"Dieses Bistum hat eine Zukunft"
Bischof Dominicus seit einem Jahr im Amt
Foto: Thomas Osterfeld
Er mag Begegnungen, die so unterschiedlich sind wie manchmal herausfordernd. Bischof Dominicus blickt auf das erste Jahr seiner Amtszeit in Osnabrück zurück.
Herr Bischof, Sie haben vor einem Jahr Ihr Amt in Osnabrück angetreten. Ist es ein schönes Amt?
Ich würde erst einmal sagen, es ist ein schönes Bistum. Bei den Reisen der letzten Monate habe ich einen Reichtum an Vielfalt erlebt. Es macht Spaß, mit vielen Leuten zusammenzukommen. Ein Bischof braucht immer die Gemeinden, um mit ihnen die Zukunft zu gestalten. Ich mag die Begegnungen. Sie sind so unterschiedlich und natürlich auch herausfordernd, weil es auch immer um Finanzen, Stellenpläne, Gebäude, politische Fragen geht.
Was überwiegt für Sie in diesem Amt – das Schwere oder das Schöne?
Es ist immer beides. Es gibt Wochen, da denkt man: Warum tust du dir das an? Und dann gibt es ganz andere Erfahrungen. In der letzten Zeit zum Beispiel die Wallfahrten nach Telgte oder Clemenswerth, wo Tausende von Menschen unterwegs sind. Sehr berührend war die Altarweihe in Lathen-Wahn. Weil die Nazis den Ort für einen Schießübungsplatz vernichten wollten, ging der Altar auf Wanderschaft. Jetzt kommt er zurück. Es waren Menschen dabei, die diese Kirche und den Altar noch erlebt haben. Solche Erlebnisse können Sie nicht in Worte fassen.
Sie müssen viele Dinge entscheiden. Fällt Ihnen das schwer?
Ich glaube nicht, denn ich habe gute Berater. Ich habe die Beratungsstruktur hier im Ordinariat verändert. Aktuelle Themen bespreche ich in der Bischöflichen Leitungskonferenz, wo wir dann gemeinsam zu einem Votum kommen. Ich bin nicht der Bischof, der oben an der Spitze steht und weiß, wie alles geht. Es geht doch nicht um meinen Willen. Ich bin nicht mit einem Parteiprogramm gekommen, auch wenn manche Menschen das erwarten. Ich möchte mit den Menschen die Zukunft von Kirche entwickeln. Dafür stehen die Veränderungsprozesse in den Dekanaten.
Sie lassen sich beraten. Aber am Ende treffen Sie die Entscheidung?
Bisher habe ich mich immer dem Votum der Leitungskonferenz angeschlossen. Ich bin aber auch vorher an den Diskussionen beteiligt und kann deutlich machen, wo ich Grenzen habe. Für die meisten Fragen haben wir kompetente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sehr nah an den Dingen dran sind. Gemeinsam suchen wir Wege, wie sich die Kirche in Zukunft aufstellen kann. Dazu machen wir am 17. September in der OsnabrückHalle einen Tag der Begegnung mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Dabei geht es um die Frage, was wir verändern und was wir bewahren wollen.
Was sind die drei wichtigsten Entscheidungen, die in diesem Jahr getroffen wurden?
Wir haben die Leitungsstruktur hier um den Dom herum verändert. Wir haben Doppelstrukturen abgeschafft. Wir haben wichtige Dinge begonnen – im Blick auf die Finanzfragen oder auf die großen Herausforderungen mit unseren 21 Schulen, mit den sieben Krankenhäusern des Niels-Stensen-Verbundes zum Beispiel. Das braucht aber noch Zeit. Nach einem Jahr schon nach den Früchten zu fragen, ist zu früh.
Sie haben einige Herausforderungen skizziert. Wie ist die Lage des Bistums?
Wir sind kein Bistum, das immer so weitermachen kann. Es ist leicht, Neues zu beginnen. Aber jetzt geht es darum, Dinge auch rückzubauen, damit Zukunft wieder geschehen kann. Die Finanzlage ist angespannt. Wir müssen schauen, was wir mit dem, was wir haben, auch auf Dauer umsetzen können. Dann stellen sich viele Fragen: Müssen wir Träger von Krankenhäusern sein, wenn uns die Seelsorge dort wichtig ist? Wie können wir angesichts der sich verändernden Rahmenbedingungen noch in Schulen und junge Leute investieren?
Diese Fragen sind noch nicht beantwortet?
