Schwerpunkt Militärseelsorge

"Ich will mich lieber wehren, als Opfer zu sein"

Image
Masha-Christine Groß
Nachweis

Soldatin Masha-Christine Groß sagt: „Die Entwicklungen auf der Welt geben schon Anlass zur Sorge.“ 

Caption

Foto: Bundeswehr/Palkoska

Wie ist es, Soldatin zu sein in Zeiten, da Russland Europa bedroht und der Krieg näherkommt? Was macht Angst? Was gibt Kraft? Wie hilft der Glaube? Ein Doppel-Interview von Susanne Haverkamp mit der Bundeswehr-Kommandeurin Masha-Christine Groß und dem Militärseelsorger Daniel Brinker.


Frau Oberstarzt Groß, Sie kommandieren hier in Leer die Schnellen Einsatzkräfte im Sanitätsdienst. Wann haben Sie zuletzt Leute schnell losschicken müssen?

Groß Im Juni vergangenen Jahres, wegen des iranischen Angriffs auf Israel. Da waren innerhalb von sechs Stunden unsere ersten Soldatinnen und Soldaten mit der Luftwaffe im Einsatz und haben deutsche Zivilisten aus Tel Aviv rausgeholt.

Mit welchem Gefühl haben Sie die Leute losgeschickt?

Groß Ich war zuversichtlich, weil unsere Soldatinnen und Soldaten so was gewohnt und dafür ausgebildet sind. Aber natürlich ist es ein großes Risiko, dass die Maschine getroffen wird, wenn sie in so einem Krisengebiet starten und landen muss. Ich war froh, als alle gesund zurück waren.

Pfarrer Brinker, Sie sind seit vergangenem Herbst der Seelsorger hier am Standort. Würden Sie so eine Truppe demnächst mit einem Reisesegen auf den Weg schicken?

Brinker Das ist tatsächlich eine super Idee: Wir schicken die mit Gottes Segen! Wobei natürlich viele Soldatinnen und Soldaten keinen Bezug zum Glauben haben, sodass wir da einen sensiblen Weg brauchen. Aber segnen, benedicere, heißt ja einfach nur, jemandem was Gutes sagen: Sei behütet, sei beschützt! Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.

Groß Ich glaube, es ist egal, ob man fromm ist oder nicht. Hauptsache, man merkt, dass jemand da ist, der sich um einen sorgt und der einem gute Wünsche mitgeben möchte. Das ist ja immer ein schönes Zeichen.

Brinker Genau das ist unsere Aufgabe als Militärseelsorger. Wir signalisieren: Ich denke an euch. Ich habe euch im Blick. Ich nehme euch mit ins Gebet, auch wenn ihr vielleicht selbst nicht glaubt. 

Daniel Brinker
Militärpfarrer Daniel Brinker (52). Foto: Bundeswehr/Palkoska

Frau Groß, Sie haben die Evakuierung aus Israel angesprochen. Jetzt brennt der Nahe Osten wieder. Schauen Sie als Soldatin solche Nachrichten mit einem besonderen Blick?

Groß Ich bin wie alle besorgt darüber, was in den letzten Jahren alles passiert ist, und natürlich auch über die Zuspitzung im Nahen Osten. Der Grat zum Flächenbrand ist ja immer sehr schmal. Aber ich wundere mich auch oft.

Worüber?

Groß Wenn ich im Fernsehen Zivilisten sehe, die auf dem Balkon stehen, die Raketen fliegen sehen und das dann auch sehr plastisch beschreiben. Da muss ich mich dann sehr wundern. Ich weiß nicht, wo ich hingehen würde, wenn Raketen fliegen, aber sicherlich nicht auf den Balkon.

Herr Brinker, ändert sich die Stimmungslage in der Kaserne, wenn es irgendwo mal wieder kriegerisch eskaliert?

Brinker Ich bin im Moment in vielen Einweisungslehrgängen und ja, da merke ich schon, dass die ganze Weltlage vielen Leuten innerhalb und außerhalb der Bundeswehr Angst macht. 

Stichwort Bedrohung: Frau Groß, Sie sind 1993 in die Bundeswehr eingetreten, kurz nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende des Kalten Krieges. Da gab es für Deutschland keine Bedrohung, oder?

Groß Stimmt. Damals, mit 19, habe ich mir keine Gedanken gemacht, wie mein Einsatz in einem Kriegs- oder Krisengebiet aussehen könnte und ob er jemals stattfindet.

