Taizé-Jugendtreffen in der DDR

„Taizé hat zum Frieden beigetragen“

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Frère Roger und andere Geistliche beten in Dresden
Nachweis

Foto: Privat

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In ökumenischer Freundschaft sitzen 1984 (von links) Frère Roger, der katholische Bischof Gerhard Schaffran, der lutherische Superintendant Christof Ziemer, Frère Alois, der orthodoxe Priester Davidoff und der lutherische Bischof Johannes Hempel in der Dresdner Kreuzkirche um das Kreuz.

Seit den 1950er Jahren besuchten Brüder der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé in Frankreich regelmäßig Christen in der DDR. Fünf Zeitzeugen erzählen, wie sie die Treffen erlebt haben und welche Rolle Taizé bei der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung spielte.

Berlin, Ende der 1960er Jahre: An einem der wenigen Grenzübergänge der geteilten Stadt kommt ein gelber VW Käfer zum Stehen. Der Fahrer, ein Mann in den Dreißigern, und sein etwas jüngerer Begleiter möchten in den Osten der Stadt. Die Grenzbeamten bitten die beiden aus dem Wagen, inspizieren das Fahrzeug. Der jüngere Mann wirkt nervös angesichts der argwöhnischen Beamten, der ältere bleibt ganz ruhig. Niemandem fällt auf, dass sein Mantel etwas zu dick ist, fast wie aufgeplustert wirkt – oder wie gut gefüllt. Die beiden Männer können weiterfahren. Schnell verschwindet der gelbe Käfer im Stadtverkehr von Ost-Berlin.

Aus Frankreich in die DDR

Eine Randnotiz im Alltag der deutsch-deutschen Teilung, die so oder so ähnlich gewesen sein könnte. Der ältere der beiden Männer heißt Rudolf Stökl und hat in seinen tiefen Manteltaschen theologische Bücher und Hefte versteckt. Er ist Hamburger, evangelischer Theologe und seit einigen Jahren Bruder der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé im französischen Burgund. Immer wieder macht er sich auf den Weg in die DDR, um mit den Christen Ostdeutschlands in Kontakt zu bleiben. Manchmal kommt einer der jungen Menschen, die als Freiwillige mit den Brüdern leben, mit ihm.

Die Gemeinschaft von Taizé war 1949 im gleichnamigen französischen Dorf von Frère Roger Schutz gegründet worden. Schon während des Zweiten Weltkriegs hatten die jungen Männer, die später die ersten Brüder wurden, Juden und Flüchtlinge aufgenommen und sich danach um Kriegsgefangene gekümmert. Anfang der 1950er Jahren begannen Brüder, in die kommunistischen Ostblockstaaten zu reisen, wie Dietrich Sagert erklärt. Er kennt die Geschichte von Taizé genau und hat die Arbeit der Brüder in Ostdeutschland in einem Buch aufgeschrieben. Während in den 1960er-Jahren Jugendtreffen in Taizé entstanden und immer mehr junge Menschen kamen, um die Spiritualität der Gemeinschaft zu teilen, blieb den osteuropäischen Christen diese Reise nach Frankreich verwehrt. So kamen die Brüder zu ihnen und brachten eine Spiritualität mit, die von meditativen Gesängen, kontemplativer Stille und Gemeinschaft geprägt war und Ökumene und Versöhnung suchte. Private Treffen und Gebete wurden organisiert, theologische Bücher und der monatlich von Frère Roger geschriebene „Brief aus Taizé“ über die Grenze geschmuggelt. In West-Berlin entstanden christliche Wohngemeinschaften als Knotenpunkte auf dem Weg in den Osten. Frère Rudolf, der junge deutsche Bruder, sei der „strategische Kopf“ dessen gewesen, sagt Sagert. Jahrelang habe man große internationale Jugendtreffen mit Frère Roger in der DDR geplant – bis 1980 vergebens.

Taizégebet in der Berliner Sankt Hedwiks-Kathedrale
Als Frère Roger 1986 nach Ost-Berlin kommt, ist die Sankt Hedwigs-Kathedrale brechend voll.
Foto: Katharina Jany

