Ein Jahr im Amt: Leo Leo XIV.

Wie konservativ ist der Papst?

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Papst Leo in Afrika
Nachweis

Foto: kna/Vatican Media/Romano Siciliani

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Papst Leo bei der Messe in Kilamba, einem Stadtteil der angolanischen Hauptstadt Luanda. 

Ein Jahr ist Leo jetzt im Amt, und noch immer wissen viele Katholiken in Deutschland nicht, wie sie ihn einordnen sollen. Einerseits geht er auf die Traditionalisten zu, andererseits hält er sich mit Kritik an den Reformern zurück.

Zu den Beschimpfungen, die US-Präsident Donald Trump gegen Papst Leo XIV. zum Besten gab, gehörte der Vorwurf, Leo sei „eine sehr liberale Person“. So bezeichnet Trump Leute, die politisch links von ihm stehen und in Bezug auf Migranten und andere Minderheiten mehr für Toleranz sind und weniger für Ausgrenzung. Ob der so gescholtene Papst aber im innerkirchlichen Richtungsstreit als ein Liberaler oder doch eher als ein Konservativer gelten muss, ist eine Frage, die im ersten Jahr des Pontifikats von Katholiken noch immer gestellt wird.

Schon als er nach seiner Wahl am 8. Mai 2025 mit der purpurroten Mozzetta in die Öffentlichkeit trat, gewann Leo XIV. die Herzen vieler Traditionalisten. Während Franziskus gleich zu Beginn seines Pontifikats durch Gesten und Kleidung klarmachte, dass er sich über manche traditionellen Vorgaben für das Papstamt hinwegsetzen wollte, sandte der US-Amerikaner eine andere Botschaft: Tradition ist wichtig, auch und gerade in Stilfragen.

Bei der ersten Begegnung mit führenden Mitarbeitern der Kurie legte er noch eins drauf und sagte Sätze, die konservative Herzen höherschlagen ließen: „Die Päpste kommen und gehen, die Kurie bleibt. Das gilt für jede Teilkirche, für die Bischofskurie. Und das gilt auch für die Kurie des Bischofs von Rom.“

Der Papst ergänzte: „Die Kurie ist die Institution, die das historische Gedächtnis einer Kirche, des Dienstes ihrer Bischöfe, bewahrt und weitergibt. Das ist sehr wichtig. (...) Ohne Erinnerung geht der Weg verloren, er verliert seine Richtung.“

Der Papst will zwischen den Lagern in der Kirche vermitteln

Weitere Signale folgten. Leo hält wenig von „modernen Experimenten“ im Gottesdienst und nimmt die Anziehungskraft ernst, die von der alten Messliturgie auch auf manche junge Menschen ausstrahlt. Im Juli erklärte er in einem Interview: „Ich denke, dass manchmal der sogenannte Missbrauch der Liturgie, wie wir ihn bei der Messform nach dem Zweiten Vatikanum beobachten, für Menschen, die eine tiefere Erfahrung des Gebets und der Verbindung mit dem Geheimnis des Glaubens suchten, nicht hilfreich war. Diese Erfahrung scheinen sie in der Feier der Tridentinischen Messe zu finden.“

Leo will Brücken zwischen den innerkirchlichen Lagern bauen. Das mitunter harsche Vorgehen seines Vorgängers Franziskus gegen die ganz Konservativen will er vermeiden. Wie konservativ er selbst ist, kann daraus noch nicht sicher abgeleitet werden.

Das gilt auch für die alte lateinische Messe am 25. Oktober, die der sehr konservative Kardinal Raymond Burke vor Tausenden begeisterten Traditionalisten im Petersdom feierte: Der Papst ließ es zu, äußerte sich aber nicht weiter dazu.

Geschwiegen hat er bislang auch zur Ankündigung der Piusbruderschaft, sie werde am 1. Juli abermals eigene Bischöfe weihen – zur Not auch ohne Genehmigung des Papstes. Damit könnte ein erneuter Bruch mit dieser ultrakonservativen Gruppe drohen – falls nicht der Papst (oder ein Kardinal in seinem Auftrag) in letzter Minute noch einen Kompromiss findet.

Auf der anderen Seite des kirchlichen Spektrums hält sich der Papst ebenfalls meist bedeckt. Die fortschrittlichen Reformforderungen des Synodalen Wegs in Deutschland hat er bislang nicht mit beißender Kritik bedacht, wie dies sein Vorgänger Franziskus tat. Der sagte einst mit Blick auf die deutschen Reformideen, es gebe bereits „eine sehr gute protestantische Kirche in Deutschland“, eine zweite brauche man nicht.

Leo äußert sich behutsamer. Er mahnte die Reformkräfte in Deutschland, Rom werde darauf achten, dass die kirchliche Einheit gewahrt bleibe. Manche in Deutschland werteten die jüngste Ernennung des konservativen niederländischen Vatikan-Diplomaten Hubertus van Megen zum neuen Papst-Botschafter in Berlin als einen Schritt in diese Richtung: Er werde als eine Art Aufpasser nach Deutschland entsandt, um die Kirche dort an die kurze Leine zu nehmen, vermuteten sie. Allerdings war auch der bisherige Nuntius, Erzbischof Nikola Eterovic, klar konservativ, so dass van Megens Ernennung jedenfalls keinen Kurswechsel bedeutet.

Dass er Veränderungen in der kirchlichen Lehre zur Frauenweihe oder in Bezug auf die Sexualmoral „nicht in absehbarer Zeit“ erwartet, hat der Papst ebenfalls in dem bislang einzigen Interview seines Pontifikats zu Protokoll gegeben. Das klingt nicht ultrakonservativ, aber auch nicht unbedingt so, als wolle er Reformen aktiv vorantreiben.

Zugleich verteidigt Leo die unter seinem Vorgänger Franziskus gemachten Reformschritte: Er hat weitere Frauen in vatikanische Spitzenämter eingesetzt, zuletzt auch im wichtigen Wirtschaftssekretariat des Heiligen Stuhls. Und das von Franziskus genehmigte Zugehen der Kirche auf wiederverheiratete Geschiedene und Menschen in „irregulären“ Beziehungen hat er auf die Tagesordnung eines Treffens gesetzt, das es in dieser Form bislang nur selten gab: Er will im Oktober mit den Vorsitzenden aller nationalen Bischofskonferenzen darüber diskutieren, wie es mit dieser offenen Haltung in der Seelsorge weitergehen soll. Bisher spricht nichts dafür, dass er diese Öffnung zurücknehmen will. 

Ludwig Ring-Eifel

Zur Sache

Mitte April ist Papst Leo zu einer elftägigen Reise durch Afrika aufgebrochen. Er besuchte Algerien, Kamerun, Angola und Äquatorialguinea. In Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns, feierte er eine Messe mit rund einer halben Million Menschen. In Angola plädierte der Papst eindringlich für ein pluralistisches Gesellschaftsmodell: „Fürchten Sie sich nicht vor Meinungsverschiedenheiten. Seien Sie in der Lage, Konflikte zu bewältigen und sie in Wege der Erneuerung zu verwandeln. Stellen Sie das Gemeinwohl über das Partikularinteresse und verwechseln Sie niemals Ihren Teil mit dem Ganzen.“