Zum neuen Jahr
Segen berührt
Foto: privat
Pastor Friedemann Keller segnet ein Brautpaar.
Herr Pastor Keller, was bedeutet Segen überhaupt?
Segen leitet sich aus dem Lateinischen signum (Zeichen) ab und heißt, dass man Anteil bekommt an der Kraft oder am Wohlwollen Gottes. Es gibt noch ein anderes, eher katholisch geprägtes Wort, benedictio, das noch deutlicher macht, worum es geht. Es setzt sich aus den Wörtern „bene“ (gut) und „dicere“ (sprechen) zusammen. Wörtlich: „gut sprechen“ oder „wohlwollende Rede“. Man gibt also jemandem ein gutes Wort mit und stärkt ihn in dem Sinne: Ich stehe hinter dir. Ich mag dich. Du schaffst das. Ich vertraue dir.
Kommt Segen auch in anderen Religionen vor?
Ja. Im Judentum zum Beispiel spielt er eine zentrale Rolle. Bracha, das hebräische Wort für Segen, taucht schon in der biblischen Schöpfungsgeschichte auf, wo Gott die von ihm geschaffenen Lebewesen, Mensch und Tier, segnet. Auch beim Schabbat-Gebet, am wöchentlichen Ruhetag der Juden, gibt es mehrere Segenssprüche.
Segen gibt es seit tausenden von Jahren, und er hat nichts an Beliebtheit verloren ...
Ganz im Gegenteil. Nach Erfahrungen bei Fernsehgottesdiensten darf alles gekürzt werden, nur der Segen darf nicht fehlen. Ansonsten können sich die Sender vor Beschwerden nicht retten. Auch wenn Segensgottesdienste oder -andachten angeboten werden, stehen die Leute Schlange.
Ist der Mensch also segensbedürftig?
Auf jeden Fall. Wir sind ja soziale Wesen. Sich auf den Weg zu machen, heißt immer auch, den Mut aufzubringen, den nächsten Schritt zu tun. Manchmal weiß man nicht, wohin der Weg führt. Da tut ein Segen gut mit dem Zuspruch: Ich gehe mit dir. Das gilt ganz besonders an Übergängen im Leben.
Zum Beispiel?
Bei Geburt, Taufe, Einschulung, Hochzeit, aber auch bei Abschieden. Da braucht es in besonderer Weise die Versicherung, dass andere Menschen und Gott mit dir gehen und dir Kraft und Gnade schenken. Beliebt ist auch ein Reisesegen oder ein Segen zum neuen Jahr. Und es gibt Lebensmomente zwischendurch: wenn ich einen neuen Job anfange, mich unsicher fühle oder neu auf Menschen zugehe, mit denen ich Streit hatte.
Was bedeutet es Ihnen persönlich, Menschen zu segnen?
Das gehört zu meinen schönsten Momenten als Pastor: in seelsorglichen Situationen, wo Segen eine unfassbare Kraft entwickeln kann, aber auch an den Lebensübergängen, die oft eingebunden sind in einen Gottesdienst, und auch am Ende jedes einzelnen Gottesdienstes. Eine Erinnerung aus meiner Kindheit: Ich wollte mich am Weihnachtsabend noch mit Schulfreunden treffen, wir hatten uns vor der Kirche verabredet. Ich war etwas eher dort und habe durch die geöffnete Tür gesehen, wie der Pastor die Gemeinde segnete. Diese große Geste hat mich nachhaltig beeindruckt.
Was kann ein Segen bewirken?
Er hat natürlich eine psychologische Wirkung, ist aber mehr als das. Wenn ich einen Segen ausspreche, bitte ich Gott, diesen Segen durch mich weiterzugeben. Ich stelle mich als Kanal zur Verfügung, öffne mich für die Kräfte Gottes und lasse sie durch meine Hände, die ich zum Beispiel auf den Kopf eines Konfirmanden lege oder auf die Köpfe eines Hochzeitspaares, hindurchfließen. Es ist unglaublich, was man da in den Händen spürt, wie viel Energie vorhanden ist.
