Prävention bei Ferienfreizeiten
Mit einem sicheren Gefühl ins Zeltlager
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Spaß haben, neue Freunde finden: Zeltlager können Kindern eine unvergessliche Zeit schenken.
Die Ferien stehen an, und bei vielen Kindern steigt die Vorfreude auf das anstehende Sommerlager – darauf, Marshmallows über dem offenen Feuer zu rösten, Abenteuerspiele zu machen und neue Freunde zu finden. Viele Jahrzehnte lang haben tausende junge Leute bei katholischen Ferienfreizeiten die positive Seite von kirchlichem Leben kennengelernt – Gemeinschaft und Wertschätzung als Mensch ohne Leistungsdruck. Doch. Aber. Viele Kinder und Jugendliche haben im Sommerlager auch schlimme Erfahrungen gemacht – von anzüglichen Sprüchen bis hin zu sexueller Gewalt. Eine gute Gemeinschaft kann auch Schlechtes bewirken – Taten und Täter schützen. Dies zeigt unter anderem das Forschungsprojekt „Aufarbeitung sexualisierter und spiritueller Gewalt in der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG)“. Seit Ende 2023 hat ein Forschungsteam der Philipps-Universität Marburg (UMR) und der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) die Hintergründe sexualisierter und spiritueller Gewalt in der DPSG seit 1929 untersucht.
Rituale müssen hinterfragt werden
Das Ergebnis der Studie in diesem Februar war ein Schock. Bei der Veröffentlichung erklärte Sabine Maschke, Professorin für Erziehungswissenschaften und Studienleiterin: „Das Problem sexualisierter Gewalt reicht tief in die verbandlichen Strukturen der DPSG hinein. Gemeinschaft, Macht, Nähe und ein spiritueller Überbau öffnen den Raum für sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen.“ Das Forschungsteam betont, dass Rituale, Traditionen, die Überhöhung der Gemeinschaft sowie Macht- und Nähe-Distanz-Verhältnisse intensiver hinterfragt werden müssen. Täter waren häufig gleichaltrige Mitglieder der Gruppe oder Leitende. Die festen Hierarchien der DPSG ließen Machtgefälle klar erkennen. Autorität könne leicht ausgespielt werden, um Taten zu decken, heißt es in der Studie.
Samuel Katzenbach, Referent beim Arbeitskreis Prävention der DPSG im Bistum Limburg, begrüßt diese klaren Worte. „Ich hoffe, dass die Dringlichkeit des Themas jetzt auch beim letzten Stamm angekommen ist. Ein gutes Lager lebt von Nähe, Vertrauen und Gemeinschaft, aber diese positiven Erfahrungen brauchen sichere Rahmenbedingungen. Die Studie bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, und spornt uns an, noch genauer hinzuschauen“, sagt er. Seit zehn Jahren beschäftigt sich der Diözesanverband mit dem Thema Prävention vor sexualisierter Gewalt. Der dafür gegründete Arbeitskreis unterstützt etwa Stämme dabei, eigene Schutzkonzepte zu entwickeln, und bietet Präventionsschulungen an. Seit 2018 gibt es das Angebot der roten Jute bei Diözesanlagern. Dort halten sich geschulte Ansprechpersonen bereit. An sie können sich Kinder, Jugendliche und Leitende wenden, wenn sie sich unwohl fühlen, spüren, dass ihre Grenzen verletzt, sie unangenehm berührt wurden, oder wenn sie auch einfach Heimweh haben. Heute heißt dieser Ort „Schutzhütte“.
