Projekt für junge Väter

Wie hält man eigentlich ein Baby?

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Sie sind noch auf dem Weg, erwachsen zu werden – und dann bekommt die Partnerin ein Kind. Solche jungen Männer haben viele Fragen – Antworten gibt es bei Jens Fechtemeier und seinem Team.


Die drei von der Beratungsstelle: Thomas Hogeback (links), Jens Fechtemeier und Sebastian Dingelstedt. Foto: Matthias Petersen

773 144 Babys kamen im Jahr 2020 in Deutschland zur Welt. Wie die Mütter heißen, wie alt sie sind, ob die kleinen Kinder ältere Geschwister haben – solche Fragen werden in der Regel statistisch erfasst. „Über die Väter ist aber wenig bekannt“, sagt Jens Fechtemeier. Das soll sich ändern – zumindest in Osnabrück. Der Verein für Soziale Dienste Osnabrück – SKM hat ein Projekt gestartet, das sich an junge Väter wendet. Fechtemeier ist Projektkoordinator.

Die Johannisstraße in Osnabrück ist belebt an diesem Morgen. Die Apotheke hat geöffnet, vor einem Supermarkt stehen einige Kunden, ebenso vor dem Tabakladen. Ein paar Meter weiter macht eine Beratungsstelle auf sich aufmerksam. „JuP!“ steht an der Tür. Und „Aktion Mensch“. Hier hat der SKM zu Jahresbeginn ein Ladenlokal übernommen. Ganz bewusst mittendrin und nicht etwa abseits in einem sterilen Bürogebäude. 

Jens Fechtemeier und sein Team bieten hier jungen Vätern Hilfe an. Dass junge Menschen, die Eltern werden, Unterstützung bekommen können, wissen viele gar nicht. „Und wenn es Beratung gibt, dann wendet sie sich meist in erster Linie an die Frauen. Die Männer sind eher mitgemeint“, sagt Fechtemeier. Dabei hätten auch die jungen Papas ihre Fragen: Wollte ich wirklich zu diesem Zeitpunkt Vater werden? Wie wachse ich in meine neue Rolle hinein? Wie hält man eigentlich ein Baby? Und wie wechselt man eine Windel? Wer mit seiner Partnerin nicht zusammenlebt, muss sich mit Unterhaltsfragen beschäftigen. „Und das in einem Alter, in dem der junge Mann meist selbst noch in einem Findungsprozess ist und sich erst zu einem Erwachsenen entwickelt“, sagt Fechtemeier.

„JuP!“ will solche Fragen beantworten. Ob in der Einzelberatung oder in der Gruppe – auf jeden Fall als ein Angebot von außen, das vielleicht eher akzeptiert wird als das emotional beladene Gespräch mit den eigenen Eltern oder das möglicherweise problematisierte mit den Eltern der jungen Mutter. Auch wenn es rund um die Elternschaft Schwierigkeiten geben könnte, will Fechtemeier gar nicht problembeladen in die Gespräche gehen. In erster Linie will er begleiten. 

„Wir werden nicht nur im Büro sitzen und warten“

Er hat Erfahrung darin, jungen Männern zur Seite zu stehen. Das hat er in den vergangenen elf Jahren in einer Einrichtung in Bielefeld schon gemacht, jetzt hat er für „JuP!“ den Arbeitgeber gewechselt. Der Abschied war nicht einfach für ihn, aber seit drei Jahren wohnt der 45-Jährige in Osnabrück, das machte die Entscheidung leichter.

Fechtemeier und das Team wollen Fragen junger Väter beantworten, dabei steht eine Frage im Mittelpunkt, die das auf drei Jahre angelegte Projekt überhaupt erst beantworten muss: Auf welche Weise lassen sich diese jungen Leute am besten erreichen? Ob es die frisch gedruckten Flyer sind, darauf ein junger Mann, der mit einem Kind spielt? Ob es über die sozialen Medien funktioniert? Bei Instagram ist „JuP!“ schon vertreten. Mit Sicherheit geht es über die persönliche Ansprache. Deshalb wollen Peter Fechtemeier, Thomas Hogeback und Sebastian Dingelstedt, die das Dreierteam bilden, raus aus dem Büro in der Johannisstraße. Sie wollen zum Beispiel in die Schulen der Umgebung gehen, um dort Präventionsarbeit zu leisten. Oder Kontakt aufnehmen zu anderen Beratungsstellen, um sich bekannt zu machen. Eins ist sicher: „Wir werden nicht nur hier im Büro sitzen und darauf warten, dass jemand kommt.“ 

Dabei sind sie auch auf Unterstützung angewiesen. Das fängt schon mit den Finanzen an, deshalb gibt es Fördermittel von der „Aktion Mensch“. Hilfe könne es aber auch direkt in Osnabrück geben, sagt Fechtemeier. Die jungen Papas zum Beispiel mit einer Hebamme ins Gespräch bringen, das könnte er sich gut vorstellen. Auf jeden Fall soll geredet werden. Das fällt vielen Männern nicht leicht, hilft aber ungemein. „Der Satz ,Männer haben keine Probleme, nur Lösungen‘ stimmt ja so nicht“, sagt Fechtemeier augenzwinkernd.

Müssen interessierte Männer Voraussetzungen mitbringen? Abgesehen von der Altersbegrenzung auf 27 Jahre, die aber auch nicht in jedem Fall komplett festgeschrieben sein muss, kann jeder kommen, sagt Fechtemeier. Auch unabhängig von Religion oder Konfession ist jeder willkommen, auch wenn die Beratungsstelle katholisch getragen ist und Fechtemeier der evangelisch-reformierten Kirche angehört. „Kirche steht in der Öffentlichkeit im Moment nicht so gut da“, sagt er. Vielleicht sei die Arbeit der Beratungsstelle aber eine Möglichkeit zu zeigen, „dass Kirche nicht nur kritisch zu sehen ist“.

Matthias Petersen