Gespräche über Verstorbene

Über Tote nur Gutes – oder?

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Sarg, Bestattung
Nachweis

Foto: kna/Julia Steinbrecht

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Beerdigungen stecken voller Emotionen. Da kommt es auf jedes einzelne Wort an.

Wie offen kann die Familie eines Verstorbenen im Trauergespräch auch schlechte Seiten benennen? Und wie ehrlich darf es am Grab wirklich zugehen? Diakon Carsten Lehmann sagt: Man sollte der Wahrheit ins Gesicht sehen.

„Mit Verlaub, mein Vater war ein Arschloch!“ Nein, genau so, wie es auf der Einladung zu einer Fortbildung für Männer und Frauen im Beerdigungsdienst steht, hat Diakon Carsten Lehmann den Satz nicht gehört, aber doch so ähnlich. „Ich kam von einem Trauergespräch und wusste nicht, ob ich der Person bei der Feier zur Beisetzung gerecht werden kann, so unsympathisch wurde sie dargestellt.“ Das ist das eine Extrem.

Das andere Extrem ist eine Quasi-Heiligsprechung, frei nach dem alten Motto: Man darf über Tote nichts Schlechtes sagen. „Dann wird man einem Verstorbenen vielleicht auch nicht gerecht und die Trauergemeinde, die dabei ist, weiß das auch“, sagt Lehmann.

Carsten Lehmann
Carsten Lehmann. Foto: privat

Die negativen Seiten von Verstorbenen sind ein heikles Thema – deshalb die Fortbildung vor einiger Zeit. Heikel für diejenigen, die die Feier leiten, aber auch für die Angehörigen. Was soll man sagen bei einem Trauergespräch? Wie soll man es sagen? Der Osnabrücker Diakon kennt die Bedenken. „Das fängt damit an, dass die Leute, zu denen ich zum Trauergespräch komme, oft sehr unsicher sind“, sagt Lehmann. „Sie haben in der Familie einen Todesfall erlebt, das rüttelt sie schon durch. Außerdem kennen die meisten mich nicht und hatten schon lange nichts mehr mit der Kirche zu tun. Sie wissen überhaupt nicht, was auf sie zukommt, wenn ich anklingle.“ Deshalb müsse er erst mal Sicherheit geben, bevor es zu schwierigen Themen kommen kann.

Hinzu kommt, sagt Lehmann, „dass die Leute oft glauben, dass komische Sachen oder Streitigkeiten nur in ihrer Familie vorkommen und sonst nie. Es ist ihnen einfach peinlich, darüber zu sprechen.“ Schließlich hätten manche Sorge, offen zu erzählen, „weil sie ja nicht wissen, was ich in der Trauerfeier daraus mache“.

In relativ kurzer Zeit ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sei deshalb entscheidend. „Ich sage immer sehr klar, dass das hier ein Seelsorgegespräch ist und deshalb vertraulich“, berichtet Lehmann. „Gerade, wenn es um schwierige Seiten von Verstorbenen geht, frage ich immer konkret nach, ob dies oder jenes öffentlich angesprochen werden darf.“ 

Der Diakon hält es für sehr wichtig, ehrlich zu sein – gerade im Angesicht des Todes und gerade für die Familien selbst. „Manchmal spricht einer aus, was schwierig war, und andere nicken ganz erleichtert dazu“, sagt er. Er stört sich auch an dem Satz: „Nicht schlecht über Tote reden“. „Was heißt denn schlecht? Im Nachhinein mit dem Toten abzurechnen, ohne dass er oder sie sich dagegen wehren kann, das wäre schlecht. Aber zu benennen, was eine Person positiv wie negativ ausgemacht hat, das ist nicht schlecht, sondern ehrlich.“ Schließlich gehöre zur Trauer dazu, „der Wahrheit ins Gesicht zu sehen“.

Er spürt, wenn etwas unausgesprochen bleibt

Für Lehmann trägt das auch zum Gelingen der Verabschiedung bei. „Oft reicht es schon, bei der Trauerfeier so etwas zu sagen wie: ‚Sie haben auch schwierige Zeiten in der Familie erlebt …‘, oder ,Ihr Vater konnte auch herausfordernd sein …‘, damit die Leute verstehen, was gemeint ist, und sich ernstgenommen fühlen. Und hinterher auch zufrieden sind, dass das nicht unterging.“

Ganz besonders gilt das, wenn ernste Dinge in einer Familie vorgefallen sind: Alkoholmissbrauch zum Beispiel, Gewalt, Vernachlässigung. Lehmann sagt: „Wenn ich dann immer von ‚unserem lieben Verstorbenen‘ spreche, verletzt das die Hinterbliebenen zusätzlich.“ Umso wichtiger sei es, davon zu wissen, um in der Trauerfeier den richtigen Ton zu treffen. 

Den trifft er als Außenstehender vielleicht sogar besser als Familienmitglieder. „Ich habe einmal erlebt, dass jemand seine Ansprache in der Trauerfeier dazu genutzt hat, mit seiner verstorbenen Mutter abzurechnen“, erzählt Lehmann. „Danach habe ich lange ungern das Heft des Handelns aus der Hand gegeben.“ Inzwischen, sagt er, gehe er wieder entspannter damit um. „Aber wenn die Beziehung schwierig war, bin ich immer noch vorsichtig.“

Und wenn das Schwierige verschwiegen wird? „Ach“, sagt Lehmann, „das spüre ich mittlerweile oft, wenn da noch etwas Unausgesprochenes ist, etwas im Verborgenen liegt.“ Spricht er es an? „Nicht direkt. Aber ich versuche, einen Raum zu eröffnen, dass die Leute sich herauswagen.“ Ermutigen ja, aber nachbohren, „nein, das würde ich nie“. Die Angehörigen hätten das Recht, das unter der Decke zu halten, was sie unter der Decke halten wollen. Nur empfehlen würde er es in den meisten Situationen nicht.

Susanne Haverkamp