Johannespassion und Erinnerung an Märtyrer
Freiheit in Fesseln
Foto: Dresdner Kapellknaben/Johannes Hoffmann
Auf der Anklagebank: Helmuth James Graf von Moltke, gespielt von Till Krabbe. Krabbe entwarf das Konzept zu den Szenischen Lesungen und führte Regie unter Mitarbeit von Jesuitenpater Klaus Mertes.
Es ist harte Kost: In der Dresdner Kathedrale geht es ums Martyrium – einerseits vor rund 80, andererseits vor 2000 Jahren. Hadern, aber auch die Kraft finden, den letzten Weg mit Gott zu gehen, unschuldig zum Tode verurteilt. Zweieinhalb Stunden konzentrierte Musik und – das ist das Ungewöhnliche an dieser Johannespassion von Bach – eindrückliche Szenen, die eine Parallele von Jesu Leidensweg zu den Märtyrern im Naziregime ziehen. Und damit gewinnt die musikalische Umsetzung Bachs! Die Passion Jesu wird hochaktuell, nicht zuletzt weil sich die Zuhörer fragen: Was würde ich tun in dieser Situation?
Der Jesuit Klaus Mertes schrieb den Aufsatz „Ökumene der Märtyrer“. Aus dem entstand die szenische Lesung „Die Freiheit, die Fesseln trägt“ von Till Krabbe. Es geht um den Protestanten Helmuth James Graf von Moltke und den Jesuitenpater Alfred Delp. Beide gehörten zum „Kreisauer Kreis“ und dachten darüber nach, wie Deutschland nach der „totalen Niederlage“ neu gestaltet werden könnte. Im Januar 1945 wurde ihnen der Prozess vor dem Volksgerichtshof gemacht. Dessen Präsident, Roland Freisler, konnte ihnen das Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 nicht nachweisen, weil sie nicht beteiligt waren. Es kam zur Änderung der Anklage, die ökumenische Verbindung wurde zum Todesurteil. Denn dass Christen beider Konfessionen gemeinsam politische Überlegungen anstellten, besonders ihre christlich-soziale Weltanschauung, galt als Hochverrat gegenüber Hitler. Delp schrieb an seine Mitbrüder über das Urteil: „Grundthese: ein Jesuit ist a priori der Feind und Widersacher des Reiches.“
Sie saßen in Berlin-Tegel in Haft, studierten intensiv die Bibel und verständigten sich über Klopfzeichen an der Gefängniszellenwand. „Über den gemeinsamen Widerstand entdeckten sie die Gemeinsamkeiten ihres Glaubens“, sagt Mertes. Wenn jetzt die katholische Kirche die Seligsprechung von Alfred Delp prüft, dann „muss man auch auf Moltke schauen“, so der Pater und er fügt hinzu: „Moltke deutet sein Urteil als Martyrium für die Einheit der Christen.“ Am 23. Januar 1945 wurde Moltke in Berlin-Plötzensee hingerichtet, Delp folgte am 2. Februar in den Tod.
Ihr Schicksal hat Till Krabbe so in Bachs Johannespassion verwoben, dass es zugleich gewagt und genial ist. Die Dresdner Kapellknaben führen unter der Leitung von Christian Bonath diese besondere Passionsgeschichte Mitte Juni zwei Mal auf, neben Dresden auch in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrium in Berlin. Der Knabenchor glänzt dabei nicht nur in den Chorpassagen und mehreren Soloeinsätzen einzelner Jungen, sondern auch als Urteilsverkünder im Gerichtssal: „Im Namen des deutschen Volkes“ hallt es in die Kirche.
Prozessakten, Moltkes Briefe an seine Frau oder Delps Brief an seine Mutter werden so zwischen Chorsätzen und Arien gelesen, dass beide Erzählstränge verschmelzen. Till Krabbe als Moltke und Andreas Mach als Delp betreten die Kirche zu Beginn in Fesseln; damit wird die Kirche zum Gerichtssaal. Großartig gelungen ist, dass Freisler und Pilatus von einer Person gespielt und gesungen werden. Johann Kalvelage, derzeit im Solistenensemble am Theater Chemnitz, zeigt Freisler überzeugend als Ekel, dessen Wutanfälle die Kirche erschüttern. Freisler entlarvt die teuflische Ideologie der Nazis selbst, als er zu Moltke sagt: „Nur in einem sind das Christentum und wir gleich: Wir fordern den ganzen Menschen.“ Dass Freisler und Pilatus gleichgesetzt werden, verteidigt Pater Mertes: „Auch Pilatus war ein Grausamer, ein Handlanger der Besatzungsmacht, die er durch Brutalität aufrecht erhalten hat.“
Klaus Mertes zieht aber auch eine tröstliche Parallele zum Schluss der Passion. Moltke schreibt an seine Frau, sein Leben „ergibt vom Ende her Sinn“, seinen Märtyrertod sieht er als Erfüllung, genauso wie Jesus am Kreuz sagt: „Es ist vollbracht!“
Nach dem Konzert bleibt es minutenlang still in der Kathedrale, bevor der Applaus einsetzt.