Interview zum Weltkindertag 2025

Was es für eine glückliche Kindheit braucht

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Eine glückliche Kindheit? Dafür können Eltern sorgen - alles richtig machen, geht dabei nicht immer. Und das ist in Ordnung
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Eine glückliche Kindheit? Dafür können Eltern sorgen - alles richtig machen, geht dabei nicht immer. Und das ist in Ordnung. (Foto: Jose Ibarra/Unsplash)

Was brauchen Kinder, um glücklich aufzuwachsen? Im Interview mit der Pädagogin Katrin Epheser von der Katholischen Familien-Bildungsstätte Osnabrück e.V. geht es um Sicherheit, Liebe, echte Aufmerksamkeit – und warum glückliche Kinder auch glückliche Eltern brauchen.

Frau Epheser, was verstehen Sie unter einer glücklichen Kindheit?

Eine glückliche Kindheit – aus der Sicht des Kindes – ist für mich eine Kindheit, in der sich Kinder sicher fühlen können. Also Ansprechpartner und ein sicheres Zuhause haben, wie auch immer das aussehen mag, und sich entfalten können. Das finde ich wichtig. 

Porträtbild von Katrin Epheser
Katrin Epheser weiß genau, was es für eine glückliche Kindheit braucht. (Foto: Kath. FABI Osnabrück)

Wie kann man das denn als Elternteil oder erziehungsberechtigte Person erreichen?

Eltern müssen für das Kind da sein. Das Wichtige ist aber nicht, dass sie von früh bis spät für nur da sind, sondern dass sie emotional für sie da sind. Heute sind Kinder oft in Betreuungen – das bringt unsere berufliche Landschaft einfach so mit sich. Kinder sind häufig viele Stunden am Tag außer Haus: Krippe, Kita oder Schule. Und das ist auch alles sehr in Ordnung, wenn das auch eine sehr schnelllebige Welt ist, in der man viel unterwegs ist. Das merken auch unsere Kinder. 

Umso wichtiger ist, dass Kinder ein Elternhaus haben, an das sie sich sicher gebunden fühlen – so nennen wir das auch in den Bindungstheorien. Es hilft vielleicht, sich das Zuhause als Hafen vorzustellen, in den das Kind einlaufen kann. Das Kind braucht einen Ort, an dem es merkt: Hier kann ich mich zurückziehen, sein wie ich bin. Hier kann ich mit Problemen hingehen, werde verstanden und akzeptiert.

Kurz: Für das Kind da sein, das ist wichtig. Dabei hat es nichts damit zu tun, wie viele Stunden man mit dem Kind absolut verbringt. Es hat auch nichts damit zu tun, dass es sich dabei um die Kernfamilie handeln muss, mit Vater, Mutter und Kind. Wichtig ist, dass das verlässliche Ansprechpersonen sind, die die Zeit aufbringen. 

Gemeinsame Zeit und ein Zuhause als sicherer Hafen – reicht das?

Ganz wichtig ist Liebe und gegenseitiger Respekt. Eltern müssen ihre Kinder sehen. Denn Kinder wollen gesehen und wahrgenommen werden – nur so lernen die das auch; dass man sich in einer Gesellschaft respektvoll behandelt. Und eben Liebe – Liebe ist so wichtig.  

Respekt lernen, Liebe der Eltern wahrnehmen. Das fängt ja nicht alles erst an, wenn ein Kind in die Kita oder Grundschule kommt, oder? Wie legt man den Grundstein für eine glückliche Kindheit – und ab wann?

Kinder merken sehr schnell, wenn sie ernst genommen werden. Ich sollte also ein echtes Interesse an meinem Kind haben – egal, ob das jetzt ein zwei Wochen altes Baby, ein fünfjähriges oder ein 16-jähriges Kind ist. Ich bekomme ein Kind, weil ich es will und nicht, weil ich denke, dass das ja alle tun. Und dementsprechend verhalte ich mich: Habe Interesse an dem, was das Kind macht, fühlt und wie es lebt. Und wenn ich die Zeit habe, bekommt es auch die Aufmerksamkeit.

