„Prekäre Dialoge“ in der Ökumenischen Akademie Ostthüringen

Der Mann, der mit den Rechten spricht

Image
Pfarrer Frank Hiddemann bei einer Diskussion in der Ökumenischen Akademie Ostthüringen
Nachweis

Foto: Wolfgang Hesse

Caption

Pfarrer Frank Hiddemann ist evangelischer Theologe, Gemeindepfarrer und Leiter der Ökumenischen Akademie Ostthüringen.

Pfarrer Frank Hiddemann lädt AfD-Vertreter zu Diskussionsveranstaltungen ein. Im Interview erklärt er, warum Demokraten den Dialog mit Rechtspopulisten suchen sollten, worauf es bei der Moderation ankommt und, warum er AfD-Mitglieder nicht aus Gemeindegremien ausschließen würde.

Herr Hiddemann, zu Diskussionen in der Ökumenischen Akademie Ostthüringen laden Sie auch Menschen ein, mit denen sonst niemand redet: „AfDler, Rechtspopulisten, Querdenker und Schwurbler“, wie Sie selbst sagen. Diese Veranstaltungen heißen „prekäre Dialoge“. Warum prekär?

Der Dialog ist nicht auf Verständigung und Annäherung ausgelegt. Beide Seiten sollen argumentativ die eigene Position vertreten. Die Lager sind so kontrovers, dass sie sich nicht einigen werden. Deshalb habe ich den Dialog „prekär“ genannt.

Wie ist das Format entstanden?

Das war 2018, da war die AfD für viele noch eine Gruppe skurriler Außenseiter. In Gera war das anders, da wählten schon damals 30 Prozent die AfD, vor allem auch das Bürgertum. Wir Demokraten konnten nicht mehr so tun, als seien wir alleine auf dieser Welt. Deshalb wollte ich einen Dialog. Ich hatte zuvor mit dem AfD-Bundestagsabgeordneten Stephan Brandner gesprochen. Wir kommen beide aus dem Ruhrgebiet, sprechen dasselbe Westfälisch und haben uns ganz gut verstanden. Die AfD wollte damals mitmachen und zeigen, dass sie auch sachliche Politik kann. Heute ist das anders, aber damals hatte sie das tatsächlich vor.

Heute erscheint die AfD kaum mehr sachlich. Wie hat sich das Format dem angepasst?

Der Dialog ist inzwischen eine Achillesferse der AfD. Sie können nicht sachlich, sie können nur in Gruppen mit einheitlichen Meinungen auf Applaus gehen. In Gruppen mit unterschiedlichen Meinungen können sie nicht liefern, vor allem, wenn es um regionale oder lokale Probleme geht. Deswegen mag ich diese hart sachlichen Diskussionen. Die kann die AfD nicht gewinnen.

Das klingt so, als wollten Sie die AfD vor allem vorführen.

Ich sehe das als politische Auseinandersetzung zwischen dem demokratischen Spektrum und dem rechtspopulistischen Spektrum. Es gibt Regionen, in denen jeder mit rechtspopulistischen Parolen mit Zustimmung rechnen kann. Ich möchte das umdrehen und den Boden zurückgewinnen. Das hat durchaus Kampfcharakter. Aber ich verführe oder täusche keinen. Ich veranstalte Diskussionsrunden und lade alle dazu ein. Es geht immer um Themen, die die Gesellschaft gerade beschäftigen. Corona, Krieg, in diesem Jahr sprechen wir über Migration.

Warum soll dieser Dialog bewusst scheitern?

Der Dialog soll nicht scheitern, aber er wird scheitern. Viele leben nur noch in ihrer Blase. Deshalb müssen wir uns öffentlich mit der AfD auseinanderzusetzen, sonst treffen wir sie gar nicht. Und wir müssen Regeln festlegen. Mein Ansatz ist hochreguliert, öffentlich und im kirchlichen Raum. Die Kirche ist ein Friedensraum, der dazu beiträgt, dass die Form und die Argumente gewart werden.

Gab es trotzdem schon Situationen, die aus dem Ruder gelaufen sind?

