Impuls zur Sonntagslesung am 19. April 2026
Geteiltes Brot, geteilter Keks
Foto: kna/Harald Oppitz
Es sind fast immer ihre Mitmenschen und oft die Nichtgläubigen oder die Andersgläubigen, durch die Dorothea Allgäuer ihrem eigenen Glauben näherkommt. So fühlt sie es zumindest. Dabei ist ihr der Glaube von Kindheit an vertraut.
Dorothea (52) gehört zur Gemeinschaft der Kleinen Schwestern Jesu und möchte entsprechend der Geschwisterlichkeit, die sie mit allen zu leben versucht, in diesem Text mit Vornamen genannt werden.
Eigentlich sollte es im Interview mit ihr darum gehen, wie man als gläubiger Mensch anderen den Glauben erklärt, so wie Jesus den Emmausjüngern erklärt, dass er auferstanden ist. Die beiden sind schockiert über seinen Tod und gehen von Jerusalem, dem Ort seiner Kreuzigung, weg. Auf dem Weg gesellt Jesus sich zu ihnen. Aber trotz seiner kundigen Worte verstehen sie ihn nicht.
Dorothea liebt diese Geschichte; sie erinnert sie daran, wie sie selbst mit Jesus in Kontakt gekommen ist. Erklärungen und Glaubenswissen waren dabei nützlich, haben sie aber irgendwann nicht mehr weitergeführt. Stattdessen war es das Mitleben mit anderen Menschen, durch das sie etwas vom Glauben an Gott begriff. So wie vor Jahrzehnten bei einem Freiwilligeneinsatz, einer Mission auf Zeit in Kirgisistan.
Es ist ein Geben und ein Nehmen
„Ich habe Menschen getroffen, die hatten nichts, die waren arm bis aufs Hemd und haben mir doch so eine Zufriedenheit und Lebensfreude entgegengebracht.“ Sie fragte sich, warum alles, was sie besaß, sie dennoch so unerfüllt zurückließ. Den Menschen in Kirgisistan habe sie es zu verdanken, dass sie ihr Leben umgekrempelt hat, sagt die Ordensfrau. Sie wollte „ein Stück weit werden wie sie – freier von Besitz und was man tut und hat, und freier für Gott und die Mitmenschen“.
Glauben komme eben „nicht von oben, nicht von jemandem, der alles erklärt und alles weiß“, sagt sie. Stattdessen sind es Beziehungen und das gemeinsame Leben, „dieses Gegenseitige, das für uns ganz wichtig ist“. So war es ja auch bei den Emmausjüngern. Sie erkannten Jesus nicht durch das, was er ihnen erklärte, sondern als er mit ihnen das Brot brach.
Mit ihrer Gemeinschaft lebt Dorothea dort, wo man „eine Ordensfrau nicht unbedingt erwarten würde“, sagt sie: in einer Wohnung in einem Plattenbau am Stadtrand von Halle an der Saale. Obwohl sie ausgebildete Krankenpflegerin ist, arbeitet sie als Küchenhilfe in einer Großküche. So wie alle Kleinen Schwestern und Kleinen Brüder Jesu verdient sie den Lebensunterhalt ihrer Gemeinschaft mit geringbezahlten Tätigkeiten, für die man keine Ausbildung braucht.
Sind es dann also Nachbarinnen und Kollegen, mit denen Glaubensgespräche entstehen? „Ich spüre, dass die Menschen nicht als Erstes nach dem Glauben fragen“, sagt Dorothea. „Es ist eher so, dass die Menschen Interesse an meiner Lebensform als Ordensfrau haben. Manchmal ergeben sich dann auch tiefere Gespräche.“
Dass sie in einer katholischen Gemeinschaft lebt, kann man ihr nicht immer ansehen. Sie trägt kein Ordenskleid und das kleine Holzkreuz und den Ring muss sie vor der Küchenarbeit ablegen. Wenn sich herausstelle, dass sie Ordensfrau ist, hätten ihre Kolleginnen und Kollegen weniger Vorurteile und sagten sich, „die ist normal, die ist wie wir, die will uns nicht bekehren“, erzählt Dorothea. „Diese Vertrauensbasis, diese Freundschaft, die da entsteht, öffnet Türen, um miteinander zu leben.“ So wie bei ihr und einem muslimischen Kollegen.
„Wir waren gemeinsam auf dem Weg“
Die Ordensfrau erzählt, wie dieser Kollege trotz der schweren Küchenarbeit den Ramadan, die muslimische Fastenzeit, eingehalten hat. Dorothea war tief beeindruckt, dass er bis zum Sonnenuntergang nichts aß und trank. Sie hinterfragte dann ihr eigenes Fasten: „Bin ich zu lax?“ Und sie tröstete ihren Kollegen, der einmal darunter litt, dass er am Vortag während der Arbeit einen Schluck Wasser getrunken hatte. Sie sagte ihm, dass Gott auch barmherzig ist und gewiss nicht strafen kann, dass man bei Hitze einen Schluck Wasser zu sich nimmt. So stellt sich Dorothea den Weg der Emmausjünger vor: „Es ging um etwas, das uns beiden sehr wertvoll war, wir waren gemeinsam auf dem Weg.“
Dann erzählt sie von einer Begegnung in ihrer Gemeinschaft. Die Arbeitskollegin einer ihrer Mitschwestern war zu Besuch. Bei Kaffee und Keksen entstand ein angeregtes Gespräch. Die junge Frau sagte etwas traurig, sie könne nicht an einen Gott als Person glauben, vielleicht gebe es aber so was wie eine höhere Macht. Dorotheas Mitschwester antwortete ihr: „Schau doch mal, wie du in deinem Leben geführt worden bist, da ist etwas ganz Lebendiges in dir. Ich nenne es Gott, du nennst es anders.“ Irgendwann sagte die Kollegin: „Ja, so verstehe ich es.“
Für Dorothea ist das eine Emmausgeschichte. Die beiden Jünger erkannten den auferstandenen Jesus ja nicht, als er ihnen die Bibel erklärte, sondern als sie miteinander aßen. Dorothea sagt: „Ich glaube, dass bei der gegenseitigen Gastfreundschaft Gott anwesend ist, beim Brotbrechen und bei einem geteilten Keks.“
Zur Person
Dorothea Allgäuer gehört zur Gemeinschaft der Kleinen Schwestern Jesu, deren Lebensweise auf Charles de Foucauld und Magdeleine Hutin zurückgeht. Genauso wie die Kleinen Brüder Jesu wollen sie in Freundschaft mit Menschen verschiedener Herkunft und Kulturen leben.