Tür an Tür mit dem lieben Gott

So bewegend ist das Leben im Schatten des Kirchturms

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Zwei Menschen stehen auf Balkon, hinter ihnen ragt Kirchturm in blauen Himmel.
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Foto: Elisabeth Friedgen

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Vom Balkon ihres Hauses in Frankfurt-Eckenheim haben Marion und Thomas Hollubetz einen schönen Blick auf den Turm der Herz-Jesu-Kirche. Für beide eine Nachbarschaft mit Mehrwert.

Direkt neben einer Kirche oder einem Dom zu leben und zu arbeiten, ist etwas Besonderes. Wir haben Menschen getroffen, die im Schatten des Doms unterwegs sind. Wie ist es, Nachbar einer Kirche zu sein?

Alle 15 Minuten ist im Garten von Marion und Thomas Hollubetz lautes Geläut zu hören. Es sind die Glocken der benachbarten Herz Jesu-Kirche, die nur durch eine Mauer und das Pfarrhaus vom Grundstück des Ehepaars in Frankfurt-Eckenheim getrennt sind. In dritter Generation bewohnt die Familie das Haus, inzwischen seit über 40 Jahren. „Das Läuten nehmen wir ehrlich gesagt gar nicht mehr wahr. Nur wenn wir mit Besuch auf der Terrasse sitzen, müssen wir manchmal das Gespräch unterbrechen, wenn die Glocke schlägt“, sagt Marion Hollubetz schmunzelnd. Ihrem Hund Diego haben es die Glocken angetan. Oft stimmt er mit einem freudigen Bellen in das Geläut ein. Vielleicht denkt das Tier, dieses Geräusch gehöre zum Menschenleben einfach dazu.

Krämerladen vis-à-vis mit dem Kirchturm

Bei seinen beiden Besitzern ist das tatsächlich so. Denn die Pfarrkirche ist quasi ihr Nachbar. Ein Onkel von Marion Hollubetz hat das Haus um 1890 erbaut, seine Frau betrieb über Jahrzehnte einen Tante-Emma-Laden im Erdgeschoss. So sicherte sie ihren Lebensunterhalt, nachdem ihr Ehemann früh verstorben war. Ihr kleines Geschäft, von dem aus sie immer einen Blick auf die Kirche hatte, war Anlaufstelle für alle im Viertel. Butter, Eier, Milch – und ein Schwätzchen, wenn nicht die Glocken dazwischen bimmelten. Als das Haus gebaut wurde, war die Kirche ebenfalls noch eine Baustelle. 1896 wurde sie fertiggestellt. Heute ist der ehemalige Verkaufsraum der Tante im Nachbarhaus die Küche von Ehepaar Hollubetz. Kochen mit Blick auf den Kirchturm, das war hier immer so.

Marion Hollubetz (65) ist eine Querstraße weiter aufgewachsen und hat als Kind oft die Tante und ihre Oma, die im ersten Stock wohnte, besucht. Später verstarb die Tante, und als Marion Hollubetz nach dem Abitur eine Ausbildung zur Physiotherapeutin machte, zog sie zur Großmutter und nutzte das Erdgeschoss. Die Kirche Herz Jesu kannte sie schon ein wenig, obwohl sie sie selten betreten hatte. Denn Marion Hollubetz war damals noch evangelisch. „Ich habe die Jugendlichen damals aber schon um ihre lebendige Jugendarbeit dort beneidet“, erinnert sie sich.

Während der Ausbildung lernte sie ihren späteren Ehemann Thomas kennen. Als das junge Paar zusammenziehen wollte, zog die Großmutter zu ihrer Tochter, sodass die beiden sich im Haus einrichten konnten. 1989 waren Renovierung und Umbauten fertig, bald kamen die Kinder. Thomas Hollubetz eröffnete im nahen Königstein am Taunus eine gynäkologische Praxis, über 30 Jahre unterstützte seine Frau ihn dort im Praxisteam. Inzwischen waren die Herz-Jesu-Kirche und alles, was zum Gemeindeleben dazugehörte, für Marion und Thomas Hollubetz zur Nachbarschaft geworden: die katholische Kita am anderen Ende des Gartens, die ihre Kinder besuchten.

Ein drittes Kind geschenkt

Der damalige Pfarrer Erich Väth, der den Sohn und die Tochter taufte. Die anderen Familien, mit denen sie einen Familienkreis gründeten, den Noah-Kreis, der bis heute besteht. Irgendwann war Marion Hollubetz auch im Pfarrgemeinderat, trug den Pfarrbrief aus und hilft mit ihrem Mann bis heute, wenn der Aufbau des Gemeindefests ansteht. „Es ist eben praktisch, wenn man so nah wohnt“, sagt Thomas Hollubetz (68).

