Theologische Studienwoche des Ansgar-Werkes

Die Bibel ist voller Reisegeschichten

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Pilger treffen in Rulle ein
Nachweis

Foto: Anja Sabel

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Katholiken aus den nordischen Ländern treffen nach einer kurzen Pilgerwanderung im Wallfahrtsort Rulle ein. 

Um „Pilger der Hoffnung“ geht es nicht nur im Heiligen Jahr, sondern auch bei der Theologischen Studientagung des Ansgar-Werkes. Katholiken aus der Diaspora Nordeuropas nähern sich dem Thema mit Erfahrungsberichten, in Bibelgesprächen und auf einem Pilgerweg.

Natürlich spricht eine Theologin, die über die heilige Klara von Assisi promoviert hat, besonders gern über bedeutende Frauenfiguren. Martina Kreidler-Kos bringt deshalb ausschließlich Pilgerinnengeschichten mit. Auch Ordensgründerin Klara (1193 bis 1253) war eine Pilgerin – eine Pilgerin der Hoffnung. Nicht nur, weil sie ihr wohlhabendes Elternhaus verließ, um in radikaler Armut zu leben, sondern weil sie ein unabhängiges Leben führte. „Sie ist die erste Frau in der Kirchengeschichte, die eine päpstlich anerkannte Ordensregel für Frauen geschrieben hat“, sagt Kreidler-Kos.

Die Leiterin des Seelsorgeamtes ist eingeladen zur 51. Studientagung des Ansgar-Werkes Osnabrück und Hamburg. Rund 30 Priester, Ordensleute und aktive Laien aus Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island beschäftigen sich – passend im Heiligen Jahr – mit dem Thema „Pilger der Hoffnung“. Sie hören theologische Vorträge, suchen mit dem Professor Hans-Georg Gradl von der Theologischen Fakultät Trier nach Pilgerspuren im Alten und Neuen Testament, diskutieren in kleinen Gruppen und machen sich selbst auf einen fünf Kilometer langen Pilgerweg zum Wallfahrtsort Rulle nördlich von Osnabrück. 

Studientagung nordische Diaspora
Teilnehmer aus den nordischen Ländern folgen aufmerksam der theologischen Tagung. Foto: Anja Sabel

Martina Kreidler-Kos hat auch Birgitta von Schweden (1303 bis 1373) im „Gepäck“. Die Heilige pilgerte im Mittelalter quer durch Europa, beriet Könige und Adelige, versandte zahlreiche diplomatische Depeschen und bemühte sich um Versöhnung und Verständigung. Und auch die amerikanische Ordensfrau Mary Luke Tobin (1908 bis 2006) von den Sisters of Loretto nennt Kreidler-Kos eine Pilgerin der Hoffnung. Schwester Mary war Beobachterin beim Zweiten Vatikanischen Konzil – eine von wenigen Frauen unter 2800 Konzilsvätern, zeitlebens eine Arbeiterin für Frieden und Gerechtigkeit, eine Mentorin für Frauen und Männer aller Glaubensrichtungen. 

Bruder Andreas Brands, Mitorganisator der Studientagung in Haus Ohrbeck, berichtet von seiner Pilgerreise, die ihn kürzlich 260 Kilometer auf dem Jakobsweg von Porto nach Santiago de Compostela führte. Eigentlich, sagte er, „bin ich gar kein Pilgertyp, sondern eher ein Stubenhocker“. Aber: „Wir Menschen sind nicht zum Bleiben gemacht.“ Tief bewegt hätten ihn vor allem die intensiven und ehrlichen Gespräche mit anderen Pilgern, sagt Bruder Andreas. „Wir haben Erfahrungen aus unserem Lebensrucksack geteilt, das sind einmalige Momente, die mir geschenkt wurden.“

Diskussion
In kleinen Gruppen wird über Bibelstellen diskutiert. Foto: Anja Sabel

Nicht jede Pilgerreise, ergänzt er, sei religiös motiviert, aber jeder, der unterwegs sei, spüre, „dass er etwas zu klären hat in seinem Leben“. So wie Magnus Eng, ein junger Norweger, der erst vor Kurzem zum katholischen Glauben konvertierte und sich auf dem Olavsweg von Oslo nach Trondheim die Frage nach einer Berufung stellte. Letztendlich entschied er sich gegen einen Ordenseintritt. Pilgern kann sich auch positiv auf die Gruppendynamik auswirken. Katechetin Ulrika Erlandsson aus Stockholm beispielsweise pilgert mit Firmlingen oft auf den Spuren der heiligen Birgitta – „um in Schwung zu kommen“, wie sie sagt. „Und wir wachsen als Gruppe zusammen." 

Auf Pilgerreisen versichern sich die Katholiken aus der Diaspora des Nordens aber auch ihrer Wurzeln. Marko Tervaportti aus Helsinki zum Beispiel. Er reist mit Frau und Sohn gleich nach der Studientagung weiter nach Rom. Zu erleben, dass es Christen seit über 2000 Jahren gibt, „dass wir nicht allein sind, das stärkt meinen Glauben“, sagt er.

Wer in die Bibel schaut, entdeckt viele Reisegeschichten – von Abraham über die Sterndeuter bis hin zur Offenbarung des Johannes über das himmlische Jerusalem, das Ziel aller Pilgerreisen. Manche Wege waren erzwungen und wurden erst rückblickend zum Pilgerweg – wie bei Abraham (Gen 12, 1-7), andere erhofften sich Heilung (Mk 5, 24-34). „Die frühen Christen waren eigentlich nur unterwegs“, sagt Hans-Georg Gradl. Oft heißt es ja: Der Weg ist das Ziel. Der Theologieprofessor ist anderer Meinung: „Der Weg einer Pilgerreise ist wesentlich, aber entscheidend ist das Ziel.“
 

Anja Sabel

Fahnen Nordeuropas
Foto: Anja Sabel

Das Konzept ist nach wie vor erfolgreich: Priester, Ordensleute, Katechetinnen und Katecheten aus der nordischen Diaspora bilden sich theologisch weiter, setzen sich intensiv mit Bibeltexten auseinander und tauschen sich aus. Der Einladung des Ansgar-Werkes der Bistümer Osnabrück und Hamburg zur 51. Theologischen Studientagung in Haus Ohrbeck bei Osnabrück folgten rund 30 Katholiken aus Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island.