Projekt „Medienbuddies“ bildet Jugendliche zu Digital-Experten aus
Gefahren im Internet erkennen
Foto: Ludwig-Windthorst-Haus Lingen
Worauf müssen wir im Netz aufpassen? Das lernen Schülerinnen und Schüler in Lingen – und dürfen sich dann „Medienbuddies“ nennen.
Ob an Schulen in Flensburg oder in Passau: Aus ganz Deutschland dürfen sich Lehrerinnen und Lehrer diese Unterrichtsentwürfe auf der Homepage www.medienbuddies.de kostenlos herunterladen. „Die sind fix und fertig aufbereitet. Einfach speichern, bestimmte Dinge ausdrucken, vielleicht anpassen, und es kann losgehen“, sagt Nils Thieben. Der Politikwissenschaftler und Medientrainer leitet mit Michael Brendel das Projekt am Ludwig-Windthorst-Haus (LWH) in Lingen. Die Unterrichtseinheiten umfassen komplette und minutengenaue Verlaufspläne, ausgearbeitete Präsentationen, Spielanleitungen und andere Materialien für eine Doppelstunde. „Wir wollen damit die Kollegien an den Schulen entlasten und in puncto Medienkompetenz unterstützen“, sagt Thieben und berichtet von guter Resonanz über das Emsland hinaus.
Zu welchen Themen die Lehrkräfte dort Hilfestellung finden? Zum Beispiel zu Mediennutzung allgemein und Hass im Netz, Desinformation und Datenschutz, Künstlicher Intelligenz und Cybergrooming. So nennt man die gezielte Kontaktaufnahme von Erwachsenen mit Kindern und Jugendlichen im Internet, um ihr Vertrauen zu gewinnen und sie sexuell auszunutzen oder einen sexuellen Missbrauch vorzubereiten. Um Schülerinnen und Schüler für die Gefahren dieser Anbahnungsversuche zu sensibilisieren, gibt es bei den Unterrichtsentwürfen das Spiel „Groomer“ – eine Variante des Gesellschaftsspiels „Werwolf“. Die Spielkarten dazu können sich die Lehrkräfte auf der Homepage der „Medienbuddies“ herunterladen, ausdrucken und damit eine Stunde gestalten. „Farbig, extra mit Vorder- und Rückseite, damit das auch alles wertig aussieht“, sagt Thieben. „Wir arbeiten in unserem Projekt analog mit solchen Kärtchen, weil wir gemerkt haben, dass dadurch mehr Bewegung im Raum ist.“
Das ist für die Schüler wie eine etwas andere Klassenfahrt, und die haben richtig Lust darauf.
Das Material haben die jugendlichen „Medienbuddies“ zuvor im praktischen Selbsttest erprobt – in einem dreitägigen Blockseminar vor Ort im LWH. Seit gut drei Jahren bietet die katholische Akademie des Bistums Osnabrück diese Ausbildung Schülerinnen und Schülern der 7. und 8. Klassen aus Oberschulen im ländlichen Raum der Region Weser-Ems an. Bislang haben nach Worten von Thieben knapp 240 junge Leute an 22 Schulen und 44 Lehrkräfte bzw. Schulsozialarbeiter davon profitiert. „Das ist für die Schüler wie eine etwas andere Klassenfahrt, und die haben richtig Lust darauf“, sagt er. Zehn bis zwölf Jugendliche aus einer Schule sitzen zusammen, erzählen sich von Erfahrungen im Netz, und arbeiten Strategien gegen digitale Gefahren aus, die sie später an Gleichaltrige weitergeben können. Auf Augenhöhe, in ihrer Sprache, in der aktuellen Situation, nah am tatsächlichen Alltag: „Peer-to-Peer“ nennt sich dieses Prinzip. Nach dem ersten Startseminar begleitet das LWH die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch weiter: durch Update-Fortbildungen und Fachtage.
Gefahren einschätzen können
Das kommt deshalb so gut an, weil sich das interaktive und spielerisch aufgebaute Konzept an der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler orientiert. Der digitale Raum mit Instagram, TikTok, Snapchat und Co. gehört für sie heute zum Alltag. Nils Thieben will das gar nicht alles schlechtreden. „Das bietet auch viele tolle Möglichkeiten. Man kann dort kreativ sein, man kann mitdiskutieren und sich eine Meinung bilden, man kann sich informieren und sich mit Leuten vernetzen, man kann Freunde kennenlernen und seine Hobbys ausleben.“ Natürlich dürfen sich Jugendliche da „bewegen“, sagt er. Aber es ist eben wichtig, sich in diesem Raum auszukennen, um Regeln zu wissen, Gefahren einschätzen zu können und auch mal „anzuhalten“. Thieben vergleicht das gern mit dem Verhalten im Straßenverkehr.
Weitergabe des Wissens an andere Jugendliche ist Kern des Konzepts
Die Teilnehmer, zu denen neben den Jugendlichen begleitende Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter gehören, loben das Projekt ausdrücklich. Der Lehrer Tillman Schmidt von der Bödiker-Oberschule in Haselünne lobt das „Super-Gesamtpaket“ mit vielen Themen und guten Methoden. Jan Thieben von der Martinus-Oberschule in Haren nennt das Projekt „absolut gewinnbringend“, weil die Schüler von externen Coaches in Inhalten geschult werden, „die wir als Lehrkräfte nicht vermitteln können, weil zum einen die Zeit und zum anderen das Know-how fehlen“. Die Schülerinnen und Schüler selbst haben mitgemacht, weil sie anderen helfen wollen, „damit ihnen keine blöden Sachen passieren“.
Denn die Weitergabe des erworbenen Wissens an andere Jugendliche ist der Kern des Konzepts. „Das setzt sich in den Schulen fort“, sagt Nils Thieben, und er freut sich über Rückmeldungen, die den Erfolg des Modells untermauern. Die teilnehmenden Schulen richten eigene „Medienbuddies“-AGs oder sogar Wahlpflichtkurse ein, in denen die Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter mit den „Medienbuddies“ an den Themen arbeiten und eigene Projekte, wie Präventionsworkshops in den jüngeren Jahrgängen, Elternabende oder „Medienbuddies-Sprechstunden“ planen und durchführen. „Wir haben da eine neue Struktur an den Schulen geschaffen“, sagt Thieben.
Erste Ergebnisse einer externen Auswertung des Projekts durch die Uni Duisburg-Essen deuten nach seinen Worten zudem darauf hin, dass die Wirksamkeit wissenschaftlich belegbar ist.
Zur Sache
Das Projekt „Medienbuddies“ wird vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ bis Ende 2026 gefördert. Aktuell bemüht sich das Projektteam um eine Anschlussfinanzierung, um das Konzept weiterzuentwickeln und es Schulen aus dem ganzen Bundesgebiet zugänglich zu machen. Interessierte Schulen können sich über die E-Mail-Adresse medienbuddies@lwh.de bei Nils Thieben und Michael Brendel bewerben. Das kostenfreie Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte gibt es hier zum Download.