Jahrestag der Flutkatastrophe im Ahrtal

"Die Zukunft ist ein Riesen-Fragezeichen"

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Ein Jahr ist seit der Flutkatastrophe im Ahrtal vergangen. Die massiven Zerstörungen sind bis heute deutlich zu sehen. Im Gespräch mit den Menschen vor Ort, die sich langsam ihr Leben wieder aufbauen.


Mit einer Fotoausstellung wird an das Unglück erinnert. Foto: kna/Harald Oppitz

Sanft plätschert das Wasser am Ufer über die Kieselsteine. Doch die Idylle trügt. Keine zehn Meter hinter der Mündung in den Rhein bei Sinzig liegen die Schrottteile einer zerstörten Brücke, hängt viel Treibholz in den Böschungen. Der Ahrtalweg beginnt auch ein Jahr nach der verheerenden Flut mit einer Absperrung und einem Umweg, der erste von vielen.

Zwei Kilometer weiter machen Michael und Sarah auf den Stufen zu ihrem Haus eine Pause. Keller und Erdgeschoß standen unter Wasser. "Aber wir hatten ja noch Glück, wir leben" - und sie können renovieren. Es ist ein Leben auf der Baustelle: "Seit dieser Woche haben wir auch wieder eine Haustüre!", freut sich Michael. Doch viele Nachbarn seien zermürbt: "Sie würden ja gerne renovieren, aber wir bekommen kaum Material, kaum Handwerker." Sorgen macht sich das Paar um die Kinder. "Wenn es stark zu regnen beginnt, fragen sie immer 'Mama, kommt das Wasser wieder?'"

Auch weiter flussaufwärts überall abgesperrte Wege. An fast allen Häusern markiert der abgeschlagene Putz, wie hoch das Wasser stand. Rainer und Anja sitzen vor ihrem Wohncontainer in Bad Neuenahr. Bis zum Frühsommer wollten sie wieder in ihrem Haus in Ahrweiler sein. "Weihnachten wäre ein Traum", sagt Anja nun und seufzt.

Durchatmen auf dem Schützenfest

Heiko, einer der vier Priester in der Pfarrei Bad Neuenahr-Ahrweiler, fährt am nächsten Morgen früh mit seinem Mini durch die Weinberge. Es ist Sonntag - und auf dem Hügel in Kirchdaun gibt es noch eine "bespielbare" Kirche. So viele Schicksale, so viele Menschen, die reden wollen - ihm schlage die Belastung auf den Magen. Doch die Stelle wechseln kommt für ihn nicht in Frage: "Ich kann die Leute hier nicht im Stich lassen."

Ahrweiler wirkt an diesem Tag wie ausgestorben. Kein Wunder, der halbe Ort trifft sich auf dem Schießplatz, um den neuen Schützenkönig zu küren. Die Musikkapelle dröhnt durch die enge Gasse, Bianca genießt die Stimmung: "Wir alle hier müssen einfach mal für ein paar Stunden lachen und feiern dürfen, wir haben so viel Mist erlebt im letzten Jahr." Diese Nacht wird dem Lachen und vielen Gesprächen gehören. "Trinkzug" nennt sich die uralte Tradition, bei der die Schützen in Vierergruppen mit einem Weinglas bewaffnet von "Altar" zu "Altar" ziehen und mit Ahrwein und kleinen Häppchen verköstigt werden.

Hinter den ersten Ahr-Windungen flussaufwärts sitzt Michael in Marienthal auf der Veranda seiner Vinothek. Eigentlich wollte er am Wochenende nach der Flut sein Weinlokal öffnen. Nun ist sein Haus auf den Rohbau zurückgebaut. Es gehe ihm aber - da finanziell einigermaßen abgesichert - gut, sagt er. Auch das aktuelle Konzept mit einer Fotoausstellung zur Flut und dem Speisen- und Getränkeverkauf am Wochenende laufe bestens. Und dann werden die Augen hinter der Brille doch wässrig. Auch ihm erzählen viele ihr Schicksal. Als er über die Behörden spricht, kommt er in Rage. "Die Zukunft ist ein Riesen-Fragezeichen."