Man kann sie auch nicht mal eben beantworten. Wir müssen sie mit Ländern und Kommunen besprechen. Ich war gerade beim Bürgermeister in Bremen und bei der Landesregierung in Hannover. Wir haben als Bistumsleitung das Gespräch mit den Landräten und Bürgermeistern gesucht und ihnen erklärt, wie es wirklich aussieht. Wir haben unseren Haushalt offengelegt und unsere Konsolidierungsvorstellungen erklärt. Das wird sehr positiv wahrgenommen. Viele Bürgermeister sagen, dass sie das noch nie so gehört haben und die Dinge nun eher nachvollziehen können.
Bekommen Sie Signale, dass Ihnen die Politik entgegenkommen will?
Wir merken, dass durch diese Begegnungen mit den kommunalen Spitzen Bewegung entsteht. Mit ihnen sprechen wir ja auch für unsere 244 Kitas. Oder über Kirchengebäude. Für einige Gemeinden ist die Kirche zu groß. Da gibt es Kontakte mit Kommunen, wie man solche Räume gemeinsam nutzen kann. Muss es einen kommunalen Versammlungsraum und ein klassisches Pfarrheim geben? Oder können wir das zusammenbringen?
Das sind viele Themen auf einmal, mit denen Sie zu tun haben.
Das ist für mich eine der Erfahrungen des letzten Jahres. Als Weihbischof hatte ich die Aufgabe, Firmungen zu spenden oder bei Jubiläen zu sprechen. Ich war unter den Leuten und hatte immer in Paderborn den Erzbischof, der über alles entscheidet. Ich hatte nicht die Letztverantwortung. Die ist jetzt deutlich in der ganzen Breite hinzugekommen. Ich kann aber immer noch gut schlafen. Natürlich gibt es Nächte, in denen ich grüble. Aber ich bin in Osnabrück gut angekommen und fühle mich wohl. Es gibt viel Positives. Ich bin froh, dass sich die Kirchen beim Tag der Niedersachsen gemeinsam und wir uns zusätzlich hier vor dem Dom präsentieren. Wir haben eine Botschaft für diese Gesellschaft, die trägt.
Machen wir das zu selten deutlich, dass wir eine Hoffnungsbotschaft anbieten können?
Ich glaube, wir nehmen nur nicht wahr, wo überall etwas geschieht. In der Breite eines Dekanates merkt man nicht, was vielleicht gerade eine Gemeinde tut. Bei der Wallfahrt nach Telgte ging es um die Hoffnung. In Clemenswerth auch. Oder denken wir an die Teamer für die Sommerfreizeiten. Wir erreichen durch die Zeltlager mehr als 20000 Jugendliche. Man kann dankbar sein für dieses Engagement.
Ich habe mich sehr schnell entschlossen, diese Segensfeiern für Liebende umzusetzen.
Ein wichtiges Thema sind die Reformforderungen des Synodalen Weges. Da geht es etwa um die Beteiligung von Laien bei Entscheidungen. Wie stehen Sie dazu?
Wir haben in Deutschland sehr viel mehr Beteiligung von Laien als in anderen Ländern. Wir haben den Vermögensverwaltungsrat auf Bistumsebene, in der Pfarrei die Kirchenvorstände und Pfarrgemeinderäte. Im Synodalen Ausschuss geht es jetzt um die Frage, wie weit es noch gehen kann. Da soll für einen Synodalen Rat auf Bundesebene ein Satzungsentwurf kommen, den wir mit Rom absprechen müssen. Ich habe hier im Bistum die ersten Dinge umgesetzt, die ich umsetzen konnte. Das Bistum muss sich zum Beispiel bei der Frage von Frauen in Leitungsfunktionen nicht verstecken. Große Abteilungen werden bei uns von Frauen geleitet: Finanzen, Bau und IT, Personal, Seelsorge. Unsere Leitungskonferenz hat einen der höchsten Anteile an Frauen in den deutschen Bistümern. Da hat Bischof Bode gute Signale gesetzt, die man jetzt weiterführen konnte.
Die Handreichung für Segensfeiern für Paare, die nicht kirchlich heiraten können, also etwa homosexuelle Paare, haben Sie im Amtsblatt veröffentlicht und ihr damit einen offiziellen Charakter gegeben.
Ich habe mich sehr schnell entschlossen, diese Segensfeiern für Liebende umzusetzen. Gemeinden und Pfarrer dürfen das tun. Gleichzeitig möchten wir Rückmeldungen über die Nachfrage haben. Sie sind die Grundlage für weitere Entscheidungen für die Zukunft. Das Gleiche gilt für die Beauftragung von Laien für die Taufe. Das probieren nur drei Diözesen in ganz Deutschland. Wir haben 30 Männer und Frauen beauftragt und testen das jetzt drei Jahre lang, so wie es Bischof Bode entschieden hatte.
