Auf den Spuren von Widerstand und Verfolgung in der NS-Zeit

Schicksale verfolgter Osnabrücker

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Eine Gruppe von Menschen ist bei einer Stadtführung, eine Frau hält eine Fotografie hoch
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Foto: Janne Aufderhaar

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Betroffenheit: Martina Sellmeyer erzählt vor Ort Familiengeschichten verfolgter Juden.

Die Menschen, deren Geschichten Martina Sellmeyer bei einem Stadtrundgang erzählt, hat sie nicht gekannt. Aber ihr Schicksal bewegt sie. Denn alle haben unter der Willkür der Nationalsozialisten gelitten.

Die Glocken läuten, frischer Wind weht durch die Johannisstraße. Vor dem Johannisquartier haben sich über 30 Personen versammelt, um Martina Sellmeyer zu den Spuren und Widerständen der NS-Zeit in der Neustadt zu folgen. Die Literaturwissenschaftlerin erforscht in ihrer Freizeit die Schicksale von verfolgten Menschen und möchte ihnen durch entsprechende Führungen Aufmerksamkeit schenken.

Eine Schwarz-Weiß Fotografie vom Gynäkologen Joseph Müller und seiner Frau
Der Gynäkologe Joseph Müller und seine jüdische Frau Irmgard

Einer der Verfolgten ist der Gynäkologe Joseph Müller. Die Gruppe versammelt sich am Ständebrunnen neben St. Johann mit Blick Richtung Marienhospital (MHO). Martina Sellmeyer reicht ein Bild von Joseph Müller und seiner Frau Irmgard herum und beginnt zu erzählen. Müller war ein erfolgreicher Gynäkologe in Osnabrück. Er wirkte 1930 beim Aufbau einer gynäkologischen Abteilung im MHO mit und übernahm auch deren Leitung. Sein guter Ruf war weit verbreitet, ein bekannter Slogan lautete: „Kein Kind ohne Müller.“ Manche der Zuhörer schmunzeln, andere nicken wissend. Viele der Teilnehmer beschäftigen sich in ihrer Freizeit mit der NS-Zeit und haben ein gutes Vorwissen. Sellmeyer sagt, Müller selbst sei Christ gewesen und aufgefordert worden, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen. Als er dies verweigerte, verlor er die Leitung der Abteilung. 

Aufgrund des wachsenden Drucks beschlossen er und seine Frau, nach Brasilien auszuwandern. Doch es dauerte nicht lange, bis sie wieder zurückkehrten. Sie konnten sich ein Leben dort nicht vorstellen. In der Zwischenzeit hatte sich die Situation in Deutschland verschlimmert, sodass das Ehepaar erneut versuchte, das Land zu verlassen. Mit der Hilfe von Freunden schafften sie es im September 1938, über die Niederlande in die USA zu fliehen. Doch Joseph Müllers Qualifikation als Arzt wurde in den USA nicht anerkannt, sodass er zunächst als Sanitäter arbeitete. 

In den Gesichtern ist Mitgefühl zu erkennen

Die Teilnehmer der Stadtführung schweigen betroffen. Es scheint unvorstellbar, dass Müller ganz von vorne anfangen musste. Gleichzeitig kommt großer Respekt für den Gynäkologen auf. Während Joseph Müller als Sanitäter arbeitete, fing Irmgard Müller in einer Fabrik an. Doch die Folgen des Holocaust sorgten bei ihr für Angstzustände, weshalb sie ihre Arbeit beenden musste. Als sich ihr Zustand verschlechterte und sie nicht mehr allein sein konnte, gab auch ihr Mann seinen Beruf auf, um bei ihr sein zu können. Sellmeyer macht eine Pause. In den Gesichtern der Zuhörer zeigt sich Mitgefühl. Dann fragt eine Teilnehmerin, ob es eine Gedenktafel auf der gynäkologischen Station des Marienhospitals gebe. Es wäre doch schön, wenn etwas an diese Geschichte erinnerte.

