Kirche und Militär

Gefragt sind neue Antworten

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Menschen sitzen in einer Kapelle
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Foto: Marco Heinen

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Bischof Overbeck bei der Weihe der Krankenhauskapelle. An dem Gottesdienst nahmen auch die Militärdekane Torsten Stemmer und Peter Henrich, Krankenhausseelsorger Br. Frank Krampf und der evangelische Militärdekan Jens Pröve teil.

Militärbischof Franz-Josef Overbeck hat in Hamburg eine neue Kapelle im Bundeswehrkrankenhaus geweiht und das Institut für Frieden und Militärethik feierlich gegründet, über dessen Ziele er in einem Interview Auskunft gibt.

Militärbischof Franz-Josef Overbeck, zugleich Bischof von Essen, hat am 10. Juni die neue Kapelle im Hamburger Bundeswehrkrankenhaus geweiht. Tags zuvor gründete er in der Katholischen Akademie Hamburg offiziell das Institut für Frieden und Militärethik, kurz IFME. Es vereint die Kompetenzen des bisherigen Instituts für Theologie und Frieden (ITHF) und des Zentrums für ethische Bildung in den Streitkräften (Zebis). Am Rande beider Veranstaltungen stand Overbeck für Fragen der Neuen Kirchenzeitung zur Verfügung.

Warum werden die beiden Institute ITHF und Zebis jetzt fusioniert?

Das Institut für Theologie und Frieden wäre in zwei Jahren 50 Jahre alt geworden. Sein Arbeitsauftrag bestand wesentlich darin, die Friedenstheologie innerhalb der katholischen Kirche und ihrer Tradition theologisch aufzuarbeiten. Diese Tradition reicht vom heiligen Augustinus und damit vom 5. Jahrhundert über Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert und die Barockscholastik des 16. und 17. Jahrhunderts bis in unsere Zeit. Sie hat den Soldatinnen und Soldaten immer einen ethischen Rahmen gegeben, der ihnen hilft, moralisch verantwortet mit den wichtigen Aufgaben umzugehen, die sie zu erfüllen haben. Gleichzeitig hatte das ithf einen breit angelegten theologischen Auftrag, der bis zur Begleitung von Promotionsarbeiten zu diesen Themen reichte.

Foto: Christian Lau/IFME

Wir sind heute in einer vollkommen neuen Situation als noch 1978 oder 2010, als das ithf respektive das zebis gegründet wurden. Anders als zu den Gründungsdaten besteht die Aufgabe jetzt nicht mehr so sehr darin, das Verhältnis zwischen Theologie und Frieden zu bestimmen, sondern vielmehr die Fragen des Friedens mit der Militärethik in einen neuen Zusammenhang zu bringen. Denn aufgrund der neuen Art der Kriegsführung reicht es nicht mehr aus, die klassischen Antworten zu wiederholen. Das betrifft technische und algorithmische Entscheidungslogiken, die menschliches Urteilen nicht ersetzen, aber doch stark vorstrukturieren können. Sie führen dazu, dass Entscheidungen viel schneller gefällt werden müssen. Das wirft völlig neue Fragen auf, bei deren Beantwortung das Angebot ethischer Beratung für die politisch und militärisch Verantwortlichen von großer Bedeutung ist.‎ Ich denke, dass wir als Kirchen auf der anderen Seite, der der Menschlichkeit, eine wichtigere Aufgabe haben denn je. Zugleich sollen unsere Grundbotschaften an die Soldatinnen und Soldaten gebracht werden. 

Was soll die Fusion noch bezwecken?

Mir ist auch wichtig, dass wir so etwas bilden wie eine Plattform für Diskussionen.  In meiner Aufgabe als Bischof von Essen erlebe ich gerade an den Universitäten des Ruhrgebiets, dass vieles auf einer solchen öffentlichen Ebene, in der Art einer Denkfabrik, verhandelt werden muss. Dazu gehören Auseinandersetzungen über eine dann zu entwickelnde Ethik und mit all den Traditionselementen, die wir als katholische Kirche seit vielen Jahrhunderten mit uns tragen.

Was sprach dafür, das Institut in Hamburg zu belassen?

Also zuerst einmal das historische Gewordensein des Instituts durch dessen ersten Präsidenten und Leiter. Das war ein Priester des Bistums Essen, Professor Ernst Josef Nagel. Danach hat Professor Heinz-Gerhard Justenhoven diese Leitung übernommen und gleichzeitig die Aufgabe als Professor für Katholische Theologie an der Bundeswehr-Universität, später der Helmut-Schmidt-Universität, weitergegeben an Professor Thomas Hoppe. Jetzt erwarten wir wiederum eine Neubesetzung dieses Lehrstuhls. Es bietet sich also für das Institut die Möglichkeit, in Hamburg einen großen Resonanzraum zu gewinnen. Denn hier sind auch die Führungsakademie der Bundeswehr und viele andere Institutionen zuhause, die sich mit der Friedensthematik befassen. Aber ich bin ehrlich, einen solchen Resonanzraum brauche ich auch überall sonst. Manchmal gibt es Zufälle, die gewisse Ortswahlen bestimmen. Die sollte man dann nicht der Vorsehung Gottes anhängen, sondern sagen: „Das ist so, das hat sich bewährt und dabei bleiben wir.“

Das Institut hat ja ein Wappen bekommen, das einen Eichenkranz und eine Taube zeigt und auf dem das Motto " Pacem Defendere, Deo Servire" – den Frieden verteidigen, Gott dienen – geschrieben steht. Inwieweit reflektiert das auch die katholische Friedensethik?

