Alarm beim Tomatenpflücken

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Mann beim Tomatenpflücken
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Fotos: Thomas Ledergerber/kna

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Das sieht nach einer ganz entspannten Tätigkeit aus. Aber Markus Schlenker wurde beim Tomatenpflücken im Dorf Pri Gan nahe Gaza vor einem Fliegeralarm überrascht.

Markus Schlenker, ehemaliger Bundesoffizier und künftiger Priester, hat einen außergewöhnlichen Hilfsdienst geleistet. In Israel hat er Menschen beim Alltag im Krieg geholfen – ein Einsatz, der ihn selbst in Gefahr brachte.

Schwerin (kna). Als Markus Schlenker in Israel Tomaten pflückt, ertönt der Raketenalarm. Eine weibliche Stimme ruft aus den Lautsprechern: „Tzeva Adom“, auf Deutsch „Farbe Rot“. Um einen Schutzraum aufzusuchen, sei keine Zeit geblieben, erzählt der angehende Priester: „Wir hatten nur fünf Sekunden, da kann man sich nur noch hinschmeißen.“ Es sollte nicht der letzte Raketenbeschuss auf der Reise seiner 20-köpfigen Gruppe bleiben. Schlenker ist mit 19 weiteren Christen aus Deutschland nach Israel gefahren, um Hilfsdienst im Krieg zu leisten. Um bei der Ernte zu helfen, Zivilschutzräume herzurichten oder den Menschen einfach zuzuhören. „Wir wollten vor Ort Solidarität zeigen und signalisieren: Die Welt ist für euch, lasst euch nicht runterziehen“, so Schlenker.

Reisen in Krisengebiete seien für ihn nichts Neues. Als Offizier der Bundeswehr lernte er die raue Seite des Nahen Ostens im Auslandseinsatz kennen. Heute ist Markus Schlenker nicht mehr Berufssoldat. Im Jahr 2013 entschied er sich für ein Theologiestudium mit dem Ziel, Priester zu werden. Und zwar im Norden, wo der 46-jährige gebürtige Heidelberger schon lange gelebt hat. Zur Zeit macht Markus Schlenker ein Berufspraktikum in der Pfarrei St. Anna in Schwerin. Im Juni steht die Priesterweihe in Hamburg an.

Das Heilige Land hat Markus Schlenker schon öfter bereist. Seinen Hilfseinsatz beschreibt er als Kontrast von Licht und Schatten. Auf der einen Seite stünden Erlebnisse, wie der Besuch einer Schule in Jerusalem, am ersten Tag der Reise. Fast alle Familien im Land seien irgendwie in den Krieg involviert. Sie hätten Opfer zu beklagen oder Freunde und Verwandte im Militär. Manche Kinder kamen aus den evakuierten Gebieten im Norden und Süden, so Schlenker. Die Lehrerinnen hätten ihm erklärt, dass man die Kinder zum Leben erziehe. Ein Junge habe gesagt: „Wir lernen hier, dass nicht alle Araber böse sind. Sondern die Terroristen.“

Schlenker hat nach eigenen Worten keinen Hass in der Schule erlebt, sondern im Gegenteil den Wunsch nach Frieden und die Dankbarkeit gegenüber den deutschen Christen: „Die Kinder und Lehrer waren dankbar, ihre Geschichten erzählen zu können. Dass in einer medialen Welt, in der schon am Tag des Angriffs der Hamas Kritik an Israel laut wurde, Leute von außen da waren, die einfach zugehört haben.“

Auf der anderen Seite stehe der Schatten: Erntehelfer, die sich vor Raketenbeschuss in den Dreck werfen, auf einer Farm in Pri Gan an der Grenze zu Gaza, deren Bewohner schon Anfang Oktober um ihr Leben fürchten mussten. „Und dazwischen biegen sich die Bäume vor Früchten. Die ganze Wirtschaft ist auf Krieg umgestellt. Die jungen Leute sind an der Front oder in Bereitstellungsräumen, es fehlt überall an Arbeitskräften“, erzählt Schlenker.

Eigentlich habe die Familie Rosental, auf deren Farm sie zu Gast waren, über 200 Mitarbeiter. „Aber die ausländischen Arbeiter wurden, wenn sie nicht gezielt von Terroristen erschossen wurden, in ihre Heimatländer evakuiert.“ Stattdessen hätten jetzt die Deutschen Tomaten geerntet. Der Raketenbeschuss, den sie erlebten, verlief glimpflich. Eine Stellung des Abwehrsystems Iron Dome habe die Raketen abgefangen. Die Arbeit sei danach einfach weitergegangen.

Der Wunsch nach Frieden überwiegt

Ein einschneidendes Erlebnis war der Besuch am Kibbuz Nir Oz direkt am Grenzzaun. Das Dorf sei schwer gezeichnet vom Angriff der Hamas. „Einer der Überlebenden und der Armeesprecher Arye Sharuz Shalicar haben uns alles gezeigt. Die Häuser waren ausgebrannt, zerschlagen, kaputt“, so Schlenker. Die Geschichten, die er an diesem Tag hörte, glichen Albträumen. Die Einschusslöcher und Blutspritzer in den israelischen Zivilschutzräumen hat er selbst gesehen.

Über die Zentrale des Roten Davidsterns erfuhr Schlenker, wie Rettungskräfte den Abend erlebten – eine Organisation vergleichbar mit dem Roten Kreuz. Durch Notrufe waren die Helfer per Telefon bei den Menschen, als sie angegriffen wurden. Der deutsche Ex-Soldat berichtet: „Was die gehört haben, war: Jetzt sind sie im Wohnzimmer, jetzt versuchen sie, die Tür aufzubrechen. Schreie, Schüsse, Stille.“ Die Reaktionen der Überlebenden haben Schlenker beeindruckt. Es gehe ihnen trotz allem um Wiederaufbau und Frieden. „Man erwartet ja eigentlich Rachegedanken, Hass und Wut. Aber ich habe ein Nachvorneschauen wahrgenommen.“

Nach einer Blutspendeaktion ging es am nächsten Tag weiter nach Norden zur libanesischen Grenze. Dort muss sich Israel gegen Angriffe der islamistischen Miliz Hisbollah wehren. Schlenker erzählt: „Im Norden des Landes hatten wir dann den zweiten Raketenangriff. Da ging es ein bisschen anders zu, durch das militärische Profigerät der Hisbollah.“ Der ehemalige Offizier erklärt, die Hisbollah sei besser ausgebildet und mit moderneren Waffen ausgestattet als die Kämpfer der Hamas. Teile der Grenzregion seien aus Angst vor Raketenschlägen und Scharfschützen evakuiert worden. Die Deutschen halfen dabei, Zivilschutzräume herzurichten, zu reinigen und mit Proviant auszustatten.

Im Licht dieser Erlebnisse, der Gespräche mit Soldaten und Opfern, der sichtbaren Folgen der Angriffe der Hamas, dem Beschuss mit Raketen, fällt es Schlenker schwer zu differenzieren und keine Wut zu empfinden. „Ich habe Hochachtung vor den Opfern, die jetzt schon sagen, sie wollen den Traum der Koexistenz nicht aufgeben, wir wollen am Leben arbeiten.“ Die Idee von Frieden sei in der israelischen Bevölkerung spürbar.

Er wünsche sich, dass auch in Deutschland die Hamas-Propaganda über Israel weniger Beachtung finde. Denn Friede sei in den Köpfen der Menschen erst möglich, wenn der Angriff der Hamas verurteilt werde – ohne ein „... ja aber“ in Richtung Israel.

Raphael Schlimbach