Der Weg zur nächsten Station bietet Zeit zum Durchatmen. Viele sind in ihren Gedanken versunken, manche unterhalten sich. Der Wind ist frisch und die Wolken sind grau. Es wirkt, als ob sich das Wetter dem Gehörten anpassen will. Es geht zur Johannisstraße 22. Martina Sellmeyer sagt, sie stehe selten vor den Originalgebäuden. Auch an dieser Stelle wurde neu gebaut. Eine junge Frau sagt: „Es ist spannend zu wissen, wie der Ort, in dem man lebt, durch die Vergangenheit geprägt wurde.“ Ein anderer sagt: „Durch die Lokalität wird Geschichte erkennbar, sodass man sie gut vermitteln kann.“ 

Sellmeyer beginnt mit der Geschichte der Familie, die in Hausnummer 22 gelebt hat. Das Ehepaar Seligmann führte eine „Mischehe“. Charlotte war Christin, ihr Mann Fritz Jude. Die Nationalsozialisten drangsalierten die Familie. Ihr Mann wurde bei etlichen Berufen denunziert. Beim Fotografieren von Bauernhöfen warf man ihm Spionage vor. Und beim Musizieren in einem Restaurant wurde der Wirt angezeigt, da er einen „Nicht-Arier“ beschäftigte. Das sorgt bei den Zuhörern für ungläubiges Kopfschütteln. Fritz Seligmann musste daraufhin Zwangsarbeit in Bielefeld leisten, hatte aber noch Kontakt zu seiner Frau. Dadurch erfuhr sie, was in den Lagern geschah und erzählte es ihrer Freundin, die ebenfalls einen jüdischen Mann hatte. Wieder zu Hause, stand die Gestapo vor ihrer Tür. Eine andere christliche Freundin hatte sie verraten. Charlotte Seligmann wurde ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert und dort ermordet. Das Entsetzen über den Verrat ist jedem Zuhörer anzusehen. Sellmeyer erzählt, dass Sohn Werner Seligmann von der benachbarten Familie Reulecke aufgenommen wurde, bis die Gestapo ihn in ein Zwangsarbeitslager einwies. Tochter Helga kam durch Hilfe eines Pastors in ein Heim am Schölerberg. Als sie und die anderen Kinder sich bei einem Bombenangriff in einem Bunker versteckten, wurden sie durch die Detonation einer Sprengbombe getötet. Fritz und Werner Seligmann überlebten den Krieg.

Werner Seligmann wurde ein berühmter Architekt in den USA und reichte bei einem Wettbewerb über die Gestaltung des Felix-Nussbaum-Hauses in Osnabrück einen Entwurf ein. Bisher konnte er nicht gefunden werden. „Es wäre interessant zu sehen, wie ein ehemaliger Osnabrücker dieses Gebäude gestaltet hätte“, sagt Sellmeyer. Die Teilnehmer nicken. Alle zeigen großes Interesse an den Schicksalen der ihnen unbekannten Menschen. Die Neugier, Lokalität und der aktuelle Bezug haben sie zu der Führung bewegt: „Besonders in Hinblick auf die aktuelle Situation ist es wichtig, aus der Vergangenheit zu lernen“, sagt einer. Sellmeyer möchte vor allem die Geschichten der Menschen weitererzählen und ihnen so Gehör verschaffen.

Das Ende der Führung bedeutet für keinen Teilnehmer das Ende der Beschäftigung mit der NS-Zeit. Eine Frau sagt, die Führung habe ihr Interesse geweckt und rege sehr zum Nachdenken an. Einige wollen sich weiter informieren. Denn: „Immer, wenn man eine Antwort gefunden hat, haben sich drei neue Fragen aufgetan.“

Janne Aufderhaar

Eine Führung zu „Vergessenen Geschichte(n) der NS-Zeit in der Altstadt“ gibt es am Sonntag, 1. März, um 13:30 Uhr. Die nächste Führung „Spuren jüdischen Lebens in der Osnabrücker Neustadt“ findet am Sonntag, 4. Oktober, um 13:30 Uhr statt. Informationen unter: www.osnabrueck-fuehrungen.de