Die Taube hat ja einen vielfachen symbolischen Sinn in der christlichen, entsprechend auch der katholischen Tradition. Sie steht erstens für den Heiligen Geist, den wir brauchen als eine Kraft der Erneuerung. Das hoffe ich auch für die Friedensethik, um Perspektiven für die Beendigung von Auseinandersetzungen und auch für die Bewahrung eines beständigen Friedens eröffnen zu können. Die Taube steht mit dem Ölzweig für die Suche danach, wie trotz der Katastrophe des Krieges dem Frieden und damit neuem Leben der Boden bereitet werden kann. Sie verweist auf den Heiligen Geist und dessen Erneuerungskraft. Angesichts der Schrecklichkeiten, die wir gerade erleben, muss ich mich manchmal sehr auf diese Kraft verlassen, um nicht zu verzweifeln. Das Motto setzt einen Rahmen, der eine Hilfe sein kann und eine Orientierung für die Aufgabe bietet, die sich der gesamten Kirche stellt. Das Eichenlaub ist ein schönes, vor allen Dingen auch ein traditionelles Bild für den Soldaten. Ich habe gesagt, wir können es gern dazu nehmen, weil es an die Realität des soldatischen Berufs erinnert.

Spielen Militärseelsorge und Friedensethik jetzt eine größere Rolle in der Kirche?

Die Militärseelsorge ist eine besondere Seelsorge und wird daher zuerst von den Soldatinnen und Soldaten, ihren Familien und den Menschen wahrgenommen, mit denen sie leben. Als ich vor bald 16 Jahren diese Aufgabe übernahm, war sie noch deutlich weniger öffentlich sichtbar. Mittlerweile ist die Bundeswehr aufgrund der veränderten militärischen und politischen Lage stärker in die Mitte des öffentlichen Interesses gerückt. Damit spielt auch das, was ich als Militärbischof zu Friedensethik oder zu den Zielen der Bundeswehr-Einsätze sage, eine größere Rolle als früher. Die Wahrnehmung der Militärseelsorge hat sich seit 2011 grundlegend verändert und nimmt heute auch in meinem Alltag deutlich mehr Raum ein.

Welche Rolle spielt das Institut in der Bundeswehr?

Bedeutsam ist mir, dass wir so mit Soldatinnen und Soldaten aller Ebenen in Kontakt kommen, vom einfachen Soldaten bis zum General. Wir wollen mit der Grundbotschaft der Kirche präsent bleiben, oftmals in ökumenischer Verbundenheit und jetzt auch gemeinsam mit der jüdischen Militärseelsorge. Das gilt für ethische Fragen in Kampfzusammenhängen, die Soldatinnen und Soldaten im Ernstfall zu bewältigen haben. Das neue Institut soll sie darauf vorbereiten, ethisch verantwortbare Entscheidungen zu treffen, bevor diese im Ernstfall anstehen. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit der Militärseelsorge und den zuständigen Stellen der Bundeswehr. Dazu kommt die große Aufgabe der Seelsorge: die Nähe zu den Menschen in allen Lebens- und Aufgabenbereichen, von der Geburt bis zum Tod.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche?

Es gibt seit den Anfangsjahren der Bundeswehr eine bewährte ökumenische Zusammenarbeit zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland. Anfangs gab es meist einen evangelischen und einen katholischen Geistlichen. Heute wechseln wir uns zum Beispiel in den Auslandseinsätzen ab. Von den rund 180.000 Soldatinnen und Soldaten ist ungefähr die Hälfte christlich, davon wiederum nicht ganz die Hälfte evangelisch oder katholisch. Wir sehen die Notwendigkeit, bei allen präsent zu bleiben. Und es ist immer gut, wenn man das ökumenisch tut.

Gibt es auch Seelsorger für Juden und Muslime in der Bundeswehr?

