Leben von Pater Eugen Büchel aus Schleid soll lebendig bleiben
Jede Kultur – ein göttliches Geschenk
Foto: Theresa Breinlich
Cornelia Stieler und Pater Yainao erzählen in Fulda, warum sie Pater Büchel beeindruckt.
Ob Pater Eugen Büchel wohl damals an seine Heimat in der Rhön dachte, als er durch das Grasland South Dakotas streifte? Als er Heilpflanzen sammelte, um sie als Schätze zu bewahren? Das Pressen von Blüten und Kräutern war rund um das Dorf Schleid durchaus üblich. Von 1902 bis zu seinem Lebensende 1954 lebte er im Rosebud Reservat. Dort war Pater Büchel auch Wanbli Sapa (Schwarzer Adler) – der eigene indigene Name, das war die höchste Ehre.
ihres einstigen Stammesgebiets. Foto: Wikicommons
Pater Büchel wurde 1874 geboren und ging in Fulda in ein Internat sowie anschließend ins Priesterseminar. Er trat den Jesuiten bei und wurde zu den Lakota in South Dakota im Zentrum der USA geschickt. Im Rosebud Reservat sprechen die Menschen noch heute anerkennend von ihm. Pater Eugen Büchel hat für sie etwas von unbezahlbarem Wert geschaffen: Er hat geholfen, die Sprache und Kultur des indigenen Volkes vor dem endgültigen Verschwinden zu bewahren.
Gerade heute können wir viel über das Miteinander der Kulturen von ihm lernen.
„Ich bewundere Pater Büchel. Er hat die Kultur, zu der er als Missionar gesendet wurde, respektiert. Er hat sie nicht dominiert, sondern wollte mit den Menschen zusammen lernen und so etwas Neues, noch Schöneres schaffen“, sagt Pater Edmund Yainao. Der Jesuit ist heute Priester in dem Reservat. Etwa 20 000 indigene Lakota leben dort. Auch Pater Büchels Großnichte Cornelia Stieler findet, dass sein Lebenswerk noch viel bekannter sein müsste. „Gerade heute können wir viel über das Miteinander der Kulturen von ihm lernen“, sagt sie. Daher hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, seine Geschichte zu erforschen.
Anlässlich des 400-jährigen Jubiläums des Schneefests in Schleid hat Pater Yainao sich auf eine „Pilgerreise“ begeben, wie er es nennt, zu den Herkunftsorten von Pater Büchel. Seine Kindheit im Westen Thüringens und die Zeit in Fulda prägten ihn, erzählt Cornelia Stieler. „Da mein Großonkel sehr früh seine Eltern verloren hat und sich keiner um ihn kümmern konnte, wurde er nach Fulda in das Internat geschickt. Das muss sehr schwer für ihn gewesen sein, allein in einer fremden Stadt.“
Prägung durch Kindheit im Bistum Fulda
Da in Schleid ein starker Dialekt gesprochen wurde, konnte er Hochdeutsch schwer verstehen. „Ich denke, diese Erfahrung hat ihn sensibel gemacht für die Situation der Kinder in den Internaten im Reservat“, sagt seine Großnichte. Die Jesuiten arbeiteten seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei den Indigenen im Zentrum der USA. Die Stammesvorsteher hatten sie gebeten, bei der Bildung der Kinder zu helfen.
Das Leben im Reservat war hart. Die US-Regierung hatte den Lakota karges, unfruchtbares Land zugewiesen. Pater Büchel versuchte zu helfen. Ob Winter oder Sommer, er war mit Pferd und Wagen unterwegs, um Essen an die verstreuten Familien zu verteilen. „Er wollte von ihnen lernen. Jesus wurde einer von uns. Das war die Leitlinie von Pater Büchel. Er selbst wurde einer von ihnen, von den Menschen, denen er dienen wollte. Er liebte sie und wollte ihnen Jesus durch die Sakramente geben“, sagt Pater Yainao. Der Missionar beließ es nicht dabei, die nötigsten Wörter zu lernen, sondern bat die Lakota, dass sie ihm neue beibrachten. Er schrieb sie auf, und so entstand das erste und bisher einzige umfassende Wörterbuch für die Lakota-Sprache. „Eugen Büchel war überzeugt, dass die Menschen Jesus besser verstehen können, wenn er in ihrer Sprache spricht“, erklärt der Priester.
