Der Jesuitenflüchtlingsdienst und die Skilling Circles

Frauen in Afghanistan: Ein kleines Stück Freiheit

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Eine Auszubildende der Skilling Circles webt einen kunstvollen Wandteppich zum Zuckerfest.
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Foto: JRS Afghanistan

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Eine Auszubildende der Skilling Circles webt einen kunstvollen Wandteppich zum Zuckerfest.

Ein Projekt des Jesuitenflüchtlingsdienstes bietet Frauen in Afghanistan die Möglichkeit, sich zu bilden. Und das, obwohl die Taliban Frauen im Land untersagen zu arbeiten und zu lernen.

Fünf Frauen sitzen in Herat in Afghanistan im Besprechungsraum ihres Unternehmens und blicken in die Videokamera. Lächelnd, erwartungsvoll, ernsthaft. Drei von ihnen sprechen fließend Englisch und übersetzen für die anderen, die Dari sprechen. Stolz erzählen sie von ihrer Arbeit. Sie produzieren Teppiche, Wandteppiche und kleine gehäkelte Tiere für Kinder oder verzieren Stoffe.

Sie koordinieren etwa 100 Frauen und Mädchen und sind für die Ausbildung neuer Mitarbeiterinnen zuständig. Eine von ihnen, Sharifa, betreut die Teams als Sozialarbeiterin. „Ich sorge dafür, dass besonders die Jugendlichen fair und mit Respekt behandelt werden“, sagt sie. Eine der Anwesenden ist gerade in der Ausbildung. Sie soll hier Zahra genannt werden. Alle Namen sind zum Schutz der Frauen verändert.

„Sie lachen miteinander, sie helfen sich, sie wirken lebendig.“

Zahra sagt, dass ihr die gemeinsame Arbeit Spaß macht. „Wir können voneinander lernen, wir können miteinander sprechen und fühlen uns nicht allein“, sagt sie. Sie produzieren an mehreren Standorten in Herat und Kabul. Sie weben, sticken, schneidern und verkaufen ihre Produkte selbst, in Afghanistan wie auch in andere Länder.

Wie ist das möglich? Seit der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 dürfen Frauen und Mädchen in Afghanistan nicht mehr arbeiten, keine Schulen oder gar Ausbildungseinrichtungen besuchen. Sie sind gezwungen, zu Hause zu bleiben, und sind oftmals voneinander isoliert.

Was die Frauen erzählen, klingt wie ein Wunder. Ihr Projekt heißt Skilling Circles, übersetzt: Fähigkeitenzirkel. Sie arbeiten nicht nur, „sie lachen miteinander, sie helfen sich, sie wirken lebendig“, sagt Fatima. Sie ist eine der Bereichsleiterinnen. Früher war sie Lehrerin wie viele ihrer Kolleginnen. Nach der Machtübernahme der Taliban durfte sie nicht mehr arbeiten. „Ich war die ganze Zeit zu Hause und tat nichts, außer bei den Kindern zu sein. Das war nicht, wovon ich geträumt habe“, sagt sie. Fatima wollte nicht nur selbst erfolgreich sein: „Ich wollte anderen Frauen helfen, ihre Fähigkeiten auszubauen und ihr Wissen zu nutzen.“

Die Frauen arbeiten gemeinsam

Seit vielen Jahren kannte sie die Arbeit des Jesuitenflüchtlingsdienstes (JRS) in Afghanistan. Deshalb engagierte sie sich, als der JRS 2023 die Skilling Circles gründete, und warb ehemalige Schülerinnen als Teilnehmerinnen für das Projekt. Die haben nun zwar keinen Schulunterricht mehr, aber eine Beschäftigung und einen Verdienst von etwa 15 Dollar im Monat. Das reicht nicht für Familien mit Kindern, „aber es hilft, einige Grundbedürfnisse zu stillen“, sagt Arezu, die Jugendkoordinatorin.

Am wichtigsten ist den Frauen jedoch, dass sie nicht mehr allein sind. Die Auszubildende Zahra erzählt, dass viele junge Frauen zu Hause depressiv geworden sind. „Manchmal fühlen wir uns nur noch physisch am Leben“, sagt sie. Für Sandesh Gonsalves ist es daher „ein Meilenstein, dass die Frauen miteinander arbeiten“. Gonsalves ist der Direktor des JRS in Afghanistan und hat die Skilling Circles mit auf den Weg gebracht. Den Teilnehmerinnen sei das Projekt so wichtig, dass sie dort bleiben und arbeiten wollen, „solange es ihre Familien erlauben und solange es keine Einschränkungen gibt“, sagt er. Im November arbeiteten 658 Frauen in dem Projekt. Anfang 2026 sollen es über 900 sein.

„Wir lehren nichts, was die Regierung als verboten ansieht.“

Mit zweieinhalb Jahren sei die Ausbildung bei den Skilling Circles viel länger als gewöhnliche sechsmonatige Berufsausbildungen in Afghanistan, sagt Gonsalves. Während dieser Zeit lernen die Frauen verschiedene Fertigkeiten. „Schneidern, sticken und Teppiche weben können sie bereits, denn das haben sie von ihren Müttern gelernt“, erklärt er. Nun gehe es darum, Designs zu entwerfen, Kosten zu berechnen, ihre Produkte zu vermarkten und mit Kunden im Ausland zu kommunizieren. Dafür müssen sie lesen, schreiben, rechnen und Englisch können. Kenntnisse, die sie nun quasi nebenbei erwerben oder ausbauen.

Die afghanische Regierung akzeptiere das Projekt, weil es „ein Berufstraining für traditionelle afghanische Handwerkskunst ist“, sagt Gonsalves. „Wir lehren nichts, was die Regierung als verboten ansieht: Computerkenntnisse, Büroarbeit oder Erziehung. Nichts, was im Widerspruch zum islamischen Recht steht.“

Ob eine Frau bei den Skilling Circles mitmachen kann, hängt auch von der Erlaubnis ihrer Familie ab. Die Jugendkoordinatorin Arezu hört von jungen Frauen, die entmutigt sind. „Noch nicht mal ihre Eltern vertrauen ihnen“, sagt sie. Sie sagten ihnen etwa: „Wir glauben nicht, dass diese Arbeit einen Nutzen hat.“ Oder: „Du schaffst das sowieso nicht.“

Noch ist das internationale Geschäft mühsam und funktioniert über persönliche Kontakte. Gonsalves berichtet, dass sie im vergangenen Jahr Bestellungen aus Kanada, Spanien, Italien und Frankreich hatten und dass er versucht, auch Fairhandelshäuser von ihren Produkten zu überzeugen.

Bereichsleiterin Fatima sagt, für die jungen Frauen gehe es darum, „eines Tages auf ihren eigenen Füßen zu stehen und nicht mehr abhängig zu sein von Hilfsorganisationen“. Wie die Zukunft aussehen wird, das wissen sie nicht. Aber sie tun alles dafür, dass sie und ihre Familien klarkommen.

Barbara Dreiling

Mehr Infos zu den Skilling Circles auf jesuitenweltweit.de/afghanistan