Christliche Kunst aus altem Kriegswerkzeug

Ein Schatz vom Trödelmarkt

Image
Monbstranz aus Kriegswaffe
Nachweis

Fotos: Michael Burkner

Caption

Reste eines Raketenwerfers: Pfarrer Krystian Burczek und Thea Neumann mit der besonderen Monstranz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg baute ein junger Schlosser aus den Resten eines sowjetischen Raketenwerfers eine Monstranz. Bis in die 1980er-Jahre wurde sie von seiner Gemeinde in Peitz genutzt. Dann verschwand sie – bis Pfarrer Krystian Burczek sie für 50 Euro nichtsahnend zurückkaufte.

Pfarrer Krystian Burczek geht gerne auf die Trödelmärkte der Umgebung. Dort, so erzählt er, finde er immer wieder liturgische Geräte, denen er eine würdige Nutzung ermöglichen wolle: Kreuze, Kelche, Figuren. Vor vier Jahren kaufte er eine Monstranz, klein und unscheinbar. Ein Weinstock mit Trauben rankt sich um die Halterung für das Allerheiligste, von einem Strahlenkranz umgeben. „Sie gefiel mir, weil sie aus Metall und anscheinend selbstgebastelt war“, erinnert sich der Geistliche. Was für eine Monstranz er da zufällig fand und für 50 Euro kaufte, wusste er damals noch nicht.

Viele Katholiken, keine Kirche

Burczek lebt im Pfarrhaus von Peitz, einem Städtchen nördlich von Cottbus, ist Seelsorger der Justizvollzugsanstalt Cottbus und betreut die gut 200 Katholiken der Ortsgemeinde. Ihre Kirche St. Josef der Arbeiter steht unscheinbar in einem Wohngebiet. Nur ein schmales Kreuz lässt erkennen, dass sich hinter dem grau-braunen Putz ein Sakralraum versteckt.

Entstanden ist die kleine katholische Gemeinde hier wie so viele in der Umgebung erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals kamen rund 1000 katholische Heimatvertriebene vor allem aus Schlesien in die Stadt, in der zuvor nur zwei katholische Familien gelebt hatten. Sie hatten keine Kirche und keine liturgischen Geräte. 

MonstranzUnter den Flüchtlingen war der 17 Jahre alte Werner Neumann. Kurz zuvor hatte er die verheerenden Luftangriffe auf Dresden überlebt. In Peitz begann er eine Schlosserlehre, deshalb besaß er einen kleinen Schraubstock. Mit dem fertigte er am Küchentisch seines Elternhauses eine Monstranz aus den Resten einer Katjuscha – eines sowjetischen Raketenwerfers. Die Monstranz, die Pfarrer Burczek 75 Jahre später wiederfinden sollte.

Werners Schwester Thea war damals – noch vor der Gründung der DDR – erst sechs Jahre alt, erinnert sich aber noch genau: „Die Familie hat oft gefragt, ob er nicht bald fertig wäre. Aber es hat lange gedauert und er hat mit viel Geduld und Freude daran gearbeitet.“ Die Haustür habe Werner dabei zugesperrt – die Monstranz sollte eine Überraschung für den ersten Ortspfarrer Josef Felis werden. „Als Werner die Monstranz am Geburtstag des Pfarrers ausgepackt hat, hat dieser Freudentränen geweint“, erinnert sich Thea Neumann. Ihr Bruder Werner sei ein lebensfroher und umtriebiger Mensch gewesen. Der DDR entfloh er, kurz bevor die Grenze geschlossen wurde; er zog nach Düsseldorf und später in die Schweiz, wo er eine Familie und eine Firma gründete. 2018 starb er.

Die Katjuscha-Monstranz aber blieb in Peitz und wurde bis in die 1980er-Jahre genutzt. Als die Gemeinde Geld für eine neue Monstranz hatte, landete die alte im Keller und war irgendwann verschwunden. Bis Pfarrer Burczek sie auf dem Trödelmarkt zufällig wiederentdeckte.

Heute fragen sich die Peitzer ungläubig, wie sie damals verloren gehen konnte, und sie sind stolz auf ihre besondere Monstranz. „Aus ‚Schwerter zu Pflugscharen‘ wurde hier ‚Kriegswerkzeug zu Monstranz‘“, sagt ein Gemeindemitglied. Die Monstranz erinnere daran, dass auch aus Krieg Frieden wachsen könnte. Sie helfe ihnen auch in der von Kriegen gezeichneten Gegenwart, an eine friedliche Zukunft zu glauben.

Fürbitte für den Frieden

Der Friede auf der Welt ist der Gemeinde in Peitz ein besonderes Anliegen. Der russische Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 sei hier sofort ein großes Thema gewesen, erzählt Gemeindemitglied Daniela Peters. Ein Gefühl der Machtlosigkeit habe sich breitgemacht. Peitz ist nur zwölf Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Der Krieg in der Ukraine fühlt sich für viele hier ganz nah an.

Um gegen die Hilflosigkeit anzukommen, begann die Gemeinde zunächst, in jedem Gottesdienst eine Fürbitte für den Frieden zu sprechen. Als Pfarrer Burczek zwei Jahre später von einer Wallfahrt nach Medjugorje zurückkehrte, entstand die Idee, am Ende jedes Gottesdienstes ein Friedensgebet zu beten: ein Vaterunser und ein Geheimnis des Rosenkranzes. Bis heute ist das Gebet fester Teil des Sonntagsgottesdienstes. 

Auch auswärtige Pfarrer, die ab und zu hier vertreten, müssten da mitmachen, erzählen die Gemeindemitglieder. Sie sind überzeugt, dass das Gebet etwas bewirken kann, und betonen, dass so auch die kleinsten Gemeinden zum Frieden beitragen können. Auch von der Weltkirche erwarten die meisten hier, dass sie bedingungslos für den Frieden eintritt. Denn ihre Monstranz erinnert sie daran, dass auch aus Waffen Werkzeuge des Friedens werden können.

Michael Burkner