Gedenken
Vom Staunen und der Liebe
Foto: Marco Heinen
Stilles Gedenken in der Krypta von Herz Jesu.
Wenn eine Stunde vor Beginn des Pontifikalamtes in Herz Jesu ein Kranz zu Ehren der Lübecker Märtyrer am nahen Zeughaus – am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus – niedergelegt wird, ist die Zahl der Teilnehmer in der Regel übersichtlich. Diesmal waren fast 60 gekommen. Wolfgang Sandberger, Vorsitzender der Lübecker Possehl-Stiftung, ergriff das Wort; an einem Tag, „an dem die Worte verstummen angesichts dieser grauenvollen Ermordung“, wie er in Erinnerung an die Hinrichtung der Kapläne Hermann Lange, Eduard Müller, Johannes Prassek und des Pastors Karl Friedrich Stellbrink sagte. Und, so fügte er an: „Manchen im Lande freilich wäre es tatsächlich lieber, wenn es ganz still würde um die Erinnerungskultur an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus.“ Sowohl diesen wie auch den Gleichgültigen wolle er den Begriff des Staunens entgegensetzen, der schon für Sokrates „der Ursprung allen Nachdenkens“ gewesen sei. Staunen stehe gegen die Gleichgültigkeit: „Wer staunt wird wach, wird verantwortungsvoll, wird menschlich.“ Gleichwohl es auch Ausdruck des Erschreckens etwa über die Hinrichtung der Geistlichen sein könne.
Das Staunen gelte aber auch der Menschlichkeit der vier, „die über konfessionelle Grenzen hinweg sich verband, nicht in leiser Diplomatie, sondern hörbar, mutig“. Sandbergers Worte waren ein Plädoyer für das Politische, für das Hinschauen, für Zivilcourage. „Das ist eine Form der Wachsamkeit, die wir heute brauchen: Nicht nur zu sagen, was falsch ist, sondern zu handeln, wenn Menschlichkeit bedroht wird.“
Was beeindruckt an den Lübecker Märtyrern?
Zu Beginn des Pontifikalamtes unter Leitung von Erzbischof Stefan Heße in der vollbesetzten Propsteikirche berichtete Propst Christoph Giering von der Wallfahrt nach Rom und der Übergabe zweier Exponate an die Sant’ Egidio-Gedenkstätte für Märtyrer des 20. Jahrhunderts in St. Bartholomäus. Dort erinnern nun ein Stück des damaligen Beichtstuhls aus Herz Jesu sowie das Faksimile der Rechnung für Haft- und Vollstreckungskosten an die Witwe Stellbrinks an die Lübecker Märtyrer. Das Beichtgitter, das sogar über einen Rechenschieber zur Zählung Beichtender verfügt, soll Eingang in die Gedenkstätte in Lübeck finden.
Die Predigt hielt nicht der Erzbischof (der in Ermangelung seiner eigenen Mitra übrigens die rote des Nikolauses von Herz Jesu ausleihen musste…), sondern der Osnabrücker Domkapitular Hermann Wieh vom Stiftungsrat der Stiftung Lübecker Märtyrer. Er stellte den Begriff der Liebe in den Mittelpunkt. „Die Liebe zu den Lübecker Märtyrern drückt sich aus und beeindruckt die Menschen“, sagte er. Er habe sich gefragt, wie das, was das Leben der Lübecker Märtyrer ausmache, „in meiner Seele beeindruckend“ ankomme. Das erste sei für ihn die Ökumene, die „Gemeinsamkeit im Dienst für die Menschen“, das „sag niemals drei, sag immer vier“. „Ökumenisch zu denken, kirchlich zu denken, das gehört zusammen“, so Wieh.
Als zweites nannte er die Briefe aus dem Gefängnis. „Briefe, die geprägt sind vom Glauben, die geprägt sind von Menschlichkeit.“ Sie seien „elementare Zeugnisse des Glaubens, elementare Zeugnisse einer Verbundenheit mit den Menschen und vor allen Dingen einer Verbundenheit mit Jesus Christus“. Das dritte sei die Menschlichkeit, die besonders die Haushälterin Johanna Rechtien zum Ausdruck gebracht habe, indem sie ohne Angst die Gefangenen mit Wäsche, Messwein und Brot versorgt habe. Zum Schluss fragte Wieh: „Was beeindruckt Sie, jeden Einzelnen, an den Lübecker Märtyrern? Wie kann ich das, was mich beeindruckt, nicht nur wirken lassen, sondern ins Leben übertragen?“