Zugereiste Menschen erzählen

Wie Katholiken aus anderen Ländern den Advent in Deutschland erleben

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Adventskerzen
Nachweis

Foto: Unsplash/Laura Nyhuis

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Zwischen Kerzenschein und neuen Eindrücken – wie erleben Zugereiste den Advent in Deutschland?

In Deutschland ist die Zeit vor Weihnachten von vielen Traditionen geprägt: Kerzen, Lieder, Lichterketten, Märkte, Glühwein, Kekse, Stollen. Für uns ist das selbstverständlich – aber wie erleben es Katholiken, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind? Drei Zugereiste erzählen.

Von seinem ersten Advent und Weihnachten in Deutschland, sagt Coffi Akakpo, sei er „ziemlich enttäuscht“ gewesen. „Man hat uns immer gesagt: In Deutschland schneit es, da ist im Dezember alles weiß. Stimmte nicht.“ „Man“, das waren die Leute in seiner Heimat Benin. Der Priester kam aus dem westafrikanischen Land, um in Münster zu promovieren – keine sehr schneereiche Gegend. Andere Adventstraditionen haben seine Enttäuschung aber schnell gemildert: „Ich fand vieles großartig, besonders die ganzen Lichter überall auf den Straßen, in den Fenstern – das war schon zauberhaft.“

Coffi Akakpo
Coffi Akakpo. Foto: Foto Erhard Osnabrück

In der ersten Zeit hat Akakpo nahe des Osnabrücker Doms gewohnt, sozusagen mitten im Getümmel des Weihnachtsmarkts. Gestört hat ihn das nicht: „Ich bin fast jeden Abend rausgegangen. Ich fand es ein schönes Gefühl, dort zu sein.“ Gut, die vielen Glühweinbuden haben ihn schon ein bisschen irritiert. „Aber ich habe schnell verstanden, dass der Advent in Deutschland ziemlich kalt und dunkel ist. Da kann man schon verstehen, dass es andere Traditionen gibt als bei uns.“

Wobei es in Benin eigentlich gar keine großen Adventstraditionen gibt. „Advent und Weihnachten ist bei uns eine Zeit der Kinder“, sagt Akakpo. „Sie bekommen neue Kleidung und kleine Geschenke. Und sie ziehen als Trommelgruppen von Haus zu Haus und sammeln ein bisschen Geld und Süßigkeiten ein.“ Der laute Weihnachtsmarkt erinnert ihn ein bisschen daran.

Gesang und Musik – das kennt auch Elsa Vincent von zu Hause. Die Oberin der Birgittenschwestern in Bremen stammt aus Indien. „Ein wichtiger Teil unserer Tradition ist das Karol-Singen“, erzählt sie. Dabei ziehen Gruppen mit einer Jesusfigur von Haus zu Haus und singen Weihnachtslieder. „Das hat immer eine besondere, fast magische Atmosphäre.“ Das Singen findet in Indien schon vor Weihnachten statt. Entsprechend stört es Schwester Elsa nicht, dass der Advent auch bei uns oft vor der Zeit beginnt. „Ich finde es schön, dass in Deutschland die Vorbereitung auf Weihnachten schon im November anfängt“, sagt sie. „Dass die Märkte und Häuser mit Lichtern geschmückt sind und man überall die festliche Stimmung spürt.“

Nikolaus, Vorfreude, Glühwein

Besonders mag Schwester Elsa die Nikolaustradition, die sie aus ihrer Heimat so nicht kennt: „Er ist als fröhlicher, tanzender Charakter Teil so vieler Feiern. Es macht Spaß zu sehen, wie der Nikolaus den Advent mit seiner Energie und Fröhlichkeit bereichert.“

Elsa Vincent
Schwester Elsa Vincent. Foto: Christof Haverkamp

Jean-Marie Poignon und seine Frau Marie-Agnès sind vor zehn Jahren aus beruflichen Gründen aus Frankreich nach Hamburg gezogen; bald nahen der Ruhestand und die Rückkehr in die Heimat. „Aus unserer tollen Zeit in Deutschland nehmen wir mit, dass der Advent so intensiv organisiert werden kann, dass die Vorfreude auf Jesu Geburt groß ist“, sagt er. „In Frankreich ist der Advent viel weniger ausgedehnt und üppig.“ Allerdings nimmt er auch wahr, dass viele mehr die Folklore mitnehmen als die christliche Bedeutung der Zeit, gerade in der jüngeren Generation. Bei jungen Kollegen hat er den Eindruck, „dass es nur darum geht, zum Beispiel in Husum auf dem Weihnachtsmarkt den Termin bei der Bude mit dem besten Glühwein zu bekommen“.

Aus Frankreich mitgebracht hat das Ehepaar die Tradition der Rorate-Coeli-Messen, der Gottesdienste am frühen Morgen bei Kerzenlicht. In ihrer Gemeinde in Hamburg-Lurup sind die mit Corona leider eingeschlafen. Aber die beiden geben nicht auf: „In Absprache mit dem Gemeindeteam bieten wir sie in diesem Advent wieder an, montags um acht Uhr. Wir sind gespannt, ob jemand kommt.“

Eine Fastenzeit von 25 Tagen

Und wie empfinden sie alle das geistliche Leben im deutschen Advent – auch im Vergleich zu ihrer Heimat? „Der Unterschied ist schon groß“, sagt Schwester Elsa. „In Indien ist die Adventszeit sehr spirituell geprägt. Wir haben eine Fastenzeit von 25 Tagen, die uns dazu anregt, uns auf Weihnachten vorzubereiten. Der Fokus liegt ganz auf der inneren Besinnung.“ Bewerten möchte sie das aber nicht. „Beide Arten sind auf ihre Weise wunderschön“, sagt sie. Für sie sei es spannend zu erleben, „wie in beiden Ländern der Geist von Weihnachten auf eigene Art gefeiert wird“.

Coffi Akakpo kennt aus dem Benin den Advent nicht als besonders geprägte Zeit – auch religiös nicht. „Bei uns sind die Kirchen immer voll“, sagt er und lacht. In Deutschland erlebt er das anders: „Ich bin seit anderthalb Jahren Pfarrer in Osnabrück. Ich habe im letzten Advent gestaunt, wie voll es am Sonntag war, wie viele Familien mit Kindern kamen. Das ist schon anders als im Rest des Jahres.“ Deshalb freut er sich auf diese Zeit: „Man spürt einfach mehr als sonst: Wir sind als Christen nicht allein!“

In einem sind sich alle einig: Die Weihnachtsmärkte haben was. „Sie tragen zur festlichen Atmosphäre bei und sind ein Highlight in der Weihnachtsvorbereitung“, sagt Schwester Elsa. Jean-Marie Poignon ist sicher: „Auch wenn wir wieder in Frankreich leben, kommen wir bestimmt im Advent nach Hamburg, um auf dem Weihnachtsmarkt am Rathaus ein Dresdnerbrot zu genießen.“ 

Susanne Haverkamp