Caritas-Zentrum Kardinal Bengsch in Berlin
Der „kleine Vatikan“ in Charlottenburg
Fotos: Jörg Farys
Um Gott und Welt geht es im Gesprächskreis mit Seelsorger Jörg Busenbender (Mitte).
„Das ist eine sehr katholische Einrichtung“, sagt Jörg Busenbender, und lacht. Als er vor anderthalb Jahren als Seelsorger im Caritas-Zentrum Kardinal Bengsch in Berlin-Charlottenburg begann, wurde er oft gefragt, ob er denn auch katholisch sei. Das Zentrum galt als „kleiner Vatikan“, viele Priester lebten in der Vergangenheit hier und waren zugleich als Seelsorger tätig. „Und dann kam ich: gemischtkonfessionell verheiratet, vier Kinder, sieben Enkel.“
Seine Frau leitet als evangelisch-reformierte Theologin die deutschsprachige Region des christlichen Hilfswerkes „Samaritan’s Purse“, in dem ihr Mann zum Notfallseelsorger und zum psychologischen Ersthelfer ausgebildet wurde. Da er zudem seit 20 Jahren ehrenamtlich als Sterbebegleiter im Diakonie-Hospiz Wannsee arbeitet, könnte man auch den Weg, der ihn zur Caritas geführt hat, „gemischtkonfessionell“ nennen. „Ich selbst bin kein Freund solcher Zuschreibungen, aber mit den Worten meiner Frau könnte man mich wohl als ‚reformierten Katholiken‘ bezeichnen“, sagt der Hausseelsorger mit einem Augenzwinkern und fährt fort: „Dass ich kein Priester bin, kann bei jemandem, der gar keinen Bezug zum Glauben hat, auch ein Türöffner sein.“
Die wenigsten der rund 300 Bewohner sowie der gut 150 Mitarbeiter sind christlich. „Wir sind hier alle gemeinsam auf dem Weg. Manche von uns gehen mit Gott und haben ein klares Ziel vor Augen; andere nicht.“ Bedarf für Seelsorge gebe es mitunter besonders bei Menschen, denen Gott und somit auch jedwede Hoffnung fehle. Deshalb sehe er sein Angebot als Ergänzung, statt als Konkurrenz zur Präsenz der im Zentrum lebenden Pfarrer. Mit ihnen arbeite er regelmäßig zusammen und profitiere von deren Erfahrung. So tauscht er sich auch gerne mit dem im Haus wohnenden Prälaten Roland Steinke aus. „Als ehemaliger Generalvikar und Caritasdirektor verfügt er über einen immensen Erfahrungsschatz, an dem er mich in seiner unprätentiösen Art teilhaben lässt.“
„Für mich war es ein Wunder“
Irmgard Klotsch schmunzelt. „Hier leben aber nicht nur prominente Katholiken; ich bin eine einfache Hausfrau.“ Mehr als 60 Jahre war sie verheiratet, „und immer mit demselben Mann“. Sie wohnt im Kardinal-Bengsch-Haus, einem der zwei Pflegeheime des Seniorenzentrums. „Ich kam aus dem Krankenhaus, war pflegebedürftig und hier war ein Zimmer frei. Für mich war es ein Wunder.“ Gefragt nach dem „Wohlfühlfaktor“ zuckt sie mit den Schultern: „Wenn es einem gut geht, fühlt man sich gut aufgehoben. Und dann gibt es Tage, da geht es einem nicht so gut, dann bemängelt man alles.“
Seit ihrer Kindheit war sie in der Charlottenburger Herz-Jesu-Gemeinde aktiv: „Ich war zum Beispiel die erste Frau, die Andachten in unserer Kirche gehalten hat, Maiandachten und Kreuzwegandachten.“ Der intensive Kontakt zur Heimatgemeinde ist bis heute ungebrochen. Sie nimmt zum Beispiel an der Seniorenmesse und dem Seniorencafé teil.