Und dann kam das wahre Leben und hat Sie in verschiedene Einsätze geschickt.

Groß Ja, aber ich bin in diese Einsätze langsam reingeführt worden. Am Anfang stand ein Hilfseinsatz in Kambodscha. Dann kam der Einsatz im Kosovo, aber dort war ich nicht. 2007 bin ich zum ersten Mal nach Afghanistan gegangen – auch, um danach zu entscheiden, ob ich Berufssoldatin werden will oder nicht. Ob ich das aushalte, wenn ich ein paar Monate im Einsatz bin in einer Gefährdungssituation.

Wenn heute 19-Jährige hier eintreten, machen die sich wahrscheinlich ganz andere Gedanken.

Groß Ja, die wissen, was auf sie zukommt. Die wissen, dass wir schon überall auf der Welt unterwegs waren und dass wir auch schon Tote mit nach Hause gebracht haben. Es gibt Leute, die sprechen mit ihnen über ihre Verletzungen, sowohl körperliche als auch seelische. Und wenn man hört, was Russland im Angriffskrieg in der Ukraine macht, in welcher Bedrohungslage wir teilweise sind und auch, dass unser NATO-Bündnis wackelt: Dann weiß man schon, worauf man sich einlässt, wenn man jetzt zur Bundeswehr geht.

War Russlands Angriff auf die Ukraine tatsächlich eine Zeitenwende?

Groß Mir hat ein Soldat gesagt: „Das hat mich völlig aus der Bahn geworfen.“ Mehr als jeder Einsatz in Afghanistan. Den Krieg so nah vor der Tür zu haben, hier in Europa, hat ihn verunsichert. Und mich bewegt das auch.

Warum?

Groß Als ich in Afghanistan oder in Mali war, da habe ich mich nur um mich und meine Kameraden gekümmert. Ich wusste: Meine Familie ist in Sicherheit. Der Krieg jetzt in der Ukraine ist so nah dran, dass ich mir auch Sorgen um meine Familie mache. 

Spüren Sie einen Stimmungswechsel auch in der Gesellschaft?

Groß Als ich in die Bundeswehr eintrat, war Abrüstung dran, Schließung von Kasernen, Reduktion des Personals. Jetzt merkt man: Wir brauchen eine starke Armee. Wir müssen abschreckungsfähig sein, damit wir den Frieden sichern. Wir wollen alle keinen Krieg. Auch die Soldatinnen und Soldaten wollen keinen Krieg. Aber wir wollen so stark sein, dass uns ein potenzieller Gegner ernst nimmt. Dass er merkt: Ein Krieg bringt nichts, weil bei uns nichts zu gewinnen ist.

Herr Brinker, Sie als Priesteramtskandidat waren nicht beim Bund und hatten als ein Kind der 80er- und 90er-Jahre sicher ein Faible für „Frieden schaffen ohne Waffen“. Wie hat sich Ihr Blick auf die Bundeswehr gewandelt?

Brinker Heute würde ich zur Bundeswehr gehen, muss ich ehrlich sagen. Weil ich das, was wir hier tun, als Friedensdienst empfinde. Wir wollen Frieden sichern, nicht einen Krieg anfangen. Das ist das höchste Gut für mich: dass wir Frieden schaffen. Und das geht vermutlich nicht immer ganz ohne Waffen. 

Bundeswehr im Winter
Bei der Übung „Cold Response 2026“ im März trainieren NATO-Soldaten, einen Angreifer unter arktischen Bedingungen zurückzuschlagen. Foto: imago/ABACAPRESS

Groß Unsere Soldatinnen und Soldaten bekommen inzwischen viel mehr Wertschätzung. Wenn man früher irgendeinen dummen Spruch bekommen hat, wenn man in Uniform rumgelaufen ist, sagt jetzt plötzlich jemand: „Danke für Ihren Dienst und toll, was Sie machen.“ Das macht was mit einem, wenn man endlich die Anerkennung bekommt, die man verdient hat, und dafür sind viele auch sehr dankbar.

Brinker Ich merke das auch persönlich. Als ich hierhin gewechselt bin, haben viele gesagt: „Respekt, dass du das tust.“ Und auch: „Wir brauchen diesen Dienst der Soldaten. Wir sind dankbar, dass es das gibt.“ Die Akzeptanz ist hoch.

Gerade heute, wo wir uns hier in der Kaserne treffen, finden aber auch an vielen Orten in Deutschland Schülerdemos gegen die Bundeswehr statt.

