Homosexualität in der Kirche
Mehr sprechen über die Liebe in ihrer Vielfalt
Sven Diephaus ist katholischer Jugendreferent in Haselünne – und das sehr gern. Dass er homosexuell ist, spielt dabei meist keine große Rolle. Trotzdem wünscht er sich von der Kirche mehr Ehrlichkeit und Akzeptanz bei diesem Thema.

Sven Diephaus liebt seinen Job in der Pfarreiengemeinschaft Haselünne-Lehrte. Wobei „Job“ eigentlich das falsche Wort ist. Der 40-Jährige empfindet die Arbeit als Jugendreferent im Gemeindedienst vielmehr als seine Berufung. Wenn er mit Kindern und Jugendlichen im offenen Jugendtreff klönt, wenn er mit 90 Mädchen und Jungen in der Pfarrheimküche Hunderte Kekse backt, wenn er sie auf die Firmung vorbereitet oder mit ihnen ins Zeltlager fährt, dann spürt man schnell: Hier „brennt“ jemand für seine Arbeit in der katholischen Kirche.
Und doch gibt es Momente, in denen Diephaus von seiner Kirche enttäuscht ist und sich zutiefst verletzt fühlt. Wie in diesem Frühjahr, als die römische Glaubenskongregation „Nein“ zur Segnung homosexueller Partnerschaften sagt. „Das war so, als hätte man mir mit voller Wucht in den Bauch geschlagen“, erzählt er. Seinen Glauben an Gott stellt das nicht infrage, aber zwei Tage lang ringt er mit dem Schreiben und mit sich: Ist das noch meine Kirche? Will ich dafür weiter arbeiten? Und dann entscheidet er sich zu bleiben. „Ich mach das ja nicht für Rom“, sagt er klipp und klar. „Sondern für die Leute hier in Haselünne. Und darauf habe ich immer noch Lust.“
Auch wenn ihn der Brief sichtlich sauer macht, ansonsten geht Diephaus eher entspannt mit dem Thema Homosexualität um. Selbstverständlich läuft er mit seinem Partner zusammen durch Haselünne und geht mit ihm essen, einkaufen, feiern. Aber dass er schwul ist, trägt er nicht wie ein Schild vor sich her. Warum auch sollte er sich immer gleich mit dem Zusatz „und übrigens: Ich bin schwul“ vorstellen? „Dann sollen Heterosexuelle das gefälligst auch machen.“
Erstens sieht er seine sexuelle Orientierung als reine Privatsache an und zweitens findet er es wichtiger, „in Haselünne und Lehrte einen guten Job zu machen“. Die Reaktionen geben ihm recht. Wenn er doch mal auf das Thema angesprochen wird, was seltener passiert als man annimmt, „sag ich einfach Ja und dann passt das“. In der Pfarreiengemeinschaft erlebt er kaum Zurückweisungen, eher sogar positive Rückmeldungen. Manchmal kommen Jugendliche auf ihn zu und fragen aus Neugierde unverblümt nach. Er antwortet genauso direkt. „Sie wollen es einfach nur wissen und dann ist alles gut.“
Er weiß natürlich, dass nicht alle Homosexuellen auf so entspannte Reaktionen stoßen – gerade im Berufsfeld Kirche. Dass andere Kolleginnen und Kollegen ihre sexuelle Identität verleugnen müssen, an der Ablehnung leiden und sogar krank daran werden, macht ihn wütend. Aber bisher hat er sich persönlich kaum wirklich ausgegrenzt oder diskriminiert gefühlt. Der 40-Jährige führt das auf meist positive Erfahrungen im Familien-, Freundes- und Kollegenkreis zurück. Und darauf, dass er schon Mitte 20 war, als ihm seine sexuelle Orientierung „so richtig klar“ wurde. „Dafür habe ich ein bisschen gebraucht, aber dadurch war ich in meiner Persönlichkeit schon gefestigter.“
Alle Menschen sollen selbstverständlich willkommen sein
