Nach der Flut im Ahrtal

Pfarrer Jörg Meyrer: „Die Wunden sind noch nicht verheilt“

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Pfarrer Jörg Meyrer
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Foto: kna/Harald Oppitz

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Das Leben ist eine Baustelle – im Ahrtal gilt das seit der Flutkatastrophe im Juli 2021 besonders. Pfarrer Jörg Meyrer in der mittlerweile wiedereröffneten Kirche Sankt Laurentius in Ahrweiler.

Viereinhalb Jahre nach der furchtbaren Flut kämpfen die Menschen im Ahrtal weiter mit ihren Folgen. Pfarrer Jörg Meyrer erzählt, was sie bedrückt, was ihnen Hoffnung gibt – und wie die Katastrophe ihren Glauben verändert hat.

Kürzlich, bei einem Taufgespräch, kam sie wieder hoch. Die Flut. Die Katastrophe, die in der Nacht vom14. auf den 15. Juli 2021 im Ahrtal 135 Menschen tötete, Häuser wegriss, Straßen, Brücken und Bahnlinien zerstörte, Schlamm und Verwüstung hinterließ. Jörg Meyrer, Pfarrer der Pfarrei Bad Neuenahr-Ahrweiler, war zu diesem Gespräch bei einer Familie, die direkt an der Ahr wohnt. Aus ihrem Wohnzimmer schaut sie auf den Fluss, der sich damals durch stundenlangen Starkregen in ein Monster verwandelt hat. 

Meyrer und die Eltern redeten darüber, warum sie das Haus am Fluss gekauft haben und wie es ihnen dort geht. Er sagt, sie seien intelligent und es sei ihnen bewusst, dass die nächste Flut kommen wird, nicht erst in hundert Jahren. Warum sie sich trotzdem für diesen Wohnort entschieden haben? „Sie müssen die Gefahr verdrängen. Sonst geht das nicht.“

Jeden Tag spürt Meyrer, wie fordernd das ist: hier weiterzuleben, mit dem Schmerz, der Trauer, den Sorgen. „Die Wunden sind noch lange nicht alle verheilt“, sagt er. Die Menschen wirkten sensibler als früher, und in jedem längeren Gespräch werde die Flut irgendwann thematisiert. Es wird noch dauern, bis alle Folgen bewältigt sind. Viele Schüler und Kindergartenkinder verbringen ihre Tage nach wie vor in Containern, manche haben nie etwas anderes kennengelernt. Meyrer sagt, man warte immer noch auf die Baugenehmigung für einen der Kindergärten: „Das ist Wahnsinn!“

Gedenktafel Ahrtal
Gedenktafel im Ahrtal. Foto: kna/Harald Oppitz

Fast alle Straßen müssen erneuert und viele Brücken wieder aufgebaut werden. Autofahrer brauchen Geduld, wenn sich an Baustellen der Verkehr staut und sie überlegen müssen: Wie komme ich heute von A nach B? Durch jede Baustelle, an der sie vorbeifahren, werden sie daran erinnert, was die Flut alles zerstört hat. Meyrer sagt: „Jede Baustelle hat im Grunde die Qualität einer Retraumatisierung.“ 

Auch privat, erzählt der Pfarrer, hätten viele zu kämpfen. Alte Menschen hätten in andere Pflegeheime ziehen müssen, zum Teil weit weg. Hausbesitzer stritten mit ihrer Versicherung darum, dass sie die Flutschäden ersetzt. Andere fragten sich: Schaffen wir es, unser Haus wieder zu sanieren? Kriegen wir diesen Wahnsinnsakt gestemmt? Ist das sinnvoll?

