Zeitzeugengespräch: Wahlen in der DDR

„Demokratie muss geschützt werden“

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Hartmut Bartmuß
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Foto: Lutheriander/wikipedia.org

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Der evangelische Pfarrer Hartmut Bartmuß war als DDR-Zeitzeuge auch schon an katholischen Schulen in Osnabrück zu Gast.

In der DDR gab es keine freien Wahlen. Oppositionelle wurden verfolgt. Davon berichtet der evangelische Pfarrer Hartmut Bartmuß als Zeitzeuge an Schulen. Auch zwei katholische Gymnasien in Osnabrück hat er besucht und Interesse geweckt an der jüngeren deutschen Vergangenheit. Er appellierte an die Jugendlichen: „Bleibt wachsam. Demokratie ist verletzlich – sie muss geschützt werden.“

Freie Wahlen oder verpflichtende Wahlen? Eine Elftklässlerin an der Osnabrücker Ursulaschule spricht sich klar für erstere aus. Zumal sie gerade im Geschichtsworkshop erfahren hat, was Wahlen in einer Diktatur bedeuten – am Beispiel der früheren DDR. Wer nicht zur Wahl ging, wurde registriert und abgestraft, oft mit gravierenden Folgen für das Berufs- und Privatleben. Spätestens ab 15 Uhr am Wahltag klingelten Helfer mit der Wahlurne unterm Arm an den Wohnungstüren säumiger Bürger und drängten sie, ihre Stimme abzugeben.

Laut DDR-Verfassung gab es freie und geheime Wahlen – allerdings nur auf dem Papier. Die Machtverhältnisse im Land waren vorherbestimmt. Die Fraktionen, bestehend aus fünf Parteien und vier Massenorganisationen, bildeten einen Block mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Deren Führungsanspruch war ab 1968 auch in der Verfassung verankert. Alle waren zusammengeschlossen zur „Nationalen Front“ und standen auf einer Einheitsliste.

Der eigentliche Wahlvorgang bestand lediglich darin, diese Einheitsliste zu bestätigen. Da es praktisch keine Nein-Stimmen oder Stimmenthaltungen gab, waren große Überraschungen von vornherein ausgeschlossen und Ergebnisse wie 99,74 Prozent Wahlbeteiligung „normal“. 

Auch eine geheime Wahl fand nicht statt. Schon wer eine der Alibi-Wahlkabinen benutzte, fiel auf und wurde notiert. Und da man bei einer Zustimmung zur Liste sowieso nichts ankreuzen musste, galt es als konform, den Wahlzettel einfach nur zu falten und in die Wahlurne zu werfen. Kurz gesagt: „Zettel falten, Schnauze halten.“ Die Staatssicherheit half bis 1989 mit, den Verlauf von Wahlen zu kontrollieren, zu manipulieren und kritische Stimmen zu unterdrücken.

Demokratie ist kein Himmelsgeschenk, und manchmal hat sie einen Preis. Aber es lohnt sich, für sie einzustehen.

Für junge Menschen heute ist die DDR eine fremde, unbegreifliche Welt. Allerdings eine Welt, die ihr Interesse weckt an der jüngeren deutschen Vergangenheit. Am Beispiel Wahlen lasse sich der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur besonders gut herausarbeiten, sagen Schüler aus dem Geschichtsworkshop der Ursulaschule. 

Wahlen in der DDR hatten einen anderen politischen Stellenwert, als es in Ländern mit einem parlamentarisch-demokratischen Regierungssystem der Fall ist. Und obwohl im Namen „Demokratie“ vorkam, war die DDR keineswegs eine Demokratie. Davon berichtet auch Hartmut Bartmuß im Zeitzeugengespräch mit zwei elften Klassen in der Aula der Ursulaschule. 