Alle, die sich im Diözesanverband engagieren, müssen eine Präventionsschulung absolvieren und ein aktuelles Führungszeugnis vorlegen. Darüber hinaus gelten ein Schutzkonzept, Verhaltenskodizes und klare Verfahrenswege, wenn Grenzen überschritten wurden. Katzenbach ist klar, dass Regeln alleine keine Kinder schützen. „Ein Schutzkonzept ist wichtig, weil es Orientierung gibt“, sagt er. „Es braucht aber Menschen, die hinschauen, ansprechbar sind, sich zuständig fühlen und bereit sind, auch unangenehme Situationen klar zu benennen.“ Leitende sollen Kindern und Jugendlichen das Gefühl geben, dass sie ernst genommen werden. „Wenn jemand sagt, dass eine Grenze überschritten wurde, sollte das nicht mit ‚Stell dich nicht so an‘ abgetan werden.“
Pflocken und Kleiderkette sind tabu
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Die Verantwortlichen der DPSG in Limburg sehen, dass sie weiter am Schutz der Kinder und Jugendlichen arbeiten müssen. Noch genauer hinschauen möchten sie jetzt etwa bei der Auswahl der Zeltplätze. Gibt es geschlechtergetrennte Toiletten und Sanitärbereiche für Leitende? Auch Rituale müssten regelmäßig hinterfragt werden, erklärt Katzenbach. „Eigentlich sind Rituale und Traditionen sehr sinnvoll, sie geben Sicherheit und Struktur, die es im Leben und auch im Lageralltag braucht. Doch Spiele und Traditionen, die früher für manche lustig waren, sind heute nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen unser Verhalten hinterfragen und uns überlegen, wofür es gut ist“, sagt er. Der Referent nennt als Beispiel das Pflocken, das als Übergangsritual galt und eigentlich seit vielen Jahren nicht mehr üblich sein sollte. Dabei wird ein Kind an einen Pfahl gebunden und andere treiben ein Spiel mit ihm, malen es an oder stecken Süßigkeiten in seinen Mund. Auch die Kleiderkette, bei der Teilnehmende möglichst viele Klamottenstücke ausziehen müssen, um zu gewinnen, sollte heute nicht mehr gespielt werden.
Zu Beginn der Sommerferien findet im Bistum Limburg ein Diözesanlager mit etwa 600 Teilnehmenden statt. Katzenbach wünscht sich, dass die Pfadfinderinnen und Pfadfinder dort positive Erfahrungen machen, „am Lagerfeuer sitzen, draußen unterwegs sind und merken: ‚Ich bin Teil einer Gruppe, ich werde gesehen, ich kann mitgestalten‘“.
Die Ortsgruppen der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG) im Bistum Mainz bieten diesen Sommer wieder eine Vielzahl an Freizeiten an. Nach eigenen Angaben nehmen jedes Jahr mehr als 3000 Kinder teil. Bildungsreferentin Marie Brantzen ist überzeugt, dass Ferienfreizeiten Kindern eigentlich eine gute Zeit schenken. „Zeltlager und Jugendfreizeiten sollen für Kinder und Jugendliche vor allem positive Gemeinschaftserfahrungen sein. Viele erleben dort zum ersten Mal, wie wichtig ihre eigene Meinung ist und dass sie mitentscheiden können. Darüber hinaus bieten Zeltlager die Möglichkeit, Freundschaften zu schließen, Neues auszuprobieren und Selbstvertrauen zu entwickeln. Die gemeinsame Zeit soll geprägt sein von Respekt, Spaß, Mitbestimmung und einem sicheren Miteinander“, sagt sie.
Doch die KJG ist sich sehr bewusst, dass es für dieses Miteinander Regeln braucht. Unter anderem ist wichtig, dass keiner zu Angeboten und Spielen gedrängt werden darf. Eltern, Kinder und Betreuende müssten die Beschwerdewege kennen. Ein Schutzkonzept sei wichtig, da es Verbindlichkeit schaffe. Alle Beteiligten sollten auch vor allem eins werden: handlungssicher. Doch im Alltag seien eine „offene Haltung, regelmäßige Reflexion und eine gute Fehlerkultur“ zusätzlich wichtig. Schließlich wünscht sich Brantzen, dass bei Ferienlagern Räume entstehen, „in denen Vielfalt akzeptiert wird und Kinder sich unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Persönlichkeit willkommen fühlen können“.