Groß Ich glaube trotzdem, dass die Akzeptanz für die Bundeswehr hoch ist. Die Schüler wollen nur zeigen, dass sie selbst keinen Wehrdienst leisten und schon gar nicht dazu gezwungen werden wollen. Und ehrlich gesagt wollen wir auch, dass alle Soldatinnen und Soldaten freiwillig ihren Dienst tun. Deshalb finde ich, dass es legitim ist, gegen die Wehrpflicht zu demonstrieren, das können sie gerne machen. Aber sie demonstrieren nicht gegen die Bundeswehr an sich. Ich fühle mich nicht angegriffen dadurch.

Wer noch gegen die Wehrpflicht ist, das sind viele Eltern. Wahrscheinlich, weil sie Angst haben um ihre Kinder. Können Sie das verstehen?

Groß Meine Eltern hatten auch immer Angst um mich, in jedem meiner Auslandseinsätze. Es ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann, dass ein Kind vor ihnen stirbt. Ich habe einen 23-jährigen Sohn und eine 17-jährige Tochter. Wenn denen was passieren würde, wäre es das Schlimmste auf der Welt.

Und bei der Bundeswehr kann das passieren …

Groß Wer sich in die Gefahr begibt, hat natürlich auch mehr Risiko, darin zu sterben. Und in der heutigen Zeit, wo wir aktiv bedroht werden durch einen Gegner wie Russland, ist zumindest die gefühlte Wahrnehmung so, dass wir kurz vor einem Krieg stehen könnten. Da will man natürlich sein Kind nicht sehen, das verstehe ich. Aber wenn wir keine Armee haben, dann hat dieser Gegner es sehr leicht. Und irgendwer muss die Zivilisten schützen, denn die leiden ja. Das sehen wir in der Ukraine. Sie werden angegriffen, sie werden misshandelt, egal, ob es ein Alter, ein Kranker, ein Kind, eine Mutter oder ein Vater ist. Deswegen müssen wir schauen, dass wir uns stark machen.

Herr Brinker, Militärpfarrer sind auch dazu da, Soldatinnen und Soldaten in gefährliche Einsätze zu begleiten. Würden Sie das tun?

Brinker Ich bin neu und war noch nie im Einsatz. Aber irgendwann wird’s kommen und dafür bin ich auch angetreten. Wenn mir die Kollegen erzählen, wie sie an manchen Stellen nur mit gepanzerten Fahrzeugen fahren durften, dann macht mir das natürlich Angst. Aber ich habe mich bewusst dafür entschieden, zur Bundeswehr zu gehen und Menschen in solchen Situationen zu begleiten. Ein Stück seelsorgliche Schwerstarbeit zu tun. Das ist, so paradox das jetzt klingen mag, auch ein Gefühl der Freude: gebraucht zu werden, einen wichtigen Dienst zu tun, mir Zeit nehmen zu können, jemandem zuzuhören, der mit was kommt. 

Darf man in der Bundeswehr über Angst sprechen? Ist das ein Thema?

Groß Natürlich ist das ein Thema. Was momentan eine große Rolle spielt bei vielen Soldatinnen und Soldaten, ist die Frage: Was wird mit meinen Kindern? Gerade, weil wir viele Väter und Mütter haben, die beide bei der Bundeswehr sind und die im Krisenfall auch gleichzeitig kämpfen müssen. Wenn wir unser Land verteidigen müssen, gibt es keine Ausnahme. Dann gehen wir alle.

Sie waren in Afghanistan, in Mali und im Irak. Hatten Sie da Angst?

Groß Nicht, als ich mittendrin war. Denn ich kannte meinen Auftrag, habe eine gute Ausbildung und fühlte mich zumindest in dem, was mein Job ist, handlungssicher. Dadurch hatte ich auch die Zuversicht, dass ich da heile wieder rauskomme. Aber im Nachhinein habe ich öfter mal gedacht: „Mensch, das war jetzt aber doch ganz schön gefährlich, was du da gemacht hast.“

Wie nah waren Sie dran an der Gefahr?

Groß 2011 war ich in Afghanistan, in Kundus. Wir sind manchmal über Straßen gefahren, auf denen wir eine Woche später vielleicht dreißig Minen geräumt haben. Ich hatte schon manchmal das Gefühl, dass ich hier nicht mehr lebend rauskomme. 

Sind Kameraden von Ihnen damals gestorben?

