Impuls zur Sonntagslesung am 8. November

Trauern Christen anders?

Image
Ein Blumenfeld in Form einer Rose
Nachweis

Foto: unsplash.com, tsuyoshikozu

Caption

Für jeden Verstorbenen eine Zwiebel: Das Tulpenbeet ist Blickfang und Hoffnungszeichen. (Symbolbild)

Paulus erinnert in der Lesung an die Auferstehung. Ihretwegen müssten Christen über ihre Toten „nicht trauern wie die, die keine Hoffnung haben.“ Schön formuliert, aber ganz so einfach ist es nicht, sagen zwei Trauerbegleiterinnen aus Berlin.

Barbara Müller arbeitet seit zwölf Jahren in der Krankenhausseelsorge des Alexianer Krankenhauses Hedwigshöhe im Osten Berlins und begleitet Kranke und ihre Angehörigen auch auf dem Weg in den Tod. Wie Menschen trauern, sagt sie, liege nicht so sehr daran, ob sie an Gott glauben oder nicht. Es liege eher an den Umständen. „Je enger und liebevoller die Beziehung zum Verstorbenen war, desto intensiver ist die Trauer“, sagt sie. Auch wie jemand gestorben ist, mache einen Unterschied. „War es ein plötzlicher Tod oder war es ein langer Weg des Loslassens? War es ein friedlicher Tod oder ein Kampf?“ Wichtig auch: Ist bei der Aufbahrung nur eine einzelne Person dabei oder eine ganze Familie? „Die Trauer ist so unterschiedlich wie die Menschen.“

Da ist es wichtig, die Trauer langsam immer ein bisschen rauszulassen, ohne Angst, nicht aufhören können zu weinen.

Auch Schwester Beate Glania ist Seelsorgerin bei den Alexianern, speziell in der Psychiatrie. Sie glaubt ebenfalls nicht, dass Christen grundsätzlich anders trauern: „Da ist jetzt jemand weg, der sehr nah und vertraut war, damit müssen Christen wie Nichtchristen fertig werden“, sagt sie. Und: „Trauer ist ein Zeichen von Liebe – und die hängt nicht am religiösen Glauben.“ Wichtiger sei, sagt Schwester Beate, überhaupt Trauer zuzulassen. „Ich erlebe in der Psychiatrie Menschen, die seit Jahren und Jahrzehnten in der Trauer feststecken, die sie nie leben konnten und bewältigt haben.“ Sich nicht erlauben zu trauern, etwa, weil der geliebte Mensch es doch jetzt bei Gott gut habe und Christen in Gott Trost finden müssten, das könne ein Problem sein. „Ich vergleiche das manchmal mit einer Wasserflasche, die durchgeschüttelt wird und dann beim schnellen Öffnen heftig überläuft“, sagt sie. „Auch wir werden durch einen Tod durchgeschüttelt. Da ist es wichtig, die Trauer langsam immer ein bisschen rauszulassen, ohne Angst, nicht aufhören können zu weinen.“

Beide Begleiterinnen sehen zwei entscheidende Punkte bei der Trauerbewältigung. Der eine ist: Hoffnung. „Da hilft es schon, Christ zu sein“, sagt Müller. „Das gibt die Hoffnung, dass der Verstorbene bei Gott ist, die Hoffnung auf ein Wiedersehen, wie immer das aussehen wird, aber auch die Hoffnung, dass Gott einen selbst durch die Trauer hindurchträgt.“
Schwester Beate bestätigt das, sagt aber: Hoffnung können auch Menschen haben, die keine Christen sind. „Wenn ich in der Kapelle mit jemandem eine Kerze anzünde, dann fühlen manche eine Verbundenheit mit dem Verstorbenen, die über den Tod hinausgeht. Das ist eine ganz eigene Spiritualität von Menschen, die nicht an Gott glauben.“ Das kennt auch Müller. „Das sind die Da-ist-was-Menschen. Sie haben für ihre Hoffnung oft keine Worte, aber sie spüren, dass etwas bleibt. Und das stärkt sie, auch wenn es nicht ‚Gott‘ heißt.“

Ein Ritual, das alle berührt

Ein Tulpenfeld, das in Herzform angelegt ist
Für jeden Verstorbenen eine Zwiebel: Das Tulpenbeet ist Blickfang und Hoffnungszeichen. Foto: Beate Glania

Dort, wo die beiden leben und arbeiten, sind nur drei Prozent der Menschen getauft.  Deshalb sei es umso wichtiger, Rituale der Hoffnung zu finden, die alle ansprechen. So wie das Tulpenbeet. „Wir haben immer im November einen Gedenkgottesdienst für alle, die in dem Jahr in unserem Haus verstorben sind, und zu dem wir die Angehörigen einladen“, erzählt Schwester Beate. Jeder einzelne Name, meist über 500, werde dann vorgelesen. „Das machen die leitenden Ärz-tinnen und Ärzte selbst, das ist ihnen wichtig.“ In der Kapelle stünden Tulpenzwiebeln bereit. „Für jeden Verstorbenen wird eine davon in einen großen Korb gelegt.“ Später werden sie in ein Beet gepflanzt – in Herzform. „Und im Frühjahr blühen sie: aus dem Dunkel ins Licht, aus dem Tod ins Leben“, sagt Schwester Beate. Viele würden dort stehen bleiben: Patientinnen und Patienten, Besucherinnen und Besucher, aber auch Mitarbeitende. „Wir laden auch die Mitarbeitenden auf den Stationen ein, eine Woche vor dem Gottesdienst in die Kapelle zu kommen und Zwiebeln in den großen Korb zu legen“, sagt Barbara Müller. „Manche denken dann an eigene Angehörige oder einen bestimmten Patienten oder an ein Schicksal, das sie besonders berührt hat.“ Dieser Beruf im Krankenhaus, sagt sie, „macht ja auch was mit den Menschen“.

Das Zweite, was in Zeiten der Trauer einen Unterschied ausmacht, kannte auch Paulus: Gemeinschaft. „Die Lesung endet ja mit der Aufforderung: Tröstet einander!“, sagt Schwester Beate. „Vielleicht ist es das, warum Christen doch etwas anders trauern: Sie haben eine Gemeinde, die sie mitträgt, die mittrauert und mithofft.“ Die Rituale in der Kirche und am Grab könnten helfen, aber auch Einladungen und Gespräche in der Zeit danach. „Viele sagen ja, dass sie sich nicht mehr unter Menschen trauen, weil sie immer noch weinen müssen. Oder dass ihnen Leute aus dem Weg gehen, weil sie nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Das kann unter Christen anders sein und einen echten Unterschied ausmachen.“ Nicht umsonst, sagt sie, sei das eines der Werke der Barmherzigkeit: Trauernde trösten. 

Susanne Haverkamp

Hoffnungsgebet am Tulpenbeet

Gott, 
Du bist Licht in dunklen Tagen,
Du bist Hoffnung in traurigen Stunden, 
Du bist die leise Stimme, 
die uns zum Leben ruft.

Die Blumenzwiebeln 
sollen uns Zeichen des Lebens sein, 
Leben, das neu aufkeimen will,
Leben, das Du verheißen hast auch für die, um die wir trauern. 

Sie werden in die Erde gegeben
und wir dürfen geduldig 
ihr Sprießen erwarten
und ihre Blüte ersehnen,
je einmalig und schön.

Gott, bring neu zum Blühen in uns,
was vertrocknet ist, 
lass Frühling werden in uns,
wo es noch Winter ist.