"Meine Grenzen sind wichtiger als jedes Ritual"
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Seit Ende 2023 hat ein Forschungsteam der Philipps-Universität Marburg (UMR) und der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) das Vorkommen, die Hintergründe sexualisierter und spiritueller Gewalt sowie den strukturellen Umgang damit in der DPSG seit 1929 untersucht. Die Leitung des Forschungsprojekts lag bei Ludwig Stecher, Professor für Empirische Bildungsforschung (JLU), und Sabine Maschke, Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft (UMR). Sie erklärt, was alle dazu beitragen können, dass Sommerfreizeiten zu sicheren Orten werden.
Warum sind gemeinsame Fahrten besonders riskant hinsichtlich grenzüberschreitenden Verhaltens?
Fahrten und Lager sind deshalb risikoreich, weil sie in sich geschlossene soziale Räume schaffen. Leitende haben dort besondere Autorität, Kinder und Jugendliche sind stärker auf die Gruppe angewiesen und Zugehörigkeit wird besonders bedeutsam. In solchen Situationen können Grenzüberschreitungen leichter als Teil der Gemeinschaft, einer Tradition oder eines Rituals verstanden und deshalb seltener hinterfragt werden.
Welche Punkte sind hinsichtlich der Prävention bei gemeinsamen Fahrten besonders zu beachten?
Prävention gelingt dort, wo Macht reflektiert wird, Beschwerden willkommen sind und Kinder und Jugendliche erfahren: Meine Grenzen sind wichtiger als jedes Ritual und jede Form von Zugehörigkeit. Das beginnt bei scheinbar kleinen Fragen: Darf ein Kind beziehungsweise Jugendlicher sich einer nächtlichen Aktion entziehen, ohne Nachteile fürchten zu müssen? Gibt es mehrere Ansprechpersonen? Werden Grenzverletzungen ernst genommen?
Warum können Rituale und Traditionen problematisch werden? Gibt es gute Alternativen?
Rituale und Traditionen werden problematisch, wenn sie nicht mehr hinterfragt werden dürfen und Zugehörigkeit davon abhängt, mitzumachen. Unsere Studie zeigt, dass insbesondere Aufnahme-, Übergangs- oder Bestrafungsrituale Risiken bergen, wenn sie Angst, Beschämung, Gruppendruck oder Grenzüberschreitungen beinhalten. Gute Rituale schaffen Gemeinschaft, ohne Unterordnung zu verlangen, und achten die Würde und Freiwilligkeit aller Beteiligten.
Was bringen institutionelle Schutzkonzepte?
Schutzkonzepte können das Risiko sexualisierter Gewalt deutlich verringern. Dazu gehören etwa klare Verhaltensregeln, geschulte Ansprechpersonen, transparente Meldewege, verbindliche Interventionsverfahren und regelmäßige Präventionsschulungen. Sie können aber keine absolute Sicherheit garantieren. Wirksam werden sie erst dann, wenn sie von einer Kultur der Aufmerksamkeit, Reflexion und des Hinsehens getragen werden.
Worauf sollten Eltern achten?
Eltern müssen keine Experten oder Expertinnen für Schutzkonzepte sein. Aber sie können vier einfache Fragen stellen: Darf mein Kind bei Aktivitäten Nein sagen, ohne ausgelacht oder ausgeschlossen zu werden? Weiß es, an wen es sich außerhalb der eigenen Gruppe wenden kann? Sind Regeln und Rituale transparent oder gibt es geheime Traditionen? Und wie reagiert die Gruppe auf Kritik oder Beschwerden? Die Antworten auf diese Fragen sagen oft mehr über den Schutz eines Kindes aus als das Vertrauen in einzelne Personen.
Wann sollten sie besonders hellhörig werden?
Besonders aufmerksam muss man dort sein, wo pädagogische und spirituelle Autorität – wie in der DPSG – zusammenkommen. Wenn Leitende nicht nur als Verantwortliche, sondern auch als moralische oder spirituelle Vorbilder wahrgenommen werden, kann es für Kinder und Jugendliche schwerer werden, Grenzen zu setzen, zu widersprechen oder Grenzverletzungen als solche zu erkennen.