Bei den Segensfeiern sind andere Bischöfe der Meinung, dass die Handreichung den römischen Weisungen widerspricht. Haben Sie da eine liberalere Haltung?
Ich möchte die Menschen ernst nehmen. Es sind Biografien, die damit verbunden sind und Fragen, die in unserer Gesellschaft präsent sind. Kein Pfarrer muss solche Segensfeiern machen, er kann auf andere verweisen. Aber ich möchte Möglichkeiten schaffen und nicht ausgrenzen.
Wir haben in den kommenden Jahren keine Priesterweihen. Die Zahl der Gläubigen schrumpft. Die Kassen werden leerer. Was sagen Sie Menschen, die sich angesichts dieser Entwicklung Sorgen machen um die Zukunft der Kirche?
Die Kirche verändert sich wie unsere Gesellschaft. Wir haben in einer Zeit gelebt, in der vieles möglich war, weil die Finanzmittel da waren. Die bleiben jetzt aus. Für viele Menschen ist die Kirche nur noch ein Anbieter unter vielen. Wir müssen schauen: Was sind die Sehnsüchte der Menschen? Wo brauchen sie Halt? Es sind dann vielleicht eher solche Erfahrungen wie auf der Wallfahrt nach Telgte. Oder kleine Rituale wie das Entzünden einer Kerze im Dom. Unsere Wallfahrtsorte, Zentren wie das Jugendkloster Ahmsen oder die Landvolkhochschule in Oesede mit ihrem Schöpfungsschwerpunkt können Menschen ansprechen. Solche Orte brauchen wir.
Sie sind Mönch, haben sich an ein Kloster gebunden, an eine Gemeinschaft mit einem festen Tagesablauf. Jetzt leben Sie nicht in einer Gemeinschaft, sondern hier im Bischofshaus. Lässt sich das Leben eines Mönchs mit dem Amt eines Bischofs verbinden?
Das Wort Mönch, Monachus, bedeutet alleinlebend. Es ist jemand, der viel mit sich und mit Gott allein ist. Das ist der Bischof auch. Ich versuche, die Gebetsstruktur meines Klosters hier in der Kapelle zu halten. Das passt nicht immer. Es gibt Veranstaltungen in Gemeinden zu Zeiten, wo das Kloster schon fast schlafen geht. Aber sich immer wieder an Gott zurückzubinden, zu vergewissern oder einfach nur dazusitzen, ist mir ganz wichtig. Diese Zeiten prägen mich. Ich merke, dass meine klösterliche Erziehung hilft, auch jetzt mit der Aufgabe als Bischof eine Klarheit zu haben. Die Gebetszeiten sind eine hilfreiche Unterbrechung, weil man mit einem Gedanken gar nicht weitergekommen ist und plötzlich, wenn man danach freier denken kann, geht es wieder.
In einem anderen Interview haben Sie angedeutet, dass es gerade am Wochenende hier auch einsam wird. Sind Sie manchmal einsam?
Ich kann als Monachus gut mit der Einsamkeit umgehen. Im Alltag haben wir hier eine Hausgemeinschaft – vom Referenten über die Sekretärin bis zur Hauswirtschafterin. Außerdem sind hier noch andere Büros untergebracht. Diese Gemeinschaft pflegen wir. Am Wochenende haben aber natürlich alle frei und sind bei ihren Familien. Da ist ein so großes Haus nicht unbedingt wohnlich. Ich bin aber auch die meiste Zeit am Wochenende durch Visitationen, Besuche und Firmungen unterwegs und merke das dann nicht so.
Sie haben noch neun Jahre hier in Osnabrück. Was muss geschehen, damit Sie am Ende sagen, es war eine gute Zeit?
Es sind neun Jahre, die ich einfach mit den Menschen gestalten möchte. Die Erfahrungen, die ich jetzt gemacht habe, sind sehr gut. Die Menschen sind offen und bereit. Dieses Bistum hat eine Zukunft. Davon bin ich fest überzeugt. Aber wir müssen unsere Strukturen ändern. Es gibt Menschen, die das Alte lieben und ein Stück Heimat in der Struktur haben – und die, denen Veränderungen nicht schnell genug gehen. Die möchte ich ins Gespräch bringen: Was können wir verändern und was können wir bewahren? Nur im Miteinander der beiden Pole wird die Zukunft liegen.
Seit seiner Einführung im September 2024 hat Bischof Dominicus schon viele Orte, Gemeinden, Initiativen und Projekte im Bistum Osnabrück besucht. Auf unserer Übersichtsseite finden Sie Interviews, Berichte und Termine: www.aussicht.online/tag/bischof-dominicus