Groß Ja, wir hatten auch unter den Deutschen sehr viele Verletzte und einige Tote. Ein Freund von mir ist dort gestorben: Tobias Lagenstein, nach dem später eine Kaserne in Hannover benannt worden ist. 

Auslandseinsatz
Masha-Christine Groß war mehrfach für die Bundeswehr im Auslandseinsatz. Foto: privat

Hat Ihnen damals die Militärseelsorge etwas bedeutet?

Groß Wenn ich in den Einsätzen war, bin ich immer in die Militärgottesdienste gegangen. Oder zum Gebetsfrühstück. Die Militärpfarrer sorgen dafür, dass man eine sichere Gemeinschaft hat. Ihre Angebote werden übrigens auch von Soldatinnen und Soldaten angenommen, die nicht an Gott glauben oder Muslime sind. Sie sehen das dann mehr so als Balsam für die Seele, als eine Auszeit: mal an was Anderes denken, zur Ruhe kommen, Kraft schöpfen. Mir war das jedenfalls immer wichtig und dafür bin ich auch früher aufgestanden. 

Brinker Ich glaube, dass wir als Militärseelsorger gar nicht ausgefeilte Predigten abliefern müssen. Es geht um die Stunde der Ruhe und darum, einfach den Raum zu bieten fürs Innehalten. 

Groß Für mich als Kommandeurin kommt hinzu: In einer militärischen Führungsposition ist man sehr isoliert, weil man den nötigen dienstlichen Abstand braucht. Da ist es schon schön, wenn man eine Gemeinschaft hat, wo man hingehen kann und wo man mal nicht der Chef ist, sondern nur einer von vielen.

Sie sprechen von der Ruhe und Kraft, die die Militärseelsorge Ihnen gibt. Aber mir scheint: Dass Sie gut ausgebildet sind und eigene Kraft haben, ist schon auch entscheidend.

Groß Das ist das Entscheidendste, würde ich sagen. Ich möchte die Militärseelsorge im Einsatz nicht missen, aber Gott sei Dank bin ich noch nie in eine Situation gekommen, in der ich wirklich Seelsorge gebraucht hätte.

Auch nicht, als Ihr Freund starb?

Groß Der Einsatz 2011 war der belastendste, den ich je hatte, und darüber bin ich immer noch traurig. Der Tod von Tobias … mir kommen heute noch Tränen, wenn ich daran denke oder darüber rede.

Aber das ist ein Teil Ihres Lebens als Soldatin.

Groß Ja. Auch zu lernen, damit umzugehen. 

Brinker Und unsere Aufgabe als Seelsorger ist es, in so einer Extremsituation einfach da zu sein. Da braucht es keine klugen Worte, keine Ratschläge. Es braucht einfach Nähe, Ansprechbarkeit und ein Mitgehen, ein Aushalten. In solchen Momenten zeigt sich, glaube ich, der Unterschied zum Zivilleben: Wir sind mit so einer Truppe in einem Einsatz eng verbunden, als Kameraden. 

Groß Man hat so ein besonderes Zugehörigkeits-gefühl.

Wenn Sie Diskussionen hören um Frieden, Kriegstüchtigkeit und die Proteste dagegen, was denken Sie dann? 

Groß Ich glaube, es ist der tiefe Wunsch aller Menschen, Frieden zu haben. Und Deutschland ist ein sehr friedvolles Land geworden nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir können und wollen uns alle nicht mehr vorstellen, dass wir aktiv in einem Krieg sein könnten und irgendjemanden mit der Waffe angreifen müssen. Der Begriff Kriegstüchtigkeit, den unser Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius gebracht hat, war ja sehr provokativ. Ich schätze mal, er hat ihn benutzt, um uns alle etwas aufzuschrecken. Mir hat dieser Begriff nie gefallen. Ich würde lieber sagen: abschreckungsfähig. Denn kriegstüchtig hört sich so an, als ob ich den Krieg selber starte. Wir sind aber eine Verteidigungsarmee. Wir schrecken ab und im schlimmsten Fall verteidigen wir uns.

In kirchlichen Kreisen wird das sehr kontrovers diskutiert.

Brinker Die norddeutschen Bischöfe sind ja angegangen worden, weil sie einen Pastoralplan für Notzeiten aufstellen – mit Aufgaben bis hinein in die Zivilgemeinden. 

Der Regionalverband der katholischen Friedensbewegung Pax Christi in Hamburg und Osnabrück hat „große Bestürzung“ darüber geäußert.

