Ärztin begleitet Sterbende
In Demut vor Leben und Tod
Bild: imago images/Roy Scott
Du zählst, weil du bist, wer du bist. Und du zählst bis zum letzten Moment deines Lebens.“ (Cicely Saunders, Mitbegründerin der Hospizbewegung)
Seit 20 Jahren schon arbeitet Petra Conen hauptamtlich in der Palliativmedizin. Sie ist Fachärztin für Allgemeinmedizin mit der Zusatzbezeichnung für Palliativmedizin. Zusammen mit ihrem Mann Rudolf hatte sie seinerzeit die Palliativstützpunkte in Thuine und Sögel mitbegründet, die vor gut 15 Jahren in den Aufbau der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) im Emsland mündete. Seit dieser Zeit hat das etwa zehnköpfige Team, angedockt am Hümmling Hospital in Sögel und am Bonifatius-Hospital in Lingen, etwa 4000 Patienten und deren Angehörige auf ihrem letzten Weg begleitet: mit individueller Schmerztherapie und Linderung von Symptomen, mit der passenden Pflege und Beratung – vor allem aber mit Zuwendung, Zeit und Geduld. Ihr Leitmotiv dafür? Da zitiert Conen zwei Sätze von Cicely Saunders, der Mitbegründerin der Hospizbewegung: „Du zählst, weil du bist, wer du bist. Und du zählst bis zum letzten Moment deines Lebens.“
Dass sie Ärztin werden möchte, dass sie sich um Menschen in existenziellen Krisen kümmern will – das weiß die aus einem 800-Seelen-Ort in Rheinland-Pfalz stammende Conen schon seit ihrer frühen Jugend. „Da gab es für mich keine Alternative“, sagt sie. Die katholische Jugendarbeit zu Hause mag eine Basis gewesen sein, mehr noch aber ihre über Jahre gewachsene kirchliche Bindung und ihre offensichtliche Haltung anderen Leuten gegenüber. „Ich war eigentlich immer diejenige, die zu Problemen angefragt wurde.“ Da passt nicht nur ihr Vorbild, Mutter Teresa, sondern auch ihr Vorname Petra, die weibliche Form von Petrus, irgendwie ganz gut. „Manchmal habe ich mich wie einen Felsen empfunden.“
Sie studiert in Aachen und Essen Medizin, lernt dort ihren Mann kennen und lässt sich mit ihm in dessen emsländischer Heimat nieder – arbeitet in der gemeinsamen Hausarztpraxis in Haren mit. Neben Rettungs- und Betriebsmedizin macht sie auch eine Zusatzausbildung in der Psycho-Onkologie, weil sie aus beruflicher Erfahrung um die großen seelischen Nöte von vielen an Brustkrebs erkrankten Frauen weiß. Und um die Defizite in deren psychischer Begleitung.
Ich habe die Chance, für die Menschen da zu sein.
Von dieser Station in ihrem Leben ist es für Petra Conen dann nur noch ein kleiner Schritt zur Palliativmedizin. Um sich diesem Feld ganz widmen zu können, gibt sie ihre Praxistätigkeit auf, wird ärztliche Ansprechpartnerin und hauptamtliche Palliativmedizinerin in der SAPV. „Hier habe ich wirklich noch die Chance, mit und für die Menschen da zu sein. Mit ihrem Innersten, in aller Tiefe“, sagt die 64-Jährige und spricht von einer Beziehungsmedizin. Ihre Arbeitsphilosophie bringt sie so auf den Punkt: „Gute Sterbebegleitung gelingt da, wo ich in Demut vor dem Leben und Tod die Seele des Anderen berühre.“ Für sie ist genau das ihre ganz persönliche Berufung.
In dem Wort Seele stecken Seelsorge und Seelsorgerin – und oft genug ist Petra Conen genau das. Weil sie nicht nur ihr Wissen und ihre berufliche Kompetenz mitbringt, sondern auch einfach zuhört, die Hand hält und für eine Atmosphäre sorgen möchte, in der Sterbende und deren Familien alle ihre Ängste und Hoffnungen vorbehaltlos aussprechen können. Da passt es, dass sie in der Kirche auch ehrenamtlich engagiert ist: als Wortgottesdienstleiterin und Kommunionhelferin, als Lektorin und Notfallseelsorgerin, seit dem vergangenen Jahr außerdem als Beauftragte im Bestattungsdienst. Gar nicht selten wird sie nach einer langen Begleitung, in der eine tiefe Verbindung wächst, gegen Ende gefragt: Können Sie mich bestatten? „Mein Wunsch ist es eben, diesen letzten Schritt des Weges mit den Patientinnen und Patienten zu gehen.“ Und mit den Angehörigen. „Ein guter Abschied ist wichtig für die Trauerbewältigung.“ Deshalb gestaltet sie auch Lichterandachten und schreibt manche Texte für Gottesdienste selbst. „Das gibt mir Kraft.“
Gott ist immer bei uns. Das ist für mich eine feste Zusage.
Denn oft wird Petra Conen gefragt, wie sie ihre herausfordernde Arbeit – wie sie die vielen, so unterschiedlichen Kreuze, die Menschen zu tragen haben – aushält. Wenn ihr Tag zum Beispiel morgens um 6.20 Uhr mit der völlig unerwarteten Nachricht vom Suizid eines gut eingestellten Palliativpatienten startet. Wenn sie eine 35-jährige Frau und Mutter von zwei kleinen Kindern bis zum Tod begleitet. Wenn sie den Auftrag einer 17-jährigen und von Kindheit an erkrankten Jugendlichen erfüllt: „Sagen Sie meinen Eltern, dass ich sterben muss und mit ihnen darüber reden will.“ Ihren Ausgleich findet sie unter anderem in Meditation und Sport, autogenem Training und Gesprächen mit der Familie.
Mehr noch aber im Gebet und in ihrem Glauben. „Das ist meine Kraftquelle und mein Resilienzfaktor, damit kann ich auftanken und etwas abladen.“ Denn natürlich schimpft sie auch manchmal mit Gott, fragt ihn im Geiste nach Sinn und Gerechtigkeit, wenn sie selbst nicht mehr weiterweiß. „Aber dann gibt es mit ihm jemanden, dem ich mich anvertrauen und dem ich alles sagen kann: Ich kann nichts mehr ausrichten, jetzt bist du dran, richte du es.“ Das Kreuz sieht Conen dabei als Hoffnungszeichen, das sie stützt und ihr den Rücken stärkt: „Verwurzelt in der Erde und verbunden mit dem Himmel.“
Viel Zuversicht und eine österliche Hoffnung sprechen daraus. Petra Conen nennt mehrere Bibelstellen, aus deren Lektüre sie diese schöpft. Da ist neben dem Psalm 23 vom guten Hirten auch die Offenbarung des Johannes, in der vom neuen Himmel und einer neuen Erde die Rede ist. Und von einem Gott, der alle Tränen abwischt und wo weder Leid noch Schmerz sein wird. „Das ist für mich eine feste Zusage, die mich stärkt.“ Und das ist auch die Schriftstelle aus Jesaja 43, in der es die Zusicherung gibt, dass Gott in jeder Situation immer bei uns ist. „Dann gibt es keinen Grund, sich vor dem Tod zu fürchten.“