75 Jahre TAG DES HERRN

Ohne Pressefreiheit, mit Phantasie

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Peter Paul Straube sitzt im Ökumenischen Domladen Bautzen und blättert in einer alten Ausgabe des TAG DES HERRN
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Fotos: Ruth Weinhold-Heße

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Peter Paul Straube im Domladen in Bautzen. Dort verkauft er heute nicht nur christliche Literatur, sondern organisiert auch die Bautzener Reden mit oder hilft Ukrainern, die unter dem Angriffskrieges von Russland leiden.

Peter-Paul Straube war in den 1980er Jahren Redakteur beim Tag des Herrn und stellte in dieser Zeit einen Ausreiseantrag. Bevor er mit seiner Familie die DDR verließ, umschiffte er die Zensur durch den Staatsapparat. Wir haben mit ihm in alten Ausgaben geblättert.

„Mit Schere und Prittstift haben wir die Seiten zusammengesetzt“, erzählt Peter-Paul Straube über seine Zeit beim Tag des Herrn. Von 1982 bis 86 war er Redakteur bei der katholischen Zeitung. „Die Prittstifte haben wir aus dem Westen bekommen“, fügt er erklärend hinzu. Eine herausfordernde Zeit sei das gewesen, auch persönlich: „Der Ausreiseantrag lief.“ Straube sah für sich und seine Familie keine Zukunft in der DDR. Er war nicht bereit, die Uniform der Nationalen Volksarmee (NVA) anzuziehen – sein Bruder saß aus diesem Grund bereits Ende der 70er Jahre im Gefängnis.

Straube, 1955 in Werdau geboren, studierte zunächst Maschinenbau. Weil er nicht am Armeelager teilgenommen hatte, wurde er nach dem Vordiplom exmatrikuliert. Er wechselte das Fach und studierte katholische Theologie in Erfurt. Viele Wege standen ihm deshalb in der DDR nicht mehr offen; er kam als Lektor zum katholischen St. Benno Verlag nach Leipzig. Weil er wegen der Krankheit des damaligen Chefredakteurs Franz-Peter Sonntag einsprang, landete er bald beim Tag des Herrn. „Acht Seiten umfasste die Zeitung damals. Ich war unter anderem für die Seite über die Weltkirche verantwortlich“, erzählt er. Auch längere Schwerpunkttexte schrieb der Quereinsteiger.

Es war die Zeit, als der Buchdruck gerade verschwand, der Offsetdruck zum Einsatz kam, aber Kopierer, Fax oder gar Computer noch nicht Einzug in die Redaktion gehalten hatten. „Wir schätzten die Zeilenzahlen unserer Artikel. Einer aus der Redaktion fuhr mit den Manuskripten unterm Arm in die Druckerei, wo die Texte in der richtigen Spaltenbreite gesetzt wurden. Es waren fast immer zu viele Zeilen“, erzählt Straube aus dem Redaktionsalltag. Dann setzten die Redakteure buchstäblich die Schere an. Manches Mal mussten Absätze neu formuliert werden. Es wurde immer wieder mit der Druckerei telefoniert, „bis es endlich hingehauen hat“.

Auslassungen für freies Denken

Aber nicht nur technisch unterschied sich die Redaktionsarbeit erheblich von heute. Denn die Pressefreiheit gab es nicht, die katholische Zeitung wurde nach dem Druck durch das Presseamt beim Ministerrat der DDR begutachtet und dann zur Auslieferung freigegeben. Das bedeutete, nachdem eine Ausgabe gedruckt war, hätte es passieren können, dass sie komplett eingestampft werden musste, weil der Wortlaut in einem Artikel nicht passte. Und es gab Wartelisten für ein Abo, weil das Druckpapier für die konfessionelle Zeitung stark limitiert war. „Wir haben uns schon immer genau überlegt, was können und was dürfen wir schreiben. In meiner Zeit als Redakteur hat es keine größeren Probleme gegeben“, sagt Straube, „Selbstzensur und Zensur waren eingespielt. Wir haben manche Geschichten eher indirekt rübergebracht.“