Respekt ist der Anfangspunkt.
Jesuit Yainao stammt selbst aus einem indigenen Volk in Indien. Seit zehn Jahren ist er bei den Lakotas. Bei seiner Arbeit in einer völlig fremden Kultur ist Pater Büchel ihm ein Vorbild. „Respekt ist der Anfangspunkt. Wenn der vorhanden ist, können Kulturen voneinander lernen und versuchen, sich gegenseitig zu verstehen. Jede Kultur ist von Gott geschenkt und enthält Gutes. Viele Werte aus dem Evangelium wurden bereits bei den Lakota gelebt, bevor die Missionare kamen – die Bereitschaft zu teilen, solidarisch untereinander zu sein und die Schöpfung zu bewahren. Wenn wir Brücken bauen, nach Gemeinsamkeiten suchen, können wir Jesu Botschaft vermitteln. Sie wird dadurch umso kraftvoller“, sagt er. So ersetzte Pater Büchel unter anderem den Weihrauch durch Salbei, der bei den Lakotas üblich war, führte Lakota-Gesänge ein und übersetzte Teile der Bibel. Wie es in der Rhön üblich war, sammelte er auch in South Dakota Kräuter und Blüten. Seine Heilkräutersammlung ist bis heute bekannt.
Auch Pater Yainao lernt die Sprache der Lakota und möchte den Einwohnern mit Liebe dienen. Etwa 1000 von ihnen seien engagierte Katholiken, erklärt der Jesuit. Wie viele sonst noch den Glauben leben, ließe sich schwer sagen. „Manche kommen nur an Weihnachten. Dann ist die Kirche voll. Auch katholische Beerdigungen werden oft angefragt“, sagt er. Eine Schule, Freizeitprogramme und Sozialarbeit gehören zur Mission St. Francis im Reservat.
Wunden der Vergangenheit sollen heilen
Seine Aufgabe ist nicht leicht, denn die Einwohner des Reservats leben in bitterer Armut. Die Arbeitslosenquote liegt bei 80 Prozent. Alkoholmissbrauch und Waffengewalt sind Normalität. Die Regierung würde sich nicht interessieren, bedauert der Pater. Dennoch ziehen nur wenige junge Leute weg, denn das Reservat sei ihre Heimat und familiäre Bindungen seien stark. „Hier fühlen sich die Menschen sicher. Sie sind oft noch von den Gräueltaten und Ungerechtigkeiten der Vergangenheit traumatisiert“, erklärt der Priester. Verträge wurden nicht eingehalten. 1890 haben US-Militärs beim Massaker am Fluss Wounded Knee mehr als 150 zivile Indigene getötet. „Da es keine Wiedergutmachung gab, können sie das Trauma nicht hinter sich lassen. Das möchte ich vermitteln, dass die Menschen nach vorn schauen, aktiv werden. Ich möchte ihnen helfen zu heilen, körperlich, seelisch und spirituell“, sagt der Priester.
Im Grasland in South Dakota steht das Büchel-Museum. Hier findet sich eine Sammlung von Eugen Büchel mit traditioneller Handwerkskunst der Lakota. „Es ist nicht wie bei anderen kolonialen Sammlungen. Die Kunstwerke sind nicht geraubt wor-den. Die Menschen haben sie Pater Büchel geschenkt, ihm anvertraut. Das ist ein starkes Zeichen des guten Miteinanders. Am Ende sind wir alle eine Familie“, sagt Pater Yainao.