Und das geht nicht eben so nebenbei, während man am Handy sitzt, zum Beispiel. Sondern diese Zeit muss aktiv genommen werden und wenn es nur ein paar Minuten sind. Geschieht das nur passiv, merken das die Kinder sofort. 

Das kann im Spiel passieren, dass man sich in Ruhe hinsetzt. Das kann sein, dass ich als Mutter dem Kind zuhöre. Dass ich die Schulaufführung besuche und zurückmelde: Schau mal, da hast du jetzt ein halbes Jahr für geprobt – das hast du toll gemacht. Dieses Interesse muss aber ehrlich sein. 

Welche Rolle spielen Angehörige und das soziale Umfeld?

Natürlich eine sehr große Rolle. Wenn Kinder noch klein sind, zum Beispiel als Baby, da können sie sich auf zwei bis drei intensive Bezugspersonen einlassen. Meistens sind das die Eltern und die Oma noch dazu vielleicht. Darüber hinaus wird’s schwierig. Später werden die Kinder dann flexibler.

Aber eine Familie, also eine Gemeinschaft, zu der das Kind gehört – das ist extrem wichtig. Auch das soziale Umfeld gehört dazu. Bei kleinen Kindern ist es elementar, dass sie wissen, wo sie hingehen können, um sich sicher zu fühlen – wenn das Knie aufgeschlagen ist, zum Beispiel oder wenn Trost benötigt wird. 

Und wenn die Kinder älter werden, wird das soziale Umfeld wichtiger als die Familie. Dann spielt die sogenannte Peer-Group eine große Rolle. Die Freundesgruppe, die den Trend gemeinsam setzt, angibt was cool ist. Das haben dann die Eltern auch nicht mehr so im Griff. Klar, kann man das ein bisschen lenken – letztlich entscheiden die Kinder das aber selbst.

Aber: Wenn ich ein Kind in den ersten Jahren gut und sicher aufziehe, dann kann es auch bei schwierigen Peer-Groups gut bestehen.

Zum Beispiel?

Angenommen, ich werde jetzt jugendlich und in meiner Clique rauchen alle. Dann ist das unheimlich schwierig das nicht auch zu tun. Aber: Ich kann versuchen das Kind die Lebensjahre davor schon zu stärken und sagen, dass es kein Rauchen braucht, um ein cooler Mensch zu sein – und mit etwas Glück klappt das dann auch. Aber die Peer-Groups – ja, die haben schon einen starken Einfluss. Aber auch die braucht ein Kind, um glücklich und erfüllt zu sein.

Und die Phase, in der die Eltern in den Hintergrund rücken und nicht mehr die allmächtigen Superhelden sind, immer uncooler werden – das gehört zum Abnabelungsprozess übrigens ganz natürlich dazu. 

Apropos Eltern: Kann ich denn überhaupt alles richtig machen, sodass mein Kind auf jeden Fall eine glückliche Kindheit hat?

Man kann nie immer alles richtig machen. Man darf auch in Ruhe Fehler machen, wir sind ja alle Menschen. Die Frage hier ist, wie man mit den Fehlern umgeht. Und ich kann vor meinem Kind auch zugeben, dass vielleicht etwas falsch war. Das lehrt ihm gleichzeitig einen angemessenen Umgang mit eigenen Fehlern. Wichtig: den Fehler ehrlich begründen. Ist das jetzt passiert, weil ich müde war oder gestresst oder überfordert? Das kann man dem Kind erklären, das sorgt dafür, dass es sieht: Nicht nur ich mache Fehler, sondern meine Eltern ja auch. Das macht das Leben für die Kinder auch einschätzbar. 

Wichtig dabei? Dass es sich da nicht um ein Machtverhältnis handelt. Klar, einer muss die Regeln machen, muss für eine Weile der Chef sein – damit das Kind nicht in die Steckdose fasst, nicht blind über die Straße rennt und seine Hausaufgaben macht. Wenn ich als Elternteil aber selbst einen Fehler mache, dann muss ich mich auf die Augenhöhe des Kindes begeben und sagen: Okay, das war jetzt falsch.