Internationale Jugendtreffen in der DDR

1979 fand im polnischen Katowice erstmals ein internationales Jugendtreffen mit Frère Roger in Osteuropa statt. Ein Jahr später reisten er und einige Mitbrüder nach Dresden, Leipzig und Erfurt. Bis 1986 folgten Jugendtreffen in Schwerin, Magdeburg, nochmals in Dresden sowie in Ost-Berlin. Jedes Mal kamen einige tausend Gäste. Überall bereiteten junge Christen die Treffen vor. Angela Kunze-Beiküfner war 1982 in Magdeburg eine von ihnen. „Ich war in den Gemeinden unterwegs, habe nach Gastfamilien gesucht, Bilder gezeigt und von Taizé erzählt“, blickt die evangelische Pfarrerstochter, deren Elternhaus vor dem Treffen zu einem Zentrum der Vorbereitung wurde, zurück. „Mit Mund-zu-Mund-Propaganda hat sich die Einladung zu den Gebeten verbreitet“, sagt sie und erinnert sich an den Abend des 12. Mai 1982: „An die 5000 Personen kamen in den Dom. Wir hatten Sorge, dass die organisierten Betten nicht reichen könnten.“ Ein Chor und ein Orchester habe die Gesänge, für die Taizé schon damals weit über Frankreich hinaus bekannt war, unterstützt. Ganz diskret – zum Schutz der internationalen Gäste aus Polen und der Tschechoslowakei – sei jeder aufgefordert worden, seinen Sitznachbarn zu fragen, ob dieser schon eine Unterkunft habe. „Die Stasi war natürlich anwesend, aber für die war das grottenlangweilig, die konnten ja nicht mal mitschreiben“, sagt Angela Kunze-Beiküfner. In den Akten der Staatssicherheit sei vermerkt worden, dass die Jugendlichen „wie Gammler“ aussähen. „Als ich spät nachts nach Hause gekommen bin, war unser ganzes Haus voller Menschen. Ein Gast hat sogar in der Badewanne geschlafen“, erzählt Angela Kunze-Beiküfner.

Vier Jahre später kamen Frère Roger und einige Mitbrüder nach Ost-Berlin und konnten in der Wohnung von Katharina und Marcellus Jany wohnen. „Ich bin währenddessen bei meinen Eltern eingezogen“, erzählt die Katholikin. Am letzten Tag des Treffens seien sie von den Brüdern zum Essen „im eigenen Haus“ eingeladen worden. „Im Wohnzimmer stand eine selbstbemalte Truhe mit einem Vogelmuster. Dort haben die Brüder ihre Gebetsecke eingerichtet“, erinnert sich Jany. Frère Roger habe mit kindlicher Begeisterung angemerkt: „Der Vogel auf der Truhe ist der Heilige Geist.“

Jany war 1980 als Schülerin der katholischen Theresienschule erstmals mit Taizé in Kontakt gekommen. „Mein erster Eindruck war gar nicht so positiv. Die waren alle wie bekifft“, erinnert sie sich. Die Gesänge habe sie zunächst als „Gefühlsduselei“ wahrgenommen. Von der Spiritualität sei sie aber von Beginn an beeindruckt gewesen. Später lernte sie die Kontaktpersonen der Gemeinschaft in West-Berlin kennen, gewann deren Vertrauen und wurde selbst Kontaktperson im Osten der Stadt. Bei Stadtjugendmessen in der Sankt Hedwigs-Kathedrale tauschte sie theologische Schriften und die „Briefe aus Taizé“ aus. Jany lud Freiwillige in die DDR ein. Viele kamen in ihrer Wohnung unter und erhielten dort einen „Crash-Kurs“ über das christliche Leben in der DDR.

Einer der Freiwilligen, die in die DDR geschickt wurden, war Jacques, ein junger Mann aus dem nordfranzösischen Lille. Schon 1979 in Katowice war er an der Vorbereitung des Treffens beteiligt. 1980 bereitet er das Treffen in Erfurt vor, vier Jahre später wurde er gebeten, nach Dresden zu reisen. „Frère Rudolf hat damals gesagt: ‚Jacques, du hast doch Erfahrung. Kannst du uns sagen, wie man Gebete vorbereitet und plant?‘“, erinnert er sich heute. „Zu sehen, wie viel Vertrauen Taizé in uns hatte, war toll und unglaublich.“

Taizé und die friedliche Revolution

Dietrich Sagert konnte als evangelischer Pfarrerssohn in Mecklenburg selbst beobachten, warum Taizé in der DDR so erfolgreich war: „Die Ökumene war wichtig. Französisch war faszinierend und irgendwie lässig. Besonders aber hatten die Brüder keine Berührungsängste. Sie nahmen die Schwierigkeiten ernst, wollten aber keine Sehnsucht nach dem Westen fördern.“ Angela Kunze-Beiküfner erinnert sich, dass die Brüder nicht belehrend, sondern wertschätzend auftraten. „Sie waren sehr interessiert an uns. Ihre Besuche wurden gefeiert und erwartet.“ Als Pfarrerstochter habe sie sich manchmal aus der Gesellschaft der Gleichaltrigen ausgeschlossen gefühlt. Taizé habe ihr eine Gemeinschaft gebracht, die sie sonst nicht gehabt habe. Ähnlich erlebte es auch Katharina Jany: „Es gab die katholische Pfarrjugend, aber das war kein Ort für Glaubensfragen. Bei den Taizé-Treffen konnten wir uns über unseren Glauben austauschen und christliche Gemeinschaft im Gebet erleben.“ Auch ihren Mann habe sie bei einem solchen Treffen kennengelernt. „Diese Taizé-Ehe hält nun schon 40 Jahre“, sagt Jany lachend.