Der 81-Jährige, geboren in Sachsen und pensionierter evangelischer Pfarrer, betont: „Demokratie ist kein Himmelsgeschenk, und manchmal hat sie einen Preis. Aber es lohnt sich, für sie einzustehen, denn es gibt keine bessere Gesellschaftsordnung.“

Bartmuß hat eine bewegende Lebensgeschichte. 1966 wurde er konfirmiert – als Soldat in der Uniform der Volksmarine in der Paulus-Kapelle Dranske auf Rügen. Der ausgebildete Hochseefischer absolvierte zu dieser Zeit seinen Dienst auf einem Raketenschnellboot und intensivierte seine Kontakte zur evangelischen Kirche. 

Das hatte Konsequenzen. Der junge Mann musste sich einem Parteiverfahren stellen und wurde von der SED-Mitgliederliste gestrichen. Er nahm schließlich ein Theologiestudium in Leipzig auf und war für die freitäglichen Andachten an der Universitätskirche St. Pauli verantwortlich. Das Gotteshaus machte Schlagzeilen, denn im Jahr 1968 fiel es der sozialistischen Umgestaltung der Universität zum Opfer. „Das Ding muss weg!“ – so soll sich SED-Chef Walter Ulbricht beim Anblick der Paulinerkirche geäußert haben. Und dieser Ausspruch bedeutete das Todesurteil für das traditionsreiche Gebäude im Leipziger Stadtzentrum.

Kurz vor der Sprengung wurde Pfarrer Bartmuß der Schlüssel zur Kirche abgenommen. Der Theologiestudent stand damals bereits unter Beobachtung der Staatssicherheit. Er hatte sich zum Beispiel solidarisch gezeigt mit einer Kommilitonin, die verhaftet wurde, weil sie Flugblätter gegen die neue Verfassung zur Wahl in der DDR verteilt hatte. Mit dieser Verfassung zementierte die DDR ihre Herrschaft. 

Pfarrer waren den Machthabern ein Dorn im Auge

Bartmuß berichtet auch von einem weiteren einschneidenden Erlebnis: 1976 zündete sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz vor der Michaeliskirche in Zeitz an. Mit einem Transparent hatte er zuvor gegen die Bildungs- und Kirchenpolitik der SED protestiert. Vier Tage später erlag er seinen schweren Verletzungen. Bartmuß nahm an der Beerdigung seines Amtskollegen teil – im Talar. Eine Provokation für den Staat. 

Später betreute Hartmut Bartmuß Ausreisewillige und geriet zunehmend in Konflikt mit dem SED-Staat. 1982 durfte er nach Westdeutschland ausreisen. Pfarrer waren den Machthabern ein Dorn im Auge, deshalb ließ man sie meistens ziehen. Aber nicht, ohne ihnen noch Steine in den Weg zu legen: ihre Ordinationsurkunde blieb in der DDR.

Pfarrer Bartmuß lebt heute in Bielefeld und beteiligt sich an der Aufarbeitung der SED-Diktatur. Außerdem engagiert er sich gegen Rechtsextremismus und ist Mitglied der Initiative „Kirche für Demokratie – gegen Rechtsextremismus“ in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover.

Die Jugendlichen stellen ihm viele Fragen: welche Formen des Widerstands es in der DDR gegeben habe, wie er den Mauerfall erlebt habe und welche Vorurteile ihm begegnet seien. Für die Schülerinnen und Schüler eine wichtige Erkenntnis der Projekttage: „Wir können nicht dankbar genug sein für freie Wahlen und dafür, mitentscheiden zu dürfen.“ Schulleiterin Daniela Boßmeyer-Hoffmann hebt die Zeitzeugengespräche hervor. Sie seien oft nachhaltiger als eine Schulbuchseite und hilfreich „für unser heutiges Demokratieverständnis“.

Anja Sabel

Hinweis: Der Artikel wurde 2023 nach einem Zeitzeugengespräch mit Hartmut Bartmuß an der Osnabrücker Ursulaschule im „Kirchenboten“ veröffentlicht und an einigen Stellen aktualisiert. Im vergangenen Jahr besuchte der evangelische Pfarrer auch die Angelaschule in Osnabrück. Zurzeit kann er nicht als Zeitzeuge auftreten

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