Joachim Valentin ist Direktor des Hauses am Dom in Frankfurt
Der Mann an der Schnittstelle
Foto: Anne Zegelman
Die Skyline ist ein Blickfang auf der Dachterrasse des Hauses am Dom. Für Joachim Valentin ist sie auch eine Erinnerung daran, dass die Themen der Stadt auch die Themen der Akademie sind.
Ins Gespräch kommen, neue Perspektiven kennenlernen und eine katholische Stimme im Alltag der Stadt Frankfurt sein: Das wäre die Jobbezeichnung für das Amt des Direktors im Haus am Dom, wie Joachim Valentin sie vermutlich unterschreiben würde. Wobei er wohl eher von einem Beruf und seiner ganz persönlichen Berufung sprechen würde. Seit der Eröffnung des Hauses 2007 hat Valentin es mit seinem Team zu einem anerkannten Treffpunkt von Kirche und Gesellschaft gemacht. Auch, wenn das über die Jahre nicht immer einfach war und in einer säkularen Gesellschaft mit sinkender Kirchenbindung eine Herausforderung bleibt: Es macht ihm sichtlich Freude.
Durch die vielen Netzwerke, die er in Frankfurt geknüpft hat, gibt es kaum ein kulturelles Feld in der Stadt, im Land Hessen und im Bereich der Religionen, zu dem Joachim Valentin nichts zu sagen wüsste. So ist er Mitbegründer des Rats der Religionen Frankfurt, war lange für die katholische Kirche im hessischen Rundfunkrat und lehrt als außerplanmäßiger Professor für Christliche Religions- und Kulturtheorie an der Frankfurter Goethe-Universität – um nur Schlaglichter einer ganzen Liste von Ämtern zu nennen, die den Tag des Direktors füllen.
Geboren wurde Joachim Valentin in Hadamar, wo seine Familie seit Generationen lebt. Der Vater leitete eine örtliche Gesamtschule, die Familie war vielfältig in der heimatlichen Pfarrei engagiert. So auch Valentin selbst. Seine Religiosität trägt er nicht vor sich her, auf Nachfrage sagt er aber schon, dass „die Eucharistie ein ganz entscheidender Aspekt meines Lebens“ sei. Mit seinem Vater verbringt er seit seinem 18. Lebensjahr jedes Jahr eine gemeinsame Woche Auszeit in einem Kloster. Bei aller Organisation an der Schnittstelle zwischen Religion und Gesellschaft erde es ihn, dabei etwa in der Abtei Maria Laach Ruhe zu finden, sagt der Theologe.
"Mir war der Schritt in die Praxis wichtig"
Über seinem Schreibtisch in der Akademie hängen zwei Bilder mit mittelalterlichen Motiven: Fotografien aus dem Hauptkodex von Rabanus Maurus, der dem Haus am Dom seinen Namen gab. Maurus – ein wissenschaftliches Multitalent seiner Zeit, tätig als Abt in Fulda und später als Mainzer Erzbischof – ist Valentin ein Vorbild, Menschen über die Schiene von Religion, Wissen und Kultur an einen Tisch zu bringen.
Es gab eine Zeit, da wollte Joachim Valentin Priester werden. Inspiriert hatte ihn eine spirituelle Woche in den 1980er Jahren, die der damalige Bischof Franz Kamphaus eingeführt hatte, um mehr Männer für den Priesterberuf zu begeistern. Valentin, der in diesen Tagen seinen 61. Geburtstag feiert, ist zwar doch kein Priester geworden. Im Theologiestudium in Freiburg lernte er seine spätere Frau kennen und ist heute dreifacher Vater und sechsfacher Großvater. Doch die Ermutigung durch Kamphaus sei bis heute ein wichtiger Mosaikstein in seinem Leben.
Die nahbare und praxisorientierte Art, mit der Kamphaus sein Bistum prägte, war vielleicht auch ein Grund für den eher ungewöhnlichen Schritt, den Joachim Valentin nach seiner Promotion machte: Er absolvierte eine Ausbildung zum Pastoralreferenten. Dabei hätte er an der Universität bleiben und dort lehren können. „Mir war es aber wichtig, diesen Schritt in die Praxis zu machen. So konnte ich alles, was ich bisher ehrenamtlich gemacht hatte, von der fachlichen Seite kennenlernen.“ Im Anschluss führte Valentins Weg zurück an die Uni, denn es ergab sich die Möglichkeit einer Habilitation.
Als frisch gebackener Professor für Fundamentaltheologie wechselte er 2004 nach Mannheim, und dort könnte er bis zum heutigen Tag sein, wäre nicht wieder alles anders gekommen. Denn in Frankfurt wurde ein Gründungsdirektor für das neu geplante Haus am Dom gesucht. Nachdem katholische Bildungsarbeit in der Stadt bis dato an wechselnden Orten stattgefunden hatte, wollte man einen zentralen Ort schaffen, eine echte Akademie. Valentin bekam die Stelle, und während er in Mannheim parallel einen kompletten Studiengang verantwortete, „reiste ich dann durch die Gremien und Pfarrgemeinderäte Frankfurts und stellte das Projekt ‚Haus am Dom‘ vor“.
"In der Corona-Zeit haben wir Youtube für uns entdeckt"
Auch in anderen Bereichen vernetzte er die Akademie mit der Stadt. Als Bischof Kamphaus emeritierte und Franz-Peter Tebartz-van Elst Bischof von Limburg wurde, „lief es lange Zeit sehr harmonisch. Er hatdas Haus am Dom gefördert und gemocht“, sagtJoachim Valentin. Später habe die Akademie als Einrichtung des Bistums jedoch auch unter der Causa Tebartz-van Elst gelitten. Denn sie wurde eben auch als Teil der Institution katholische Kirche begriffen, in der ein Bischof 31 Millionen Euro Baukosten für ein Bischofshaus anhäufte und infolgedessen zurücktreten musste.
Auch die Corona-Zeit war schwer, doch „in diesen Jahren haben wir Youtube für unseren wöchentlichen Podcast entdeckt. Dieser verzeichnet heute 200 000 Aufrufe im Jahr“, sagt der Direktor. 350 Veranstaltungen bietet die Akademie jährlich. Die reichen über das beliebte „Kino auf dem Dach“ auf der Dachterrasse des Hauses und Ausstellungen bis hin zu Podiumsdiskussionen und Bildungsreisen.
Die Angebote richten sich ebenso an die 145 000 Katholiken in Frankfurt wie die halbe Million Katholiken im Bistum Limburg, Menschen aus anderen Religionen und auch an Konfessionslose. 50 Prozent der Besuchenden, so hat es das Haus am Dom ermittelt, sind ausgetretene Katholikinnen und Katholiken. „Eine wichtige Zielgruppe für uns, nicht missionarisch, aber doch so, dass wir uns über ihr Interesse an unserem Haus freuen.“ Genießen ist der Titel des aktuellen Halbjahresprogramms, und genauso versteht Joachim Valentin das, was er den Menschen in der Akademie bieten möchte: Genuss von Kultur und Wissenschaft in einem katholischen Haus.