Das Gebäude, das zufällig neben dem eigenen Garten steht, einfach Stein auf Stein und doch viel mehr, wurde immer mehr mit dem eigenen Leben verwoben. Es gibt so manche Begebenheit, die dem Ehepaar Hollubetz dazu einfällt. Eine traurige, als Pfarrer Matthias Kloft 2024 ganz plötzlich im Schlaf verstarb. Thomas Hollubetz, der den Schlüssel zum Blumengießen hatte, machte die traurige Entdeckung. „Das war auch schwer für uns, weil er eben nicht nur der Pfarrer, sondern auch unser Nachbar war“, sagt seine Frau. „Wir haben an der Mauer von beiden Seiten im Sommer Leitern aufgestellt und dann so kommuniziert. Im Sommer haben wir ihm die Blumen gegossen, wenn er verreist war“, sagt Marion Hollubetz. Bis heute macht sie der Verlust traurig.

„Das war auch schwer für uns, weil er eben nicht nur der Pfarrer, sondern auch unser Nachbar war.“

Manchmal führt so ein Kirchturm auch Menschen zusammen. So freundete sich die Tochter der Hollubetz’ in der nahen Kita der Pfarrei mit einem kleinen Mädchen an, das aus Afrika stammte. Es stellte sich heraus, dass sie ohne Familie gekommen war und es keine Betreuung für sie gab. So kam es schlussendlich dazu, dass Marion und Thomas Hollubetz das Mädchen adoptierten. Auch wenn diese Aufgabe mitunter herausfordernd gewesen sei, sind alle „sehr glücklich“ mit dieser Fügung, die dem Ehepaar unverhofft ein drittes Kind geschenkt hat. Die Adoptivtochter ist heute eine junge Frau, die ihren Weg geht. Sie hat eine eigene Familie gegründet und ist wie ihre beiden Geschwister gern im Heimathafen neben dem Kirchturm zu Besuch.

Irgendwann gestand Marion Hollubetz der Pfarrerin ihrer evangelischen Gemeinde, dass sie konvertieren wollte, „weil ich in Herz-Jesu ja sowieso schon überall engagiert und zu Hause war“, berichtet sie. „Die Pfarrerin war zum Glück sehr verständnisvoll und hat mich ziehen lassen.“ Der evangelischen Gemeinde blieb sie freundschaftlich verbunden. Marion und Thomas Hollubetz sind froh, dass alles so gekommen ist in ihrem Leben als Kirchnachbarn. Für sie ist „Herz Jesu“ nicht irgendein Gebäude, sondern ein Nachbar mit einer guten Aura. Glockenmusik mit Hundegebell inklusive.

Eine Minute vom Büro in den Dom

Ortswechsel nach Mainz. Am späten Abend wird es im Sommer langsam ruhiger im trubeligen Zentrum der Bischofsstadt. Touristinnen und Touristen haben scharenweise den direkt angrenzenden Dom St. Martin von innen und außen bewundert, das geschäftige Treiben rund um Läden und Cafés ebbt allmählich ab. Dann tritt auf der Westseite des Doms, am Liebfrauenplatz, häufig eine blonde Frau aus einem der angrenzenden Geschäfts- und Bürogebäude.

Frau hält Griff schwerer Kirchentür und schaut lächeln in die Kamera. Sie trägt ein weißes Shirt und hat graue Haare.
Stille und Schönheit mag Zvjezdana Cordier am Mainzer Dom, neben dem sie arbeitet. Foto: Anja Welfen.

Es ist Zvjezdana Cordier – seit mehr als 20 Jahren befindet sich ihr Büro am Liebfrauenplatz, einen Steinwurf vom Dom entfernt. „Meistens“, gesteht sie, „ist es so normal für mich, neben diesem Gebäude täglich ein- und auszugehen, dass ich es gar nicht mehr richtig wahrnehme. Aber abends, wenn der Dom vor der Kulisse eines ultramarin- bis veilchenblauen Himmels geradezu leuchtet, dann genieße ich den Anblick oft ganz bewusst.“ Außerdem, wenn sie Besuch habe und diesem Mainz zeige, fügt sie noch hinzu. 

„Dann sieht man ihn durch die Augen der anderen und merkt erst wieder, was für eine schöne und beeindruckende Kirche das ist.“

Dass Zvjezdana Cordier (62) Geschichte und historische Gebäude faszinieren, verwundert nicht. Sie ist Geschäftsführerin der Mainzer Gutenberg-Stiftung. Diese fördert in der Heimatstadt des weltberühmten Buchdruckers aus dem 15. Jahrhundert die Bewahrung seines Erbes und arbeitet mit dem angrenzenden Gutenberg-Museum zusammen. Selbst gewohnt hat Zvjezdana Cordier nur einmal kurz am Dom, über einem Café auf der Ostseite am Leichhof-Platz. Ihr Ehemann stammt allerdings aus Mainz und ist in der Dompfarrei aufgewachsen. Heute leben sie 20 Kilometer entfernt in Bingen.

Zvjezdana Cordier ist gebürtige Kroatin und stammt aus der Nähe von Zagreb. Mit sechs Jahren kam sie nach Mainz, wo ihre Eltern Gastarbeitende waren. Sie erinnert sich noch gut an einen ihrer ersten eigenen Besuche im Dom. Es war ihr Einschulungsgottesdienst des Mainzer Rabanus Maurus Gymnasiums, das sie besuchte. Der fand im Dom statt. „Ich weiß noch, dass es mir dort als Kind unfassbar ehrwürdig vorkam“, sagt sie schmunzelnd. „Und dass es damals eine eher schlechte Lautsprecheranlage gab, die im Dom sozusagen einen Kanon erzeugte, wenn das Mikrofon genutzt wurde.“ Damals hätte sie nicht gedacht, dass sie einmal ganz in der Nähe arbeiten würde. „Wirklich nahegebracht hat mir den Dom aber ein Schreiner der Dombauhütte, der mit meinem Mann im Domchor singt“, sagt sie. Durch seine Erklärungen habe sie Bau und Geschichte nochmal ganz anders wahrgenommen.

Kraft aus der Stille

Etwas ganz anderes lernte Zvjezdana Cordier am Dom zu schätzen, als vor zehn und zwölf Jahren ihre Eltern starben: die Stille im Innern. „Ich war sehr in Trauer; der Dom wurde mir damals zu einem Safe Space, zu einem sicheren Rückzugsort. Es hat mir gutgetan, in dieser großen Kirche zu sein.“ Sie konnte einfach da sein, die Gedanken schweifen lassen, „sehr viele Kerzen“ entzünden. „Ich habe nicht jede Minute gebetet, aber diese tiefe Stille genossen.“ Durch ihre Arbeit hat Zvjezdana Cordier viele Kontakte in der Stadt, wird häufig angesprochen. „Im Dom haben mich die Leute aber in Ruhe gelassen.“

Was sie freut: Dass der Inhalt ihrer Arbeit, nämlich die Forschung zu Johannes Gutenbergs Werk, in Mainz ganz oft in einem Atemzug genannt wird mit dem Dom. Für beides ist Mainz berühmt. „Das beliebteste Fotomotiv ist der Dom mit dem Gutenberg-Denkmal auf dem gleichnamigen Platz im Vordergrund“, sagt Cordier. Das verbindet sie mit dem tausendjährigen Gotteshaus. Genauso, wie es ihre täglichen Schritte zur Arbeit tun.

Elisabeth Friedgen

Wo Kirchen stehen

Für Kirchen in Deutschland lassen sich grob zwei Hauptstandorte ausmachen. Ältere Kirchen finden sich meist im Zentrum, wo sie den Mittelpunkt des jeweiligen Standortes bilden. Nicht von ungefähr kommt der Spruch Die Kirche im Dorf lassen, um zu beschreiben, dass man im Gespräch bei den gegebenen Tatsachen bleiben soll. Denn oft orientieren wir uns eben am Kirchturm, wenn wir eine Stadt zuvor noch nie besucht haben. Auf die Kirche, die mitten im Ort steht, kann man sich verlassen. 

Nicht selten liegt, wie beim Mainzer Dom, auch der Marktplatz in unmittelbarer Nähe und die Kirche ist optisch das Zentrum des alltäglichen und wirtschaftlichen Lebens. Die zweite Gruppe von Kirchen sind diejenigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut wurden. Durch den Zuzug vieler Geflüchteter entstanden neue Stadt- und Ortsteile mit neuen Kirchen. Sie sind dann häufig nicht mehr in einem Zentrum, sondern auch in reinen Wohngebieten zu finden.