Im Seniorenzentrum besucht sie Gottesdienste und Vortragsangebote, „wenn ich Zeit habe“. Hätte sie ein persönliches Anliegen, würde sie sich an Jörg Busenbender wenden. „Und zu Pfarrer Birkhahn habe ich Vertrauen. Aber zur Beichte gehe ich schon lange nicht mehr. Deshalb denken hier manche, ich sei evangelisch.“
Pfarrer Hans-Joachim Birkhahn, „kurz über 90“, zündet erst einmal die Kerze auf dem Tisch in seiner Wohnung an. Seit gut zehn Jahren lebt er im Seniorenwohnhaus. Er erzählt von seiner Heimatgemeinde St. Antonius am Berliner Ostbahnhof, seinem Weihekurs und von den Gottesdiensten.
Er zelebriert zweimal in der Woche eine heilige Messe in der Hauskapelle und hält zweimal wöchentlich Andachten auf der Pflegestation. Einmal im Monat feiert der ebenfalls im Zentrum wohnende evangelische Pfarrer Klaus Kurt Raschkowski einen Abendmahls-Gottesdienst. An den Feiertagen sind beide Pfarrer gleichermaßen engagiert. „Wochentags kommen so zwischen 20 und 30 Bewohner zum Gottesdienst, fünf oder sechs von ihnen sind nicht katholisch.“ Für seelsorgliche Gespräche würde Pfarrer Birkhahn selten angefragt, für Krankenkommunionen und Krankensalbungen öfter. „Ich höre auch Beichte bei denen, die das noch wollen.“
Gisela Sterzinsky zog 2011 nach dem Tod ihres Bruders, Kardinal Georg Sterzinky, ins Seniorenwohnhaus und hat diesen Schritt „keine Minute bereut“. Ihre Wohnung hat einen Balkon und ist nicht hellhörig, was sie befürchtet hatte. Manchmal denke sie, dass sie hier die Einzige aus dem Osten sei, weiß aber nicht, ob das stimmt. „In Thüringen, in Tambach-Dietharz, habe ich 20 Jahre lang ein Caritasheim geleitet.“ Viel Fügung habe sie zu sozialistischen Zeiten erlebt, erinnert sie sich dankbar. Nach der Wiedervereinigung wurde „ihr“ Haus geschlossen, 1989 ihr Bruder zum Erzbischof von Berlin ernannt und sie zog mit nach Berlin, um ihm bis zu seinem Tod den Haushalt zu führen.
Gottvertrauen ist ungebrochen
Besonders angetan sei sie vom Gesprächskreis „Gott und die Welt“, den Jörg Busenbender zweimal wöchentlich anbietet. „Wir sind meist zwölf, 13 Leute. Jeder kann ein Thema ansprechen, das ihn beschäftigt, oder Herr Busenbender schlägt eines vor. Einmal hat er über den Heiligen Geist gesprochen. Das hat mich sehr beeindruckt.“ Ihr Gottvertrauen, sagt sie, sei ungebrochen, sie habe zu keiner Zeit gezweifelt, „auch nicht in der Krankheit, ich hatte Krebs. Ja, ich bin zufrieden.“
Der Gesprächskreis „Gott und die Welt“ beginnt und endet mit einem Gebet. Fürbitten für diejenigen, die nicht mehr dabei sein können und für alle, die im Zentrum leben und arbeiten, werden formuliert. Ähnlich verfährt der Hausseelsorger auch in den Wortgottesdiensten, die er drei- bis viermal monatlich im Bernhard-Lichtenberg-Haus, dem zweiten Pflegeheim im Seniorenzentrum, feiert. Er ist überzeugt, Seelsorge habe immer mit der Gottesfrage zu tun: „Für mich heißt Seelsorge, Gott zur Sprache zu bringen und so Hoffnung zu wecken.“ Er erzählt von einer Dame, die im Gesprächskreis über das sprechen wollte, was sie schon lange quälte: „‚Warum lässt Gott zu, dass ich an Lungenkrebs sterbe?‘, lautete ihre Frage, die dann von allen Beteiligten mit großer Anteilnahme besprochen wurde.“
Zwölf Jahre lebt Christian Braune-Krickau bereits im Caritas-Zentrum. Aufgrund einer Sehbehinderung musste er seine Altbauwohnung aufgeben. „Manche nennen das Kardinal-Bengsch-Zentrum einen ‚Betonbunker‘, in den sie nie einziehen würden. Aber wesentlich ist doch, dass es seinen Zweck erfüllt. Ich habe hier alles, was ich an Pflege und Hilfe brauche. Als ich einmal in meiner Wohnung gestürzt war, habe ich den Malteser-Hausnotruf gewählt, und ganz schnell kam ein Malteser gelaufen und half mir. Ich würde hier nie mehr ausziehen, zumindest nicht freiwillig.“