Und wie steht es mit der Erziehung; kann ich ein Kind zum Glücklich-Sein erziehen?

Naja, die Aufgabe der Eltern ist es, das Kind in ein selbständiges Leben zu begleiten. Und das geht nur, wenn ich ihm nicht alles abnehme – Regeln gehören zur glücklichen Kindheit dazu – aber ich kann ihm auch nicht alles verbieten. 

Schauen, dass es dem Kind gut geht, es glücklich ist – aus Elternsicht ist das eigentlich ein lebenslanger Job, der über die Kindheit hinaus geht. Auch wenn das Kind erwachsen ist, man ist noch immer eine Mama oder ein Papa – der oder die sich verantwortlich fühlt. Nur die Zuständigkeitsbereiche ändern sich. Das sollte man sich als Eltern klarmachen: Es wird nicht leichter, es wird nur anders. Man sollte es als Chance betrachten, Kinder zu haben, denn es ist ein toller Job. Und ein Job, den man gut machen kann, damit da eine glückliche Kindheit bei rumkommt. 

Wie zeigt es sich später im Leben, ob jemand eine glückliche Kindheit hatte?

Man kann das den Menschen schon anmerken. Aber: Nicht jedes Kind, das eine unglückliche Kindheit hatte, wird sein eigenes Leben nicht mehr meistern können. Es gibt Kinder, die früher eine unsichere Bindung hatten, im jugendlichen Alter dann trotzdem die Kurve bekommen und ihre Leben später gut bewältigen können. Das nennt man auch Resilienz - die Fähigkeit, sich vor schlechten Einflüssen abzuschirmen. 

Bei Kindern, die jedoch eine sichere Bindung, eine glückliche Kindheit voller Liebe hatten - da merkt man später schon, dass die häufig explorativer in ihr Leben gehen können. Dass die selbstbewusster, manchmal vielleicht auch glücklicher sind. Diesen Menschen fällt es meist leichter, das einmal an die eigenen Kinder weitergeben zu können. 

Wo können sich Eltern Unterstützung holen?

Es gibt ein afrikanisches Sprichwort, das sagt: "Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf." Und das stimmt. Das meint nicht, dass Eltern unbedingt überfordert sein müssen, die Erziehung nicht alleine stemmen können - für das Kind ist das wichtig, verschiedene Eindrücke zu erhalten. Und für die Eltern ist es wichtig, entlastet zu werden. Denn: Für glückliche Kinder braucht es glückliche Eltern. Ein Kind zu erziehen ist schwierig, das kann man gar nicht alleine machen.

Unterstützend kann vieles sein - auch Netzwerken. Das kann im örtlichen Sportverein stattfinden, in dem das Kind Heimat fasst und die Eltern sich mit anderen austauschen. Das können Kurse sein, die man zusammen besucht. Denn wir leben nicht mehr in Großfamilien wie früher, wo der Austausch zwischen den Generationen einfacher war oder in dörflichen Gemeinschaften, wo man fragen konnte: "War das bei dir damals auch so, ist das normal, dass das ein Kind macht?"

Denn und das wird mir im Gespräch gerade auch noch einmal bewusst: Mit das Wichtigste für eine glückliche Kindheit ist, dass auch die Eltern glücklich sind.

 

Lisa Discher

Großeltern-Patenschaften

Für eine glückliche Kindheit sind Großeltern oft unersetzlich – sie schenken Zeit, Geborgenheit und unvergessliche Erlebnisse. Wenn eigene Großeltern fehlen, ermöglichen die ehrenamtlichen Paten-Omas und -Opas der Katholischen Familien-Bildungsstätte Osnabrück e.V. diese wertvollen Erfahrungen für Kinder und Familien. Es entstehen Beziehungen, die Freude schenken und den Alltag bereichern. Wer Interesse hat, ehrenamtlich als Großelternpate/in in eine Familie zu gehen, findet hier weitere Informationen.