Wer darf segnen?
Jeder kann segnen und jeder darf segnen. Eltern oder Großeltern können Kindern morgens ein Kreuz auf die Stirn zeichnen mit den Worten: Geh mit Gott. Aber es kann auch weniger kirchlich sein insofern, dass Menschen mir die Hand auf die Schulter legen und damit signalisieren: Ich stehe hinter dir. Wenn das zum Beispiel ein Vater bei seinem Sohn tut, stärkt das die Beziehung ungemein. Das Gegenteil: Wenn Eltern ihren Segen verwehren, also das, was ich so mache, nicht gut finden – das kann einen innerlich zerreißen.
Noch heute sagt man ja in vielen Situationen: Meinen Segen hast du.
Genau. Und umgekehrt kann man auch sagen: Dieses Kind ist uns zum Segen geworden. Oder: dieser Mensch ist mir zum Segen geworden, weil er mein Leben bereichert oder mir weitergeholfen hat, wo ich mich allein nicht getraut hätte.
Ist Ihr Segen, den Sie als Pastor geben, eigentlich mehr wert als der Segen eines Familienmitglieds?
Es gibt da keine Abstufung. Aber viele Leute meinen, der Pastor oder die Pastorin habe einen engeren Draht zu Gott. Irgendwie vermitteln wir dieses Gefühl. Vielleicht öffnen wir darüber den Raum, dass sich auch andere für Gott öffnen. Das Schöne ist: Wir können uns nicht selbst segnen. Man kann um Segen bitten, aber er ist wie alles Wichtige im Leben, wie Liebe oder Vergebung, Dinge, Geschenk.
Welche Segensformen gibt es?
Es kommt auf die Geste und auf die guten Worte an. Welche Worte das genau sind, ist gar nicht so entscheidend. Bei einem Segen kann man nichts falsch machen. Aber er sollte spürbar sein. Zum Beispiel, wenn ich jemandem die Hände auflege. Denn Segen berührt. Ich kann aber auch eine Kerze für jemanden anzuzünden, dem es schlecht geht oder der trauert und ihm ein Foto davon schicken. Das sagt aus: Ich denke an dich, ich trage das, was du trägst, mit, und ich bitte Gott, es auch zu tun.
Wo kommt Segen in der Bibel vor?
An sehr vielen Stellen. Mir gefällt die Geschichte, in der Jesus die Kinder segnet (Markus 10, 13-16). Da geht mir immer das Herz auf. Weil Segen zum Ausdruck bringt, dass ich jemanden vertrauensvoll annehme. Die Jünger wollen die Kinder abweisen. Als Jesus das bemerkt, ruft er die Kinder zu sich. Luther übersetzte das wunderschön: „Jesus herzte sie, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.“ Da kommt so viel Nähe und Liebe und Verbindung zum Ausdruck.
Was ist Ihr Lieblingssegensspruch?
Ich mag den Aaronitischen Segen, den Priestersegen aus dem Alten Testament, weil er etwas Poetisches hat. Auch den irischen Segen liebe ich sehr. Aber oft passe ich meine Worte der jeweiligen Situation an. Dennoch entfalten überlieferte Segenssprüche, die zum Beispiel auf Karten zur Geburt eines Kindes verschickt werden, ihre Kraft, weil sie darüber hinweghelfen, wenn wir Menschen keine Worte mehr finden.
Neujahrssegen
Gott der Zeit und der Ewigkeit.
An der Schwelle zum neuen Jahr
bitten wir dich um deinen Segen.
Segne uns – erfülle du uns mit Glauben,
damit wir in Treue zu dir und uns selber
unseren Weg durch diese Zeit gehen.
Segne uns – erfülle du uns mit Hoffnung,
damit wir mit Zuversicht Schritte wagen
auf unsere Mitmenschen und die gemeinsame Zukunft.
Segne uns – erfülle du uns mit Liebe,
damit wir die Güte im Herzen tragen
und mit Wohlwollen das Leben mit den anderen teilen.
(Bruder Titus, 2001)