Über Sterben und Tod denke er häufig nach. „Ich vertraue darauf, dass jemand da ist, den ich kenne und der mich begleitet, wenn es soweit ist.“ Und läge ihm etwas schwer auf der Seele, würde er sich mit dem Hausseelsorger in Verbindung setzen und mit seiner Lebensgefährtin oder mit guten Freunden reden. „So habe ich auch Seelsorge.“
In manchen Situationen könne Seelsorge sogar wichtiger sein als Pflege, ergänzt Birk Albroscheit, der Pflegedienstleiter im Dr.-Margarete-Sommer-Haus, in dem sich zwei Wohngemeinschaften für demenziell erkrankte Menschen sowie die Caritas-Sozialstation mit ambulanter Versorgung für Kunden im Stadtbezirk befinden. Gesetzlich ist Seelsorge nicht vorgesehen, „uns ist es aber wichtig, die Pflegeteams dafür zu sensibilisieren. Beobachtet ein Pfleger beispielsweise, dass sich ein Bewohner verändert, sich in sich zurückzieht, wird er versuchen, sich Zeit zu nehmen, ein Gespräch anbieten und mich über die Veränderung informieren.“ Zum Leitbild der Einrichtung gehöre es, den ganzen Menschen im Blick zu haben. Pflege und Seelsorge greifen ineinander, deshalb hätten die Pflegekräfte auch zeitliche Freiräume für die „Leib-Seele-Sorge“.
„Sagt ein Bewohner, er will nicht mehr leben, überlege ich zusammen mit Jörg Busenbender, wer helfen könnte, zum Beispiel Pfarrer Birkhahn oder Pfarrer Raschkowski. Manchmal hilft es schon, wenn ein Seelsorger mit dem Bewohner im Garten spazieren geht, Zeit mit ihm verbringt. Das entlastet die Pflegekräfte, denn leicht sind solche Gespräche nicht.“
Todessehnsucht sei immer wieder ein Thema, berichtet Jörg Busenbender. Kurz nach der Berichterstattung vom Suizid der „Kessler-Zwillinge" bat ihn eine Bewohnerin, ihr bei der Selbsttötung zu helfen: „So wie die beiden will ich auch sterben“, seien ihre Worte gewesen, nachdem sie ihm entsprechende Zeitungsartikel vorgelegt hatte. Sowohl die Deutsche Bischofskonferenz als auch der Deutsche Caritasverband sprechen sich klar gegen Beihilfe zum Suizid in ihren Einrichtungen aus. Die Caritasdirektorin im Erzbistum Berlin, Ulrike Kostka, betont, dass es wichtig sei zu schauen, was das Leben für Menschen wie diese Frau derart perspektivlos mache und was man dagegen tun könne.
Neben zehn weiteren Referenten sprach auch die Caritasdirektorin im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Was die Seele bewegt - Seelsorge im Gespräch“ darüber, was sie unter Seelsorge verstehe. Die von Jörg Busenbender konzipierte Reihe behandelt die vielfältigen Aspekte der Seelsorge, etwa aus der Sicht der Landespfarrerin Anne Heimendahl, die verantwortlich ist für die gesamte Krankenhaus- und Altenpflegeheimseelsorge der Evangelischen Kirche Berlin, Brandenburg und Schlesische Oberlausitz, oder des Gründers des muslimischen Seelsorgetelefons Berlin, Mohammad Imran Sagir.
Für Jörg Busenbender beginnt Seelsorge mit Gebet. „Ich bete, wenn ich zu einem Menschen gehe. Gott geht mit, er trägt uns.“ Oft sei es ein schwerer Gang. Schwer ist es, die Verzweiflung eines Menschen auszuhalten, die richtigen Worte zu finden oder zu schweigen, einfach da zu sein. Er ist überzeugt: „Gottes Plan ist gut. Auch wenn ich diesen Plan nicht verstehe oder Gott meine wohlmeinenden Ratschläge einfach zu ignorieren scheint.“