"Das Ahrtal gibt nicht auf"

Kurz hinter Dernau klettert Bärbel über die Schieferplatten im Weinberg, um die jungen Triebe hochzubinden. Unter ihren Füßen liegen zwanzig Meter Geröll: "Auch da standen mal unsere Reben. Das tut schon weh." Trotzig heißt es auf einem Graffiti: "Das Ahrtal gibt nicht auf."

Das Tal wird enger, kaum mehr Verkehr. Denn der Tunnel zwischen Mayschoß und Altenahr ist noch gesperrt. Hinter dem Tunnel bei Altenahr lösen grüne Wälder den Weinbau ab. Eine bei Campern beliebte Region war der obere Flusslauf. Davon ist nichts übrig: Bauschuttdeponien statt Urlaubsidylle. Der Wanderweg folgt der Bahntrasse, die meist nur noch zu erahnen ist. Am Bahnhof Kreuzberg steht verlassen ein Triebwagen. Die Gleise davor und dahinter sind weggespült.

Das Haus von Jörg in Ahrbrück steht 150 Meter von der Ahr entfernt. Es muss abgerissen und darf nicht an gleicher Stelle aufgebaut werden. Doch seit dem Hochwasser 2016 ist Jörg gut versichert - und hat einen guten Anwalt, wie er betont.

Auch die katholische Kirche in Ahrbrück ist beschädigt. Ein Gutachten bescheinigt einen Totalschaden. Gegen den geplanten Abbruch erhebt sich dennoch Widerstand. Ein Transparent auf der Fassade karikiert das zuständige Bistum Trier als Abrissbirne.

Der Fußweg nach Schuld führt über einen provisorisch gesicherten Brückenrest. Die Stimmung wird zunehmend gereizt. Versicherungen stellten sich quer, der Bürgermeister bewege sich nicht, Journalisten spazierten einfach in Baustellen, die da oben auf dem Berg und wir hier unten im Katastrophengebiet... - Schuldzuweisungen in Schuld. Jürgen, der mit dem Traktor Bauschutt abtransportiert, ist in Sorge: "Die Menschen sind durch."

Warten auf Genehmigungen

Anna sitzt vor dem Versorgungsgebäude auf ihrem Campingplatz an der Ahr außerhalb von Schuld. Vor ihr eine Steinwüste. "Wir haben am Tag der Flut hier 70 Gäste gerettet." Drei Reihen mit Holzhütten sind am Hang verschont geblieben - es waren mal doppelt so viele. Wann sie wieder Gäste empfangen darf, weiß sie nicht. "Diese Unsicherheit seitens der Behörden, wo wir wieder aufbauen dürfen und wo nicht, das zermürbt." Der Campingplatz weiter oben im Tal habe bereits wieder geöffnet. "Der liegt in NRW, dort lief das mit den Genehmigungen viel einfacher."

Der Weg führt weiter über Wiesen in den Wald nach Antweiler. Bis zur Quelle sind es jetzt noch gut 15 Kilometer. Das Geländer der alten Steinbrücke wurde von der Flut weggerissen, nur die Statue des Brückenheiligen Nepomuk blieb verschont.

Nahe Blankenheim, dem Quellort, zeigt sich die Ahr als kleiner Bach. Auch hier, auf den letzten Kilometern, sind Fußgängerbrücken weggeschwemmt. An der Quelle in der Fußgängerzone sitzt ein Paar aus Düsseldorf. Der Mann ist Versicherungsmakler: "Unsere Versicherung hilft in solchen Fällen immer sofort und unkompliziert", betont er. Er verstehe gar nicht, wieso Versicherungen immer so einen schlechten Ruf hätten. Eine Wanderung an der Ahr - sie könnte ihm die Augen öffnen.

kna/Harald Oppitz