Es gibt rund 300 Soldatinnen und Soldaten jüdischen Glaubens. Seit einigen Jahren besteht die jüdische Militärseelsorge, die als junge Struktur noch entwickeln muss, wie sie diese Seelsorge gestaltet. Das tut sie aber und kommt dabei gut voran. In der Bundeswehr dienen schätzungsweise 3.500 Soldatinnen und Soldaten muslimischen Glaubens; genaue Zahlen haben wir nicht. Da ist die Situation ähnlich wie bei den Christen: Längst nicht alle bekennen sich ausdrücklich zu ihrem Glauben. Es hat immer Bemühungen gegeben, Muslimen zu helfen, einen ihrer Religionsvertreter zu bekommen, wenn sie eine entsprechende Begleitung wollten. Das ist auch nicht schwer, wir kennen uns ja gegenseitig. Ich denke, die Bundeswehr und damit auch der Staat sollten bei der jüdischen Gemeinschaft und bei den Muslimen vergleichbare Kriterien anlegen wie bei den christlichen Kirchen. Bei den Muslimen ist das schwieriger, weil sie keine Organisationsform haben, die mit denen der christlichen Kirchen vergleichbar ist. Daher wird jetzt überlegt, einzelne deutschsprachige Geistliche an islamisch-theologischen Instituten dafür zu gewinnen, für diese Seelsorge zur Verfügung zu stehen.

Wird das IFME mit anderen Friedensinstituten zusammenarbeiten?

Ja, natürlich, das hat es immer schon gegeben, mit Justitia et Pax zum Beispiel oder Pax Christi. Auch hier in Hamburg gibt es zahlreiche Friedensinstitutionen. Was die Themen angeht, ist die Zusammenarbeit allerdings stark von gemeinsamen Interessenlagen bestimmt. Da haben wir manche Schnittpunkte miteinander, sind aber auch sehr unterschiedlich. Als katholische Kirche haben wir einen klassischen christlichen Horizont mit einer langen katholischen Friedensethik und ihren Traditionen. Das ist bei anderen Kirchen anders, ebenso bei Muslimen, Juden und anderen Gläubigen. Darüber hinaus bestehen schon jetzt Verbindungen zu Forschungsinstituten im In- und Ausland. Sie sind einerseits aus den Netzwerken des ithf und des zebis erwachsen, werden aber auch durch den neuen Direktor und seine internationale Erfahrung eingebracht.

Es hat kürzlich von mehreren Friedensinstituten eine Warnung vor zu vielen Atomwaffen gegeben. Warum waren Sie, war die katholische Seite nicht dabei?

Das ist nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist es, Soldatinnen und Soldaten bei den ethischen Fragen zu unterstützen, die sie zu bewältigen haben. Fragen der nuklearen Bewaffnung sind zuerst politisch und militärisch zu entscheiden. Deshalb halte ich es für klüger, mich in diesem Punkt nicht durch solche Feststellungen festzulegen. Dass ich auf keinen Fall will, dass es zu Atomwaffeneinsätzen kommt, ist überhaupt keine Frage. Dass Atomwaffen von der kirchlichen Lehre streng abgelehnt werden, bleibt ebenso klar. Es geht aber um die Frage, wie wir mit der Realität ihrer Existenz umgehen und ob Abschreckung vorübergehend ein akzeptiertes Mittel sein kann. Das Ziel eines vollständigen Abbaus darf nicht aufgegeben werden, so hoffnungslos dieses Anliegen auch erscheinen mag. Zugleich habe ich auch die andere Seite meiner Verantwortung wahrzunehmen: die ethisch-begleitende Verantwortung für die Soldatinnen und Soldaten, die möglicherweise eine andere Positionierung haben. Wenn ich mich hier politisch festlegen würde, könnte ich meine Aufgabe als katholischer Militärbischof nicht mehr in derselben Weise wahrnehmen. Dann müsste es jemand anders tun.

Was bedeutet die Säkularisierung der deutschen Gesellschaft, die sich auch bei der Bundeswehr zeigt, für Ihre Aufgabe? 

Es ist eine große Herausforderung, dass immer mehr Menschen nicht mehr religiös sind, also auch nicht mehr christlich. Damit verdunstet ein historisch gewachsenes Fundament von Überzeugungen, die mit dem Glauben an Gott zu tun haben — und zwar ohne großen Konflikt. Angesichts dessen müssen wir uns immer wieder neu positionieren. Gleichwohl erlebe ich die Soldatinnen und Soldaten als sehr friedfertig und tolerant. Das ist ein Segen.

Aber haben nicht auch Exzesse wie während des zweiten Irakkrieges in Abu Ghraib ihre Ursache in einem fehlenden Glaubens- und Wertekorsett?

Da halte ich mich mehr als zurück. Wir wissen, dass auch gläubige Menschen zu solchen Exzessen bereit sind — bei Gott. Das sehen wir auch jetzt im Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Ich will solche Schrecklichkeiten nicht auf Nichtgläubigkeit oder Säkularität zurückführen. Als evangelische und katholische Kirche müssen wir vielmehr deutlich machen, was ethisch notwendig ist, damit Menschen gar nicht erst in die Gefahr solcher Taten geraten. Ich verzweifle an Menschen, die nicht begreifen wollen, dass sie mit dem Krieg aufhören müssen.

Interview: Matthias Schatz, Marco Heinen

Zur Person

Franz-Josef Overbeck wurde 1964 in Marl geboren, ist seit 2009 Bischof von Essen und seit 2011 auch Militärbischof.

Foto: Marco Heinen