Ja, natürlich und man muss sagen: Wenn man sowas macht, ist es immer ein Risiko. Es geht auch mal etwas schief. Viele Menschen aus dem demokratischen Spektrum wollen das Risiko, dass einer von der AfD mal einen Diskussionspunkt gewinnt, nicht mehr eingehen. Sie wollen ihnen „keine Bühne bieten“.

Dazu gehört auch, dass AfDler unverblümt falsche Fakten nutzen. Wie gehen Sie damit um?

Das ist eine echt gute Frage. Das Hauptproblem ist, dass Moderatoren denken, der AfD-Person über den Mund fahren zu müssen. Sobald sie das tun, verlieren sie an Boden, weil die AfD ihr Opfernarrativ aufbauen kann. Das ist strategisch nicht gut. Das Gegenargument oder die Korrektur muss immer von einem anderen Politiker kommen. Dann haben Sie das Problem nicht mehr.

Und darauf vertrauen Sie völlig? Auch da sehe ich wieder ein Risiko...

Sie werden lachen, aber ich werde das Risiko nicht leugnen. Aber ich lade Leute ein, denen ich das zutraue.

Bis zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Herbst werden Sie „Friedensreiter“ ausbilden. Was haben Sie da vor?

Das Projekt ist an den Westfälischen Frieden 1648 angelehnt, bei dem Friedensreiter zwischen den beiden Lagern hin- und herritten und über die Friedensverhandlungen berichteten. Wir wollen in der Landeskirche in drei Wochenendseminaren Haupt- und Ehrenamtliche ausbilden, die verfeindete Lager miteinander in Kontakt bringen. Die Ausbildung startet dieses Jahr in Sachsen-Anhalt und soll danach jährlich angeboten werden.

Ich stelle mir das ganz schön schwierig vor, so zwischen den Lagern zu stehen...

Man darf keine Angst habe, muss Risiko eingehen und den anderen Menschen mit Respekt anschauen. Wenn ich den AfDler wie eine Ratte anschaue, funktioniert das nicht, weil er diese Aggressivität natürlich mitbekommt und beantwortet. Ansonsten reichen ein hochritualisiertes Setting, die richtigen Leute und ein paar Tricks.

Welche Tricks zum Beispiel?

Wenn jemand Lagerapplaus erzielen will, braucht er 14 Sätze, die in der Energie langsam aufsteigen. Wenn Sie ihm beim achten Satz eine kleine sachliche Zwischenfrage stellen, strudelt er wieder runter und ist aus dieser Erregung raus.

Haben Sie da als evangelischer Pfarrer einen Vorteil oder einen Nachteil?

Ich bin kein besonders guter Moderator und auch meine autoritäre Ausstrahlung hält sich sehr in Grenzen. Konfirmandengruppen kann ich nicht stillhalten, weil ich es gewohnt bin, alle zum Reden zu bringen. Ich sehe den Menschen als Geschöpf Gottes. Vielleicht können Pfarrer prekäre Dialoge besser moderieren, weil sie nicht auf den Gedanken kommen, dass ihnen Ungeziefer gegenübersitzt.

Sollten sich die Kirchen nicht gerade wegen dieses Menschenbildes politisch positionieren?

Die klassische Antwort auf die Frage, wie politisch Kirche sein soll, steht im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter: Hilfsbedürftigen muss man helfen. Vorbeigehen darf man nicht. Das ist manchmal politisch. Im Moment ist es aber strategisch klüger, sich zwischen den Lagern aufzuhalten. Wenn die Kirche auf einer Seite Partei ergreift, schwächt sie sich selbst. Die AfD-Propaganda stellt uns als politische Großorganisation dar, die Gott vergessen hat. Das verfängt. Ich würde AfD-Mitglieder deshalb auch nicht aus kirchlichen Gremien ausschließen, denn sie fordern uns heraus, unsere demokratischen Positionen zu begründen. Das fördert die Gegenbewegung des demokratischen Spektrums gegen die AfD. Persönlicher Kontakt ist immer gut. Deswegen gehe ich zwischen die Fronten.

Michael Burkner
Zur Sache
  • Die „prekären Dialoge“ zum Thema Migration finden noch bis November statt: Infos
    Vergangene Veranstaltungen sind auf Youtube zu sehen.

  • Für die Friedensreiterausbildung kann man sich bis 31. Mai anmelden: Infos