Protest gegen Wehrpflicht
Junge Menschen protestieren im März 2026 in Dortmund gegen die Wehrpflicht. Foto: imago/Anadolu Agency

Brinker Ich dagegen finde: Es klingt recht realistisch, wenn man so einen Plan aufstellt. Mir ist es lieber, ich bin vorbereitet und es passiert nichts, als umgekehrt: Es passiert und ich bin unvorbereitet. Aber ich finde es spannend, dass Leute das draußen im Zivilen anders sehen.

Groß Was wir vermeiden wollen, ist, dass wir hilflos sind. Weil eine Hilflosigkeit immer zu einem Trauma führt. Besser ist es, wenn man sich wehren und einem Angreifer etwas entgegensetzen kann.

Aber wie realistisch sind solche Szenarien? Ist die Bedrohung mehr als theoretisch?

Groß Ich hoffe, dass sie nur theoretisch ist. Auch wenn in der Politik immer davon gesprochen wird, dass Wladimir Putin 2029 in der Lage ist, uns anzugreifen, und dass er dafür aufrüstet. Ob er das wirklich tut, das kann keiner sagen. Aber dass er die Ukraine angreift, daran hat ja auch keiner geglaubt. Und zumindest sieht Putin jetzt: Er rüstet auf, wir rüsten auch auf. Und wenn er sich schon an der Ukraine die Zähne ausgebissen hat, werden wir es ihm nicht leichter machen, weil zumindest die europäischen Partner da sehr geschlossen und ausnahmsweise mal Seite an Seite stehen.

Halten Sie einen Angriff auf Deutschland für denkbar?

Groß Putin hat sicher nicht vor, Deutschland direkt anzugreifen. Aber er könnte vorhaben, Polen anzugreifen, weil er ja dieses große Zarenreich zurückhaben will. Und wenn er Polen angreift, ist das wie ein Angriff auf Deutschland. Dann sind wir im Krieg. 

Und in dieser Situation sollen sich junge Leute für die Bundeswehr entscheiden?

Groß Ja. Denn wenn solche Kriege nach Deutschland kommen, ist man besser Soldat als Zivilist.

Wie meinen Sie das?

Groß Ich sehe das so: Ich will mich lieber wehren, als Opfer zu sein. Wenn man etwas tun kann, hat man wenigstens noch das Zepter in der Hand und muss nicht dastehen und sagen: „Jetzt macht, was ihr wollt.“

Sie haben erwähnt, dass Sie zwei Kinder haben. Machen Sie sich Sorgen um deren Zukunft?

Groß Ich hoffe, dass meine Kinder genauso im Frieden groß werden können wie ich. Aber die Entwicklungen auf der Welt geben schon Anlass zur Sorge. Wir hatten so lange so viel Frieden, und jetzt kommt es mir vor, als ob wie im Zeitraffer plötzlich alles immer schlimmer wird.

Und Ihr Fazit daraus ist, dass wir vorbereitet sein müssen.

Groß Ja, wir müssen ein starker Gegner für alle Aggressoren sein. Wir müssen dafür sorgen, dass sie die Lust daran verlieren, uns anzugreifen – weil sie wissen, dass sie gegen uns nicht so leicht gewinnen können.

Ein wehrloses Lamm zu sein, ist Ihr Ding nicht.

Groß Nein, das wird einen Putin nicht beeindrucken.

Interview Susanne Haverkamp

Zur Person

Daniel Brinker (52) ist Priester des Bistums Osnabrück und seit September 2025 Militärpfarrer und Leiter des katholischen Militärpfarramts in Leer mit den Standorten in Lorup, Nordhorn, Quakenbrück, Ramsloh, Weener und Westerstede. Zuvor war er an verschiedenen Stellen in der Pfarrseelsorge tätig.

Zur Person

Oberstarzt Masha-Christine Groß (52) stammt aus dem Saarland. Nach ihrem Abitur trat sie in die Bundeswehr ein, studierte Medizin und arbeitete in Bundeswehr-Krankenhäusern und als Truppenärztin, bevor sie in Führungsverwendungen wechselte. Fünfmal war sie in Auslandseinsätzen: zweimal in Afghanistan, zweimal in Mali, einmal im Irak.

Seit 2025 ist Groß Kommandeurin der Schnellen Einsatzkräfte Sanitätsdienst „Ostfriesland“ in Leer. Hier ist sie für etwa 800 Soldatinnen und Soldaten verantwortlich. Sie ist mit einem Bundeswehr-Arzt verheiratet und hat zwei Kinder.