„Ich war nie einsam“
Foto: Johanna Marin
Pfarrer Kraning, Sie feiern am 10. Mai Ihr 70-jähriges Priesterjubiläum. Wieso wollten Sie denn damals Priester werden?
Nach dem Abitur wollte ich Physik oder Chemie studieren und habe mir zuvor im Straßenbau etwas Geld verdient. In der Zeit sagte ein Jugendlicher aus meiner Gemeinde: „Du redest immer davon, dass der Glaube dir so wichtig ist – warum tust du nicht selbst was dafür? Warum studierst du nicht Theologie?“ Und so habe ich noch 1951 im Herbst das Studium in Paderborn begonnen.
Sie sind im Zuge eines Personalaustauschs zwischen Paderborn und Magdeburg freiwillig in die DDR gegangen. Wieso?
Das war ein gewaltiger Schritt – wie gewaltig, habe ich erst nach und nach erfahren. Mir war aber klar, dass ich in eine andere Welt gehe und da auch hin will. Ich dachte: Wenn du Priester werden willst, kann es für deinen Einsatz keine Schranken geben. Im Osten lebten viele vertriebene katholische Christen. Da mussten Gemeinden gegründet werden in einem Landstrich, der nach der Reformation evangelisch geprägt war. Und so habe ich mich gemeldet.
Wie haben Sie sich den Beruf des Priesters vorgestellt und wie blicken Sie nach 70 Jahren darauf zurück?
Vorgestellt habe ich mir immer, dass ich ein Mann der Gemeinde sein wollte. Und ich bin überall gut angekommen, weil ich versucht habe, einen Grundsatz zu leben: „Wo immer du auch bist, hab die Leute gern!“ Das Echo, das ich erfahren habe, war in jeder Gemeinde positiv.
Hoffnung und Erfahrung stimmten also überein?
Manchmal habe ich gedacht: „Was haben die dich komisch ausgebildet…“ Ein Beispiel: Bei der ersten Beichte, die ich hörte, sagte jemand: „Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken.“ Schluss. Uns war beigebracht worden, zur Beichte gehöre Konkretes. Ich sagte also: „Insbesondere?“ Da guckte die Person durch das Gitter und sagte: „Insbesondere gibts nichts!“ Ich habe ihr dann die Lossprechung gegeben, aber die Person hat den Beichtstuhl mit folgendem Satz verlassen: „Da können Sie sicher sein: Zu Ihnen komme ich nie mehr!“ Auf solche Dinge war ich nicht vorbereitet.
Was Seelsorge heißt, hat eben die Praxis auch erst mitgebracht. Die Theorie hat uns oft angeleitet, unbarmherzig zu sein. Am Ende meiner Vikarszeit fragte ich mich, ob das Kirchenrecht und das Verhalten Jesu miteinander übereinstimmen. Von da ab habe ich mich immer für die Barmherzigkeit entschieden.
Wie haben Sie die liturgischen Veränderungen des Zweiten Vatikanischen Konzils in den 1970er-Jahren wahrgenommen?
Das waren ersehnte Veränderungen! Wir durften dann die Gemeinde anschauen, weil das „Wir“ und die Gemeinschaft betont wurde. Meiner Meinung nach haben wir es aber bis heute nicht geschafft, den theologischen Umschwung dessen zu verdeutlichen:
Die Gläubigen, die bisher immer Objekt waren – ihnen wurde vorgebetet – waren plötzlich ein Subjekt der gottesdienstlichen Feier. Das haben wir formal durchgeführt. Aber was das für das ganze Christsein bedeutet, da knabbern wir heute noch dran. Es bedeutet, dass jeder Getaufte ein Mitspracherecht hat. Dass jeder Getaufte das Leben einer Gemeinde mittragen und mitbestimmen können muss. Der Gläubige ist der entscheidende Faktor. Nicht der Kleriker. Aber der Kleriker muss da hinführen. Die Tugend, zu der Katholiken am meisten erzogen sind, heißt „Gehorsam“. Hier der Klerus, der das Sagen hat, dort die Laien, die zu gehorchen haben. Das hat mit dem Evangelium nichts zu tun.
Was bedeutet das für Priester von heute?
