Suizidprävention [U25] der Caritas
Es geht ums Zuhören und Dasein
Frau Roschke, die Schule startet im Osten Deutschlands wieder. Ist Schule ein Ort, der Suizidversuche begünstigen kann?
In der Schule gibt es viele Stressoren: Das können Leistungsdruck oder Mobbing sein oder wenn Jugendliche schlecht in die Klasse eingebunden sind. Aber auch jugendspezifische Probleme, wie der Vergleich mit anderen in der eigenen Entwicklung, zeigen sich in der Schule. Wichtig ist, zu verstehen, dass Suizidalität eine Bewältigungsstrategie ist. Wenn andere Bewältigungen nicht mehr funktionieren, wird zumindest zeitweise der eigene Tod als einziger Ausweg gesehen. Es gibt eigentlich nie nur einen einzigen Grund, nicht mehr leben zu wollen.
Was sind Risikofaktoren bei Betroffenen?
Typisch ist, dass die Jugendlichen kein gutes Selbstbild oder kein stabiles Umfeld haben. Substanz-Konsum (bespielsweise Drogen) und psychische Erkrankungen können Suizidalität auslösen. Leider ist niemand davor geschützt.
Welche Rolle spielen Soziale Medien?
In der Lebensrealität der jungen Leute spielen sie eine große Rolle, sie sind quasi Fluch und Segen zugleich: Sie können die suizidale Gedankenspirale verstärken, weil sie bisher nicht gut gefiltert werden können. Gleichzeitig tauschen sich Menschen über Soziale Medien aus, Betroffene können Verbündete finden. Das kann eine digitale, ganz niedrigschwellige Selbsthilfegruppe sein.
Wie funktioniert die [U25] Onlinesuizidprävention?
Unser Angebot ist total niedrigschwellig, man kann sich anonym registrieren und losschreiben. Nutzer schreiben immer mit demselben Berater, solange sie Beratung brauchen.
Wer nimmt das Angebot wahr?
Uns schreiben Jugendliche unter 25 Jahren in suizidalen Krisen. Oft ist es erstmal ein Versuch, irgendwie ernst genommen zu werden. Sie können mit ihren Eltern nicht reden und in die Schulsozialarbeit oder Therapie trauen sie sich nicht. Aber online eine anonyme Nachricht zu schreiben, das trauen sie sich. Wir sind somit ein guter Einstieg ins Hilfesystem.
In Deutschland starben laut statistischem Bundesamt 2024 deutlich mehr Menschen durch Suizid (10 372) als etwa durch Verkehrsunfälle (2770). Selbsttötung ist zwar die häufigste Todesursache für Menschen unter 25 Jahren, allerdings ist die Suizidrate bei Jugendlichen niedriger als bei älteren Menschen.
Die häufigste Todesursache ist Suizid unter Jugendlichen, weil sie weniger durch Krankheiten oder Unfälle sterben. Und auch, wenn die Suizidrate bei unter 25-Jährigen niedriger ist, finden die meisten Suizidversuche im Jugendalter statt. Suizidgedanken oder -versuche in der Jugend, erhöhen die Wahrscheinlichkeit, später an Suizid zu sterben. Deshalb ist es so wichtig, in diesem Alter gute Hilfen bei Lebenskrisen oder psychischen Krankheiten anzubieten.
Was sind Warnsignale, die Eltern, Lehrer, aber auch Jugendgruppenleiter in der Kirche kennen sollten?
Es gibt nicht immer „typische“ Signale, sondern viele unterschiedliche. Wichtig ist, eher einmal mehr nachzufragen als einmal zu wenig. Manche machen nur vage Andeutungen, die aber nicht zwangsläufig auf Suizidalität hinweisen. Auch Selbstverletzung gehört in diesen Bereich.
