ausdrückt, gelernt, damit umzugehen. Vor allem der Kinder wegen, um die sie sich kümmert. „Mein Job ist es, dass es ihnen bei uns gut geht – dass sie sich keine Sorgen machen müssen um Mama, dass sie sicher sind.“
Sich besonders der Kinder anzunehmen, die „ein bisschen mehr brauchen“, hat die Erzieherin zeit ihres Berufslebens angetrieben. Und diese einfühlsame Ader bringt sie aus dem Elternhaus im emsländischen Schapen mit. Dort wächst sie mit zwei Schwestern auf einem Bauernhof auf. „Ich finde es gut, aus der Landwirtschaft zu kommen.“ Denn sie mag das Leben im Dorf. „Schapen wird immer Heimat bleiben.“ Schöne Erinnerungen sind das. Mit viel Wärme in der Stimme erzählt sie von Kindheit und Jugend. Von einem Alltag, der einerseits natürlich von bodenständiger Arbeit, aber eben auch von sozialem Zusammenhalt und gelebtem Glauben mit selbstverständlichen Ritualen geprägt ist. „Wenn es jemandem nicht gut geht, dann kümmert man sich“, erzählt sie von den Eltern. Diese Haltung, diese christlichen Werte hat die bibelfeste Emsländerin verinnerlicht und empfindet das als Geschenk.
Wollte sie schon immer Erzieherin werden? Mit einem Schmunzeln schüttelt sie den Kopf. Schreinerin war die erste Idee, und noch heute schaut Claudia Schmidtfrerick in Prospekten „eher nach Bohrmaschinen als nach Schminkköfferchen“ – holt auch im Frauenhaus nicht immer gleich einen Handwerker, sondern schraubt mit den Bewohnerinnen das Regal selbst zusammen. Aber nach einem Praktikum als Schülerin führt der Weg in die Ausbildung zur Erzieherin. Zunächst eher pragmatisch, dann ganz glücklich. „Das ist zu meinem Traumberuf geworden.“ Und bei der ersten Station in einem Kinderheim in Osnabrück spürt sie trotz aller Herausforderung, dass sie eine Antenne hat für die Jungen und Mädchen, die es nicht leicht haben im Leben. „Diese Kinder lagen mir schon immer besonders am Herzen.“
Das ist schließlich kein Gute-Laune-Thema.
Und so fühlt sie sich im Frauenhaus in Rheine, das 19 Frauen und Kindern eine Zuflucht bietet, am richtigen Platz. So anstrengend und herausfordernd die Arbeit dort auch sein mag, „ich mag meinen Job“. Nicht nur, weil sie dort vertreten kann, was sie ausmacht und weil sie sich an die Seite der Frauen stellen kann. Mehr noch, weil sie erlebt, wie die Kinder dort nach einiger Zeit wieder aufblühen. Sie liebt es, mit ihnen draußen Rad zu fahren, mit ihnen ins Schwimmbad zu gehen und zu sehen, wie sie dort das „Seepferdchen“-Abzeichen machen und vor Stolz fast platzen. Lob, Zuspruch, Ermutigung – das ist so wichtig. Denn vorher gab es in einem von Angst geprägten Alltag oft kaum Raum für Lob. „Dass ich diese Momente erleben darf, dass sie sich wieder etwas zutrauen, dass sie merken ‚ich kann was‘ – das ist wunderbar“, sagt die Erzieherin. „Kinder sind wie offene Gefäße. Wenn da was Gutes hineinkommt, spiegeln sie das direkt wider“, sagt sie.
Auch davon erzählt Schmidtfrerick in ihrem Gedicht. Freunde und Kolleginnen hatten sie ermutigt, ihre Erfahrungen aufzuschreiben. Gezögert hat sie erst und sich gefragt, ob das nicht zu „harter Tobak“ ist: „Das ist schließlich kein Gute-Laune-Thema.“ Und lange hat sie an den Zeilen gesessen, gefeilt, geändert – zuerst mehr, um sich etwas von der Seele zu schreiben. Aber das Team, der Partner, die Nichte haben sie bestärkt, damit auf die Bühne zu gehen, um Aufmerksamkeit für das Thema häusliche Gewalt zu schaffen. „Es ist wichtig, dass wir darüber reden und nicht die Augen verschließen. Das passiert öfter, als wir denken.“
Nach dem ersten Auftritt bei einem Poetry-Slam in Osnabrück, zog das Projekt weitere Kreise. Bei Frauengruppen und in Frauenhäusern war und ist sie noch zu Gast, auch in Kirchen, bei runden Tischen zu der Thematik, beim Weißen Ring, im Sozialministerium Baden-Württemberg, bei der Diakonie – und bei anderen Dichterwettbewerben. Und so kam auch ihr zweiter Text zustande. „Wenn ich ins Finale komme, brauche ich ja noch was“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Das ist „Ein Brief an den lieben Menschen, der sich um mich kümmern wird, wenn ich pflegebedürftig bin!“ Und auch der geht ans Herz.
Auszüge aus dem Gedicht "Unschlagbar"
„Ich kenne Kinder, die zusammenzucken,
wenn sich der Haustürschlüssel dreht,
denn, je nachdem, wie es dem Vater geht,
kann es ein himmlischer Abend werden
oder aber die Hölle auf Erden.
Denn: Wer sitzt mit Angst im Nacken schon still,
auch wenn der Papa das will.
Und stößt das Kind an die Lampe,
ist das natürlich die Schuld der „Schlampe“,
denn die hat die Kinder nicht im Griff.
Ich kenne Kinder, für die ist der Weg zur Schule eine nutzlose Reise,
denn ihr Kopf ist beschäftigt auf andere Weise
mit nur zwei Fragen, die sich drehen im Kreise,
denn gestern Nacht war es erst laut (…)
und dann (…) schrecklich leise.
Am nächsten Morgen war dann nur Papa zu sehen
und auf dem Boden war überall Blut.
Das Einzige, was dann noch zählt, ist:
„Wo ist Mama?“ und „Geht es ihr gut?“
Claudia Schmidtfrerick bei einem Auftritt