Bei jungen Leuten, die sich heute weihen lassen, ist die Frage: Wollen sie Menschen sein, die die Charismen in ihren Gemeinden aufsuchen und begleiten? Oder wollen sie der Gemeinde vorstehen? Mit dem Konzil hätte klar werden müssen: Nirgendwo ist ein Kleriker Chef. Immer ist seine erste Aufgabe nicht die Liturgie, nicht die heilige Messe und nicht die Wandlungsfähigkeit, sondern: Suche die Begabungen, die es in deiner Gemeinde gibt, begleite und wecke sie.
Haben Sie in den 70 Jahren mal mit ihrem Priestersein gehadert, und was würden Sie jüngeren Mitbrüdern raten, denen es ähnlich geht?
Es gibt drei Stellen in meinem Leben, an denen ich gehadert habe:
Die erste war eine intensive Freundschaft zu einem jungen Mädchen, als ich mit der Theologie begann. Die Aussprache hat zu wenig stattgefunden. Das bedaure ich sehr. Mein Rat an andere, die hadern, wäre, dass sie den Mut haben sollten, zu sprechen: Hab den Mut, dem anderen deine Gefühle zu sagen und die Antwort zu hören.
Dann gab es einen Moment, ich war Pfarrer in Schönebeck und fragte mich sehr, ob ich Priester bleiben oder heiraten wollte. Zwischenlösungen waren für mich immer unehrlich. Was hat mich gerettet? Ein junger Mann kam und sagte mir: „Wenn Sie damals nicht in Zeitz gewesen wären, wäre ich heute nicht mehr katholisch.“ Da habe ich gedacht, wenn es noch mehr gibt, die ähnlich denken, dann darf ich die nicht enttäuschen. Wenn ich mein Priestersein aufgebe, bringe ich die ja in Glaubensschwierigkeiten. Ich bin fröhlich Priester geblieben.
Auch mit manchen kirchlichen Entscheidungen habe ich gehadert. Da hat mir Leo Nowak geholfen, der mit mir geweiht wurde. Meine Sprache ist nicht immer brückenbauerisch, und das weiß ich. Deshalb war der verstorbene Bischof sehr wichtig für mich – der konnte Brücken bauen.
Das Thema Einsamkeit ist, oft in Verbindung mit dem Zölibat und größer werdenden Pfarrgebieten, ein Problem unter Priestern. Wie haben Sie selbst das wahrgenommen?
In meiner Lebensgeschichte habe ich immer Menschen gehabt, bei denen ich aufgehoben war. Ich bilde mir ein, dass das mit meinem Vorsatz zusammenhängt: „Hab die Leute gern, und du bekommst ein gutes Echo zurück.“ Ich war – steile Behauptung – nie einsam. Ich habe verbindungsreich gelebt.
Und wer keine Schwierigkeiten mit dem Zölibat hat, kann kein richtiger Priester sein. Weil dann in ihm etwas abgestorben ist, was zum Menschen gehört. Ein Priester, der menschlich nicht aufgehoben ist, der ist wirklich arm dran. Möglicherweise hat sein Ringen, den Zölibat einhalten zu wollen, ihn auch dahin geführt; dass er Schotten zu Menschen eingebaut hat aus Angst, er könnte sich unglücklich verlieben.
Was war für Sie das Schönste an Ihrem Priesterdasein?
Ich habe an vielen Krankenbetten gestanden und mit tief traurigen Menschen gesprochen. Wenn ich denen sagen konnte: „Das Leben Ihres Partners ist jetzt nicht nichts“, dann bin ich manchmal ganz froh geworden. Wenn ich Geschiedenen sagen konnte, sie sind aus der Liebe Gottes nicht rausgefallen, dann habe ich manchmal ein so dankbares Echo zurückbekommen, dass ich froh war, die Wirklichkeit Gottes aussprechen zu dürfen.
Und worauf freuen Sie sich noch?
Meine Freude ist, unter anderen Menschen Christ sein zu können. Ich kenne eine Reihe an Eltern und Großeltern, die traurig sind, dass ihre Kinder mit Kirche nichts mehr am Hut haben. Und da möchte ich Christ sein. Mehr nicht. In der Hoffnung, dass dann die Kinder sagen: „Ach Mensch, schau dir den Willi an. Da muss ja doch ein bisschen was dahinterstecken.“