Ideen wider Furcht und Resignation
Für ein besseres Deutschland
Foto: imago/Markus Matzel
In vielen Städten demonstrieren zurzeit Menschen gegen Rechtsextremismus und für die Demokratie.
Philippa Rath wurde deutlich. „Die unantastbare Würde jedes Menschen ist für viele mit einem Mal nicht mehr selbstverständlich“, schrieb die Benediktinerin nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt in einem Gastbeitrag für das Portal „Kirche und Leben“. „Welch ein barbarischer Rückschritt, welch eine Schande. Ich schäme mich.“
43,8 Prozent der Stimmen hat die rechtsextreme AfD in Sachsen-Anhalt geholt, sie verpasste knapp die absolute Mehrheit. Nun legte sie auch bei den folgenden Landtagswahlen deutlich zu. In Mecklenburg-Vorpommern wurde die AfD mit 38,2 Prozent stärkste Kraft, in Berlin kam sie mit 16,3 Prozent auf Platz drei. Bundesweit liegt die AfD in Umfragen eindeutig auf Platz eins.
Viele Menschen in Deutschland sind über den Aufstieg der Demokratiefeinde ebenso entsetzt wie die Benediktinerin Rath. Sie fragen sich: Was kann ich tun? Hier sind ein paar Gedanken dazu.
Klar sein. Heiner Wilmer, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, hat nach der Wahl in Sachsen-Anhalt die Haltung der Kirchen gegenüber der AfD bekräftigt. Die Partei sei nachweislich nationalistisch und völkisch eingestellt, sagte er. Jede und jeder Gläubige kann die detaillierte Begründung, die die Bischofskonferenz für ihre Position liefert, nachlesen und ernstnehmen.
Menschen beistehen. An vielen Orten in Deutschland fragen jetzt Kinder aus Syrien, Kamerun oder der Türkei: „Mama, Papa, wollen die uns abschieben?“ Queere Paare fürchten, von Neonazis angegriffen zu werden, die vom Furor der AfD angestachelt werden. Eltern, die ein Kind mit Behinderung haben, fragen, ob es künftig in unserem Land noch gewollt wird. Wir können diesen Menschen sagen: „Schön, dass ihr da seid! Wir stehen an eurer Seite.“
Dramatik durchschauen. Manchen Menschen scheint nicht klar zu sein, welche Gefahren auf uns zukämen, wenn die AfD unser Land regierte. Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der Partei in Sachsen-Anhalt, sagte auf die Frage nach der geplanten Ansiedlung eines israelischen Rüstungskonzerns: „Wir verteufeln nicht pauschal Produktion von Rüstungsgütern, weil wir bei späteren Remigrations- und Abschiebeoffensiven natürlich auch entsprechende Hilfsmittel brauchen.“ Die AfD spricht also offen von gewaltsamen Deportationsplänen.
Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, erhielt jüngst eine Morddrohung, nachdem sie sich gegen die AfD positioniert hatte. Laut der Abendzeitung München schrieb der Verfasser der Drohung: „Die AfD hat gewonnen, morgen hängen wir die Knobloch.“
Haltung zeigen. In vielen Städten finden jetzt Demonstrationen statt – gegen die AfD, für Demokratie, Menschenwürde und Freiheit. Klar holen diese Demos keinen einzigen AfD-Wähler zurück. Dennoch sind sie wichtig: weil sie zeigen, dass die Demokraten immer noch die klare Mehrheit sind; weil sie ein Gefühl der Verbundenheit vermitteln; weil sie ein Zeichen der Solidarität mit den Menschen setzen, die nun Angst haben.
Ängste ernstnehmen. Die AfD ist vor allem deshalb so groß geworden, weil es in Deutschland lange schwer möglich gewesen ist, sachlich und offen über Probleme zu sprechen, die Migration mit sich bringt. Wenn eine Kita-Erzieherin, ein Polizist oder eine Grundschullehrerin über negative Erfahrungen berichtet oder ältere Dorfbewohner ihre Ängste vor Überfremdung geäußert haben, sind sie schnell als rechts abgekanzelt worden.
Jede und jeder von uns kann Andersdenkenden zuhören. Unbequeme Meinungen nicht niederpöbeln. Sondern fragen: Wie kommst du darauf? Welche Erfahrungen haben dich dazu gebracht, so zu denken? Welche Lösungsmöglichkeiten siehst du? Aber auch: scharf widersprechen, wenn jemand pauschal „DIE Ausländer“ verurteilt oder Fakten verdreht.
Menschen sehen. Die Welt verändert sich rasant. Eine Krise jagt die nächste. Viele Menschen kommen da nicht mehr mit. Manchen erscheinen die vermeintlich einfachen Antworten der AfD attraktiv. Jede und jeder von uns kann überlegen: Wo sind in meiner Umgebung Menschen, die sich vielleicht ungesehen fühlen? Wen könnte ich fragen, wie es ihm gerade geht? Wen könnte ich zum Espresso oder zum Bier einladen, einfach so?
Heimat geben. Die AfD zieht viele Menschen an. Weil sie so tut, als ob sie sich um sie kümmert. Weil sie Menschen, die sich heimatlos fühlen, ein Gefühl von Identität und Gruppenzugehörigkeit gibt. Jede und jeder von uns kann demokratische Orte stärken, die Menschen Heimat geben. Und all die Ehrenamtlichen unterstützen, die diese Orte beleben: Jugendfußballtrainer und Chorleiterinnen, Kleinkunstbühnen-Betreiber und Büchereihelferinnen, Seniorenbegleiter und Feuerwehrleute. Natürlich kann jede und jeder auch selbst aktiv werden.
Zusammenhalten. Nach wie vor gibt es Grüne, die konservative CDU-Leute als halbe Nazis verachten – und konservative CDU-Leute, die Grüne als linksradikale Spinner diffamieren. Das ist absurd. In Wahrheit sind sich die meisten Demokraten näher, als sie denken. Jede und jeder kann versuchen, andere Demokraten besser zu verstehen. Nicht, um Unterschiede zu verwischen. Sondern, um gemeinsam Lösungen für Probleme zu finden.
Aktiv werden. Jede und jeder kann in eine demokratische Partei eintreten, dort Ideen einbringen – und Freunde überzeugen, es auch zu tun. Jede und jeder kann überlegen, wie ein besseres Deutschland aussehen sollte. Was die Politik dafür tun müsste und was man selbst beitragen könnte. Und sich fragen, ob die eigenen Erwartungen an die Bundesregierung – bei aller berechtigten Kritik – manchmal maßlos sind.
Lachen. Ja, die Lage wirkt düster. Aber jede und jeder kann sich klarmachen, dass nach wie vor die klare Mehrheit in Deutschland gegen die AfD ist. Und jede und jeder darf auch mal durchatmen. Politikpause machen. Feiern, lachen, das Leben genießen. Denn von Nazis wollen wir uns dieses Leben doch nun wirklich nicht verderben lassen.