Sven Diephaus ist in Twistringen aufgewachsen. Als er dort nach der Schule zuerst eine Ausbildung zum Industriekaufmann durchläuft, gibt es für den jungen Erwachsenen schon mal eine Phase, wo er sich fragt, „ob ich vielleicht anders bin“. Aber er schiebt den Gedanken weit von sich und begräbt ihn tief im Innern. Auch, weil ihm seine katholische Sozialisation weismachen will, „dass es doch nicht richtig sein kann“, von der heterosexuellen Norm, die Kirche und Gesellschaft immer noch vorgeben, abzuweichen. Erst mitten im Studium des Sozialmanagements gibt es ganz unspektakulär einen Punkt, in dem er sich selber eingesteht: „Du bist schwul und das ist gut so.“
Seine Freundinnen und Freunde, seine Cousinen und Cousins sind die Ersten, denen er davon erzählt. Ihre Antworten? Ein freundliches „Na und?“ Auch seine Mutter steht voll und ganz hinter ihm. Dass sie „vielleicht nicht ganz so hundertprozentig damit glücklich“ ist, kann er sogar verstehen. Er sieht es eher als ihre Sorge um ihn an, wie sein Leben und seine Partnerschaft gelingen können. Und er kann nachvollziehen, wenn gelegentlich andere Leute auf sein Eingeständnis zunächst etwas zurückhaltend und unsicher reagieren, gerade in der Kirche. „Das sprengt ja bei vielen das klassische Mann-Frau-Bild im Kopf.“
Was wünscht er sich denn nun von der Kirche? Eine einfache Antwort gibt es darauf für ihn nicht. „Ich wünsche mir zuerst mal, dass wir offen über unser Grundverständnis von Liebe in aller Vielfalt sprechen.“ Und dass nicht nur die pastoralen Teams vor Ort selbstverständlich alle Menschen willkommen heißen: ob sie nun hetero, schwul, lesbisch, bisexuell, intersexuell oder transgender sind. „Hauptsache, sie sind da und sie sind Kinder Gottes.“ Das passiert nach seiner Kenntnis schon an ganz vielen Stellen.
Er wünscht sich dieses Signal aber mehr noch von der offiziellen Kirche „da oben“. Das Signal, „dass eben auch diese Liebe und diese Partnerschaften es verdienen, anerkannt und gesegnet zu werden. Warum dürfen wir nicht um diesen Segen bitten? Das machen wir doch für alles Mögliche andere auch.“
Abgesehen von solchen öffentlichen Ritualen sind für Sven Diephaus aber zugleich die Haltung und das personelle Angebot in den Gemeinden wichtig. Denn die Akzeptanz und Toleranz für gleichgeschlechtliche Partnerschaften und vielfältige sexuelle Identität wird seiner Ansicht nach vor allem „von unten“ weiterwachsen. „Wir müssen da vor Ort die richtigen Zeichen setzen und Raum geben für Gespräche, für eine offene Atmosphäre, für Ehrlichkeit, für unbequeme Themen. Und wir müssen zeigen, dass wir uns als Kirche kritisch mit unserem Bild von Sexualität auseinandersetzen.“
Der Haselünner Jugendreferent sieht dabei noch viel Arbeit. „Wir sind auf dem Weg. Ob wir die Hälfte schon geschafft haben, weiß ich nicht. Da müssen wir sicher noch einige Berge hoch und runter.“
Petra Diek-Münchow
Sven Diephaus gehört jetzt auch dem Arbeitskreis „kreuz und queer“ im Bistum an. Der Arbeitskreis unterstützt Menschen unterschiedlicher sexueller Identität dabei, ihren Platz in der Kirche zu finden. Er ist eine Anlaufstelle für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle und queere Menschen und deren Angehörige, sowie für alle Menschen, die mehr über die Vielfalt sexueller Identität erfahren wollen.