Porträtbild von Peter Paul StraubePeter-Paul Straube blättert in vergilbten Zeitungsseiten und findet Beispiele in seinen Texten von damals. Er berichtete etwa in der Ausgabe vom 8. Juni 1985 über den katholischen Jugendkongress in Berlin, der vom 17. bis 19. Mai dort stattfand. Eine eher kurze Randnotiz war, dass Jugendliche aus der DDR am internationalen Jugendtreffen am Palmsonntag 1985 in Rom „nicht teilnahmen“. Das Treffen, von Papst Johannes Paul II. initiiert, war der Vorläufer des Weltjugendtags. „Wir haben jedoch nicht geschrieben, dass sie nicht aus der DDR nach Rom reisen konnten. Die Bezeichnung DDR haben wir übrigens weitestgehend im Tag des Herrn vermieden und dafür ‚hierzulande‘ oder ähnliches geschrieben.“

Unter der Überschrift „Katholische Schule in Peking wiedereröffnet“ erschien ein Bericht in der Rubrik „Weltkirche“ am 20. Juli 1985. „Wir wollten mit dieser Nachricht den Lesern Mut machen, sie zum Nachdenken und Fragen bringen: Warum gibt es eigentlich in China katholische Schulen und bei uns nicht? Wir haben nicht ausdrücklich festgestellt, dass konfessionelle Schulen in der DDR nicht gegründet werden konnten. Mit unseren Berichten über die Weltkirche wollten wir den Blick weiten,“ erklärt der ehemalige Redakteur.

Informationsbeschaffung mit dem D-Zug

Besonders kurios erscheint heute die damalige Recherche. Man konnte nicht einfach im Internet suchen, höchstens die wenigen Menschen anrufen, die ein Telefon besaßen. „Über die Weltkirche informierte ich mich über den innerkirchlichen Dienstweg“, erzählt Straube. Die kirchlichen Meldungen aus der Bundesrepublik von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) und von Kathpress in Österreich gelangten über Kardinal Joachim Meisner oder die Caritas von Westberlin in das Ostberliner Büro von Prälat Gerhard Lange, dem Chefredakteur des St. Hedwigsblatts. „Ich bin manchmal mit dem Zug dorthin gefahren, um sie abzuholen. Meist erschienen diese Weltkirchenmeldungen im Tag des Herrn mit einer Zeitverzögerung von drei Wochen“, erinnert er sich. Der leitende KNA-Redakteur aus Westberlin, Martin Höllen, sei zuweilen mit dem D-Zug von seiner Dienststelle in Westberlin nach Leipzig gefahren und habe Informationen mitgebracht.

Eine andere Quelle war die Deutsche Bücherei in Leipzig, für die Straube einen Leseausweis hatte. „Man brauchte eine Sondergenehmigung, um Westbücher lesen zu können. Das durfte man eigentlich nur im Lesesaal, aber der Abteilungsleiter Gottfried Rost, der Katholik war, sorgte dafür, dass wir Bücher ausleihen konnten. Bücher aus dem Westen konnten wir auch über den kirchlichen Dienstweg bestellen“, erzählt Straube. Besuch aus der Bundesrepublik oder dem Ausland, wie Bischöfe aus der sogenannten Dritten Welt, die etwa zu Missionsveranstaltungen in Leipzig waren, berichteten aus erster Hand über die Kirche in ihren Ländern.

Im Mai 1986 durfte Familie Straube in die Bundesrepublik ausreisen. Sie kehrte neun Jahre später zurück nach Sachsen. Peter-Paul Straube war bis 2019 Rektor des Bischof-Benno-Hauses in Schmochtitz und engagierte sich unter anderem auch in der Kommunalpolitik. Bis heute lebt er in Bautzen und ist Vorsitzender des Vereins Ökumenischer Domladen Bautzen.

Ruth Weinhold-Heße