Drei Männer gehen spazieren
Frère Rudolf, Frère Roger und Frère Alois (von links) im Mai 1981.
Foto: Privat

Angela Kunze-Beiküfner wurde von Frère Rudolf auch auf Besuchsreisen in andere osteuropäische Länder geschickt. „Ich habe dort Ökumene erlebt und Untergrundorden kennengelernt“, blickt sie zurück. 1988 reiste sie nach Taizé, es war ihre erste Westreise. Die Erlebnisse seien wichtig für ihr politisches Engagement in der Zeit der Wende gewesen. Am 3. Oktober 1989 zog Angela Kunze-Beiküfner für zehn Tage in die evangelische Gethsemanekirche in Berlin ein und fastete öffentlich – als Aktion des gewaltfreien Widerstands. „Die Menschen aus der Taizé-Gruppe haben sich nicht politisch geäußert. Aber sie haben für mich gebetet und mich in der Gethsemanekirche besucht“, erinnert sie sich. „Die Brüder waren total stolz auf Angela“, sagt Katharina Jany, die selbst am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, ein Gebet in der Sankt Hedwigs-Kathedrale – in direkter Nachbarschaft zu den staatlichen Feierlichkeiten – organisieren wollte. „Aber den Verantwortlichen im Ordinariat war das zu heiß“, erinnert sie sich. Mit ihren Taizé-Freunden und Mitgliedern ihrer Heimatgemeinde habe sie sich trotzdem getroffen und den ganzen Tag in der Unterkirche gebetet. „Wir durften keine Kerzen anzünden, das war bitter“, sagt Jany. Sie sei von der katholischen Kirche enttäuscht gewesen, die sich politisch zurückgehalten habe. Nach dem Gebet habe eine Unterschriftenaktion wöchentliche Taizé-Gebete in der Kathedrale ermöglicht. „Es gab ein großes Bedürfnis, sich mit der evangelischen Kirche im Widerstand gegen das DDR-Regime zu solidarisieren und den Weg der Reformen aktiv zu unterstützen und im Gebet zu begleiten“, sagt Jany und ergänzt: „Taizé hat nicht die Revolution gemacht, aber dazu beigetragen, dass die Proteste gewaltlos blieben.“

Ähnlich hat das auch der Leipziger Sebastian Hundt erlebt. Von 1986 an traf sich eine Gruppe im Stadtteil Connewitz zu wöchentlichen Taizé-Gebeten. Regelmäßig kam Frère Wolfgang aus Taizé zu Besuch. „Wir hatten gute Gespräche mit ihm, die uns gezeigt haben, dass das, was wir als normal empfanden, überhaupt nicht normal war“, sagt Sebastian Hundt. Nach den Gebeten habe die Gruppe über die Montagsdemonstrationen gesprochen und diskutiert. „Kampf und Kontemplation, das hat uns gefallen.“ Die Gebete bestanden bis Mitte der 1990er Jahre, dann löste sich die Gruppe auf. „Das war zu dem Zeitpunkt richtig und wichtig, das Verbindende und Kraftgebende. Als die Zwänge wegfielen, war es nicht mehr so präsent“, erklärt Sebastian Hundt.

Für Jacques, den Freiwilligen, der verschiedene Treffen in der DDR vorbereitete hatte, blieb Taizé dagegen immer präsent. Als er nach dem Treffen in Dresden 1984 und einem kurzen Heimaturlaub nach Taizé zurückkehrte, wurde er als Jean-Jacques Bruder der Gemeinschaft. „Schon eine Woche nach meiner Rückkehr habe ich das Gewand erhalten. Es war offensichtlich für Frère Roger, dass es der richtige Moment war“, sagt er. Heute pflegt er Kontakte mit jungen Christen im Nahen Osten. Seine Zeit in der DDR prägt ihn immer noch: „Wir Brüder vertrauen den jungen Menschen unser ganzes Leben lang. Das ist sehr wichtig für mich.“ Als er im Frühjahr im Libanon war, habe er sich an die Situation in der DDR erinnert. „Taizé ist nicht nur Taizé. Viele Menschen wohnen weit weg und können nicht nach Taizé kommen. Aber wir können sie unterstützen und ihnen helfen, den Mut zu behalten“, sagt er.

Eine persönliche Bemerkung

Und Frère Rudolf, der „Herzschlag“ der Beziehungen zwischen der DDR und Taizé?

Im Sommer 2024 sitze ich als Freiwilliger mit Frère Rudolf beim Abendessen im Garten der Gemeinschaft. Man merkt ihm sein Alter an und doch sucht er weiter den Kontakt mit den jungen Menschen, die nach Taizé kommen. Er erzählt mir von seinen Besuchen in der DDR, davon, wie sehr er den Mut der jungen ostdeutschen Christen bewunderte. 1987 ging er nach Brasilien, wo er mit einigen Mitbrüdern in einem Armenviertel lebte. 2020 kehrte er nach Taizé zurück – „aus gesundheitlichen Gründen und schweren Herzens“, wie er sagt. Wenn er auf sein Leben zurückblickt, spricht er nicht belehrend oder stolz, sondern mit einer ruhigen Zufriedenheit. Am 17. Dezember 2024 stirbt Frère Rudolf im Alter von 88 Jahren.

Michael Burkner