Uraufführung auf dem Katholikentag

Sonnengesang neu vertont: Ein Lied für die Schöpfung

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Demo für Klimaschutz
Nachweis

Foto: imago/Alexander Pohl
 

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Seit Jahren demonstrieren viele Menschen für Klimaschutz. Sie wollen eine lebenswerte Zukunft für unsere Kinder.

800 Jahre nach dem Tod des heiligen Franz von Assisi hat der Komponist Ludger Vollmer seinen Sonnengesang neu vertont. Beim Katholikentag in Würzburg wird das Werk uraufgeführt. Es lobt Gottes Erde – und warnt vor der Gefahr, in die die Menschen sie bringen.

Die Sonne und den Wind nannte er seine Brüder, das Wasser und den Mond seine Schwestern. Franz von Assisi liebte die Schöpfung, die Erde mit ihren Früchten und die Tiere. Er sah sich als eines unter vielen Wesen, nicht als überlegener Mensch – und drückte seine Wertschätzung im Sonnengesang aus. Der Bettelmönch und Vater der franziskanischen Ordensgemeinschaften schrieb den „Cantico delle Creature“, wie er im Altitalienischen heißt, das „Loblied der Geschöpfe“ im Winter 1224/1225 in San Damiano in der Nähe von Assisi. 

800 Jahre nach dem Tod des Heiligen hat der Komponist Ludger Vollmer diesen Sonnengesang neu vertont. Seine Musik mit Gesang, Orgel und traditionellen Instrumenten wird unter dem Titel „Il Cantico delle Creature“ am 15. Mai beim Katholikentag in Würzburg uraufgeführt. Dabei geht es nicht nur um das Lob der Schöpfung, sondern auch um die Gefahr, in der sie sich befindet – verursacht durch die Menschen.

Zwischen den Strophen des Sonnengesangs wird der Naturwissenschaftler, Fernsehmoderator und evangelische Christ Harald Lesch seine Gedanken zur Schöpfung vortragen. Lesch ist vor allem durch die ZDF-Sendung „Terra X“ bekannt. Häufig warnt er dort vor den Auswirkungen des Klimawandels – etwa vor Konflikten um Trinkwasser und davor, dass immer mehr Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen, je weiter sich die Erde aufheizt. 

Wenn es mit dem Klimaschutz so langsam weitergeht wie bisher, könnten „Gebiete etwa 1000 Kilometer nördlich und südlich des Äquators einfach unbewohnbar werden“, sagt Lesch. Und zählt auf, was noch passiert: Küsten werden überschwemmt, Nahrungsmittel werden knapp, Extremwetterereignisse wie Fluten oder Dürren kommen noch häufiger vor als bisher. 

Lesch vergleicht die Folgen des Klimawandels mit einem „sozialen Meteoriteneinschlag“ und nennt auch die Verantwortlichen: die Menschheit selbst. „Wir setzen so viel Kohlenstoff frei, wie die Erde in einer Million Jahren abgelagert hat“, erklärt er. In den vergangenen 70 Jahren habe die Menschheit so große Energiemengen verbraucht wie zuvor in 12 000 Jahren.

Arm, frei und glücklich

Dem gewaltigen menschlichen Rohstoff- und Energiebedarf stellt der Komponist Vollmer in seinem neu vertonten Sonnengesang den heiligen Franziskus gegenüber, der sich dazu entschied, arm und frei von Besitz zu leben. Der reiche Kaufmannssohn erkannte, dass Luxus und Partys ihn nicht glücklich machen. Er gründete eine Bruderschaft, in der alle alles gemeinsam hatten, was zum Leben notwendig war. Wenn er reiste, dann zu Fuß; übertragen in die heutige Zeit würde das bedeuten, mit der Bahn zu fahren statt mit dem Auto – und aufs Fliegen zu verzichten.

Die Beschäftigung mit dem Text und mit seinem Autor habe ihn „zutiefst berührt und erschüttert“, sagt Vollmer. Für ihn ist Franziskus „der Zwillingsbruder von Jesus“. 

Bei einem Studienaufenthalt in Israel ist Vollmer vor einigen Jahren in das Dorf Kafarnaum am See Gennesaret gefahren, in dem Jesus und seine Jünger eine Zeit lang gelebt haben, vermutlich vom Ertrag ihrer handwerklichen Arbeit und vom Fischfang. „Umgeben von seinen Freunden und der unglaublich schönen, intakten Natur Galiläas hat Jesus das geniale System der Bergpredigt entwickeln können, deren Kern die Liebe ist“, sagt Vollmer. Er habe Jesus dort „als einen wirklich einfachen Menschen vor Augen gehabt“.

Für ihn ist es ein moderner Gedanke, sich wie Franziskus und Jesus nicht vom Reichtum leiten zu lassen und die Erde zu schützen, statt sie auszubeuten. „Der Sonnengesang ist ein Symbol für viele klimabewegte Menschen“, sagt Vollmer. Zu den Fans des Gedichts gehört auch der Musiker Njamy Sitson. Er wird in der Aufführung beim Katholikentag die Verse singen und mit seinen Instrumenten aus Westafrika begleiten, darunter eine kleine Harfe, Flöten, Rasseln, Conga und Cajon.

„Ich empfinde größere Demut“

Der Heilige aus Assisi begleitet Sitson, seit er lesen kann. Er entdeckte ihn vor Jahrzehnten in den Büchern seines Vaters. „Die Natur als Offenbarung Gottes – das hat mich damals wie heute fasziniert“, sagt er. „Mittendrin zu sein, einen Stein anzufassen, den Wind und das Wasser zu spüren und in allem Gott zu sehen – das finde ich stark.“ Für ihn sind Franziskus’ Worte eine Aufforderung, alle Geschöpfe zu schützen und brüderlich und schwesterlich mit ihnen umzugehen. 

Wie das konkret geht, dafür gibt es auf dem Katholikentag viele Anregungen, von fleischlosem Essen bis hin zu Einkaufstipps für nachhaltige Kleidung. Auch das Hören des Sonnengesangs könnte Menschen verändern. „Ich empfinde größere Demut und Respekt gegenüber der Schöpfung“, sagt der Komponist Vollmer, „und auch Dankbarkeit, dass sie noch da ist.“

Barbara Dreiling

Ludger VollmerZur Person

Ludger Vollmer (64) ist Komponist und Musiker. Er gewann mit seiner Arbeit zahlreiche Preise, darunter 2009 den Europäischen Toleranzpreis für seine Oper „Gegen die Wand“.

Foto: Christiane Weber