Selten trauen sich Menschen konkret zu sagen: „Ich möchte nicht mehr leben.“ Direkte Hinweise sind Abschiedsbriefe, selbstzerstörerisches Verhalten oder praktische Vorbereitungen, wie geliebte Dinge verschenken. 80 Prozent der Suizide kündigen sich so an. Genau hinschauen sollte man bei plötzlichem Leistungsabfall in der Schule, Stimmungswechsel, großer Müdigkeit, fehlender Nahrungsaufnahme oder wenn sich Jugendliche selbst vernachlässigen.
Sollte man die Person darauf direkt ansprechen?
Auf jeden Fall! Der Mythos, dass das Ansprechen es schlimmer macht, ist falsch. Auch wenn der andere gerade nicht reden will, hat man eine Tür für später geöffnet. Betroffene reagieren meist dankbar. Vertrauenspersonen wie Eltern können nachfragen, wie die Gedanken aussehen, wie konkret die Pläne sind. In der Regel braucht es professionelle Aufarbeitung, etwa eine Therapie, aber ein erstes Gespräch kann jeder führen. Davor sollte man keine Angst haben, auch als Elternteil, Freund oder Gemeindemitglied nicht. Wer sich nicht sicher ist, wie akut eine Situation gerade ist, darf den Notruf anrufen. So eine Situation kann Angehörige auch überfordern, man kann sich aber als Angehöriger beraten lassen.
Auf einen Therapieplatz warten Jugendliche teils monatelang ...
Unser Beratungsdienst ersetzt keine Therapie, kann aber Wartezeit überbrücken. Leider ist auch [U25] zeitweise an der Kapazitätsgrenze. Unser Anspruch ist, dass wir nach spätestens sieben Tagen antworten. Allerdings sind wir keine Akuthilfe, sondern nehmen den Zeitdruck und geben eine langfristige Anbindung.
Sie halten auch Präventionskurse an Schulen. Wie können junge Menschen betroffenen Freunden helfen?
Ein Gespräch kann Leben retten! Auch Jugendliche können das ansprechen. Es geht nicht um Tipps oder Lösungsvorschläge, sondern ums Zuhören und Dasein. Man kann auch zusammen Hilfe suchen.
Was würde helfen, dass Jugendliche weniger in ausweglose Situationen kommen?
Ein gutes Verhältnis zu sich selbst, also Selbstwert und Selbstwirksamkeit, sollten gestärkt werden. Dafür müssen Erwachsene Jugendliche ernst nehmen, damit sie sich nicht ausweglos und allein fühlen. Und reden: Kommunikation ist der Schlüssel, um gute Bewältigungsstrategien zu finden. Das lernt man mit den Eltern sowie Vertrauenspersonen in der Schule oder in Gruppen, wo sich Jugendliche außerschulisch treffen, auch in kirchlichen Gruppen.
Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, wenden Sie sich an Freunde oder Verwandte, an Ihren Arzt, die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter 112. Die Telefonseelsorge erreichen Sie rund um die Uhr kostenfrei unter 08 00 / 1 11 01 11 oder 08 00 / 1 11 02 22.
![Logo der [U25] Online Suizidprävention](/sites/default/files/inline-images/20260816_u25_tdh.jpg)
[U25] Online-Suizidprävention ist eine bundesweite kostenlose und vertrauliche Mailberatung für unter 25-Jährige in (suizidalen) Krisen. Sie ist ein Angebot der Caritas. Lydia Roschke arbeitet in Dresden in der Supervision von Ehrenamtlichen, die extra geschult werden. Der Peer-Ansatz des Projektes ist wichtig, also die Beratung auf Augenhöhe: In Dresden beraten 25 Ehrenamtliche die Betroffenen. Sie sind selbst jünger als 25 Jahre, haben ein ähnliches Lebensumfeld und teilweise einen suizidalen Hintergrund. Mehr: www.u25-deutschland.de
![Logo des Suizidpräventionsprojekts [Ausweg]LOS](/sites/default/files/inline-images/20260816_Ausweglos_tdh.jpg)
[Ausweg]LOS ist ein Suizidpräventionsprojekt in Sachsen für junge Menschen. Lydia Roschke hält Workshops mit Schulklassen und Jugendgruppen, Lehrern oder Sozialen Fachkräften.