Das Signal von der Bahnstrecke

Immerhin, die Bahnstrecke durchs Ahrtal, die auch von den Wassermassen zerstört war, ist wieder aufgebaut. „Da hat die Bahn wirklich Unglaubliches geleistet“, sagt Meyrer. Und die Anwohner auch. Tag und Nacht hätten Lastwagen Baumaterial gebracht und Bagger geackert – und das im engen Ahrtal, wo alles nah beieinander ist. Jetzt ist der Lärm überstanden und die Bahnstrecke wiedereröffnet worden. Meyrer sagt: „Wir brauchen diese Signale. Sie zeigen uns: Es geht weiter, wir nähern uns der Normalität.“

Auch in seiner katholischen Pfarrei gibt es solche Signale. Im August vergangenen Jahres wurde die massiv flutgeschädigte Kirche Sankt Laurentius in Ahrweiler wiedereröffnet. „Sankt Laurentius ist auferstanden aus Ruinen“, sagte Meyrer in dem bewegenden Gottesdienst. „Es rührt zu Tränen, weil ein großes Werk geschafft ist.“ 

Die Freude, dass sie ihre Kirche wiederhaben, sei noch heute zu spüren, sagt der Pfarrer. Oft sprächen ihn Einheimische wie Auswärtige an: „Was ist die Kirche jetzt schön! Herzlichen Glückwunsch zu dem, was da gelungen ist!“ Zu den Gottesdiensten, erzählt Meyrer, kämen jetzt viel mehr Gläubige als vorher. Nach der Flut, als sie im Pfarrsaal feierten, seien es 80, 90 Leute gewesen, jetzt mehr als 200: „Und an Weihnachten und Silvester war es knallvoll.“ 

Die Katastrophe habe die Menschen in der Gemeinde verändert, berichtet Meyrer. Manche sagten: „Ich kann nicht mehr beten. Ich kann nicht mehr glauben.“ Andere sagten: „Wenn ich jetzt nicht glaube, dass es einen Gott gibt, der bei uns war und uns Helfer geschickt hat, wann dann?“ 

Ahrweiler nach der Flut
Ahrweiler nach der Flut. Foto: imago/Markus Matzel

In den ersten Monaten nach der Flut haben die Menschen im Ahrtal nicht nur enorme Unterstützung von außen bekommen, etwa von ehrenamtlichen THW-Leuten. Sie haben sich auch untereinander unterstützt, wo sie konnten. Mit der Zeit habe diese Solidarität nachgelassen, sagt Meyrer, und das sei menschlich. Manchmal erinnere er in Predigten aber daran, wie gut der Zusammenhalt damals funktioniert hat. Damit die Menschen nicht vergessen, was sie stark gemacht hat.

Der Pfarrer greift auch die Klimakrise in Gottesdiensten immer wieder mal auf – schließlich führt sie dazu, dass Starkregenereignisse wie das im Ahrtal häufiger und heftiger werden. Er findet es wichtig, dass die großen Fragen unserer Zeit in der Kirche Platz haben. Aber er will die Menschen auch nicht mit Problemthemen erdrücken: „Sie müssen immer irgendein Stück Hoffnung und Zuversicht mitnehmen.“

Die Geschichte von der Brotvermehrung

Nur: Wie verbreitet er Hoffnung in einer Zeit, in der die Klimakrise eskaliert und viele Regierungschefs wie Bürger nicht bereit sind, ernsthaft etwas dagegen zu tun? Meyrer sagt, diese Entwicklung sorge ihn sehr. Er versuche den Menschen zu vermitteln: Ich bin Teil der großen Welt, aber handeln muss ich in meiner kleinen Welt – und da kann ich viel bewirken. Und ich kann darauf vertrauen, dass Gott mein Tun sieht und mir hilft.

In der Flutkrise, erzählt der Pfarrer, sei eine seiner liebsten biblischen Geschichten die von der Brotvermehrung gewesen. Sie habe ihm gezeigt: Ich kann nicht alle Nöte lindern. Ich habe vielleicht nur fünf Brote und zwei Fische. Aber ich kann tun, was geht – und es dann Gott überlassen, was er daraus macht. Und dann kann auch heute ein Wunder geschehen.

Andreas Lesch