Ikonenmalen aus Leidenschaft
Österlicher Glanz
Foto: Astrid Fleute

Warm und prächtig. So glänzen die Ikonen im Esszimmer von Familie Engelmann, wenn die Sonne darauf scheint. Es sind die Momente, in denen Susanne Engelmann-Kittel innehält, zur Ruhe kommt. In den Anblick ihrer Ikonen versinkt sie gern. „Der goldene Hintergrund hebt die Bilder aus dem Weltlichen heraus und bringt sie auf eine göttliche Ebene“, erzählt die Twistringerin begeistert.
Etwa 80 Ikonen hat sie bereits gemalt. Sie hängen im Hausflur der Familie, im Wohnzimmer, Esszimmer oder im Schlafzimmer. Vor allem Marienbildnisse aber auch Abbildungen von Heiligen oder Szenen der Bibel sind dort zu sehen. Ihr liebstes Motiv: die stillende Madonna, die Mütterlichkeit ausstrahlt.
Die Ikonenmalerei, die die pensionierte Kunstlehrerin seit 30 Jahren betreibt, ist ein ungewöhnliches Hobby. „Viele Menschen können damit leider nichts mehr anfangen“, sagt sie. Die goldglänzenden Kunstwerke seien eine jahrhundertealte Tradition der orthodoxen Kirchen und hier eine Art Mittler zwischen den Menschen und Gott, erklärt die 75-Jährige: „Eine Ikone ist ein Transportmittel, sie transportiert die Botschaft, die abgebildet ist.“ Sie sagt, durch die Ikonenmalerei habe auch sie einen neuen Zugang zum Glauben erhalten: „Ich setze mich mit den Motiven auseinander, entwickele einen persönlichen Zugang. Was wurde gemalt und wie? Das muss alles einen Sinn ergeben.“
Auf einer Studienreise 1971 nach Moskau haben Susanne Engelmann-Kittel und ihr Mann Theodor zum ersten Mal Ikonen gesehen. In der Kirche eines orthodoxen Klosters hingen unzählige „wunderbare alte“ Ikonen, wie die Katholikin lächelnd erzählt: „Das war sehr beeindruckend und prächtig.“ 20 Jahre später flammt diese Begeisterung bei einem Griechenlandurlaub wieder auf. Dort war für sie klar: „Ich möchte eigene Ikonen malen.“ Sie meint: „Es ist in griechischen Kirchen leichter, den Himmel zu spüren. Durch die Ikonen fühlt man sich geborgen und umschlossen, man ist umgeben von ihrer Schönheit. Das ist sehr emotional.“
Für ein paar Wochen versinkt sie in ihrem Werk

Nach und nach eignet sie sich das Kunsthandwerk an. Alte Bretter aus Schränken oder Bügelbrettern dienen als Unterlage für die ersten Bilder, später kommt Holz aus alten Kirchenbänken der Marhorster Kirche dazu. Die fertigen Werke bestehen aus Holz, Leinen, Kreidegrund, Tonerde, Blattgold und Tempera-Farben. Ehemann Theodor hilft beim Schleifen und Polieren.
Ikonenmalen ist zeitaufwendig. Hat sie ein Motiv ausgewählt, versinkt Susanne Engelmann-Kittel ein paar Wochen in ihrem Werk. Motive, Farben, Formen, Gesichtsausdrücke – alles müsse stimmen, erklärt sie. Denn sie malt, was unzählige Meister bereits vor ihr gemalt haben. Ihre Motive findet sie in Büchern oder direkt in Griechenland. Hier
hat sie vor einigen Jahren auch ihr zweites Hobby entdeckt: Ikonenbilder auf Eiern. Diese Eier, erklärt sie, hingen in orthodoxen Kirchen an Kronleuchtern. „Je prächtiger die Kirche, desto üppiger die Eier.“ Das habe sie fasziniert. Mittlerweile gibt es die bemalten Eier rund um das Osterfest auch bei Familie Engelmann im Wohnzimmer. Egal ob auf Straußeneiern oder Gänseeiern – Susanne Engelmann-Kittel hat vielfältige kleine Kunstwerke geschaffen.
Als Motiv nimmt sie auch hier am liebsten die Mutter Gottes mit dem Kind, diesmal aus ganz praktischen Gründen: „Sie bildet mit dem Kind ein Oval, das füllt das Ei am besten“, erklärt sie mit fachmännischem Blick. Ehemann Theodor ergänzt: „Das ist immer ein schöner Moment. Wenn wir die Eier herausholen, sie im Korb liegen